Auf Netflix: Tiger King

Millionen Menschen haben mittlerweile auf Netflix die Doku-Soap „Tiger King“ gesehen. Mit der Faszination für Großkatzen hat das jedoch wenig zu tun.

Joe Exotic füttert einen Tiger mit der Flasche – noch eine der normaleren Szenen in der Serie. (Foto: Netflix)

Joe Exotic – ein schwuler „Redneck“, der stets eine Schusswaffe mit sich trägt, einen Kleiderstil irgendwo zwischen Zirkusdirektor und Cowboy pflegt und dessen Markenzeichen eine blondierte Vokuhila ist – sitzt im Gefängnis. Wie konnte es soweit kommen, dass der exzentrische Zoobesitzer, der über 200 Großkatzen wie Tiger, Löwen, Leoparden und Pumas besaß, wegen versuchten Auftragsmordes und Verstößen gegen das Tierschutzgesetz hinter Gittern gelandet ist? Dieser Frage geht eine neue Dokuserie auf Netflix nach, die nicht zuletzt wegen der Covid-19-Krise enorm populär wurde. Über 34 Millionen Menschen sollen sie laut dem Marktforschungsunternehmen Nielsen in den ersten zehn Tagen nach ihrem Erscheinen gestreamt haben.

Exotic mag sich selbst als der titelgebende Tigerkönig vermarktet haben, er ist jedoch nicht der einzige Besitzer eines privaten Zoos, der in der Netflix-Dokumentation auftaucht. Prominente Rollen spielen Carole Baskin und ihr dritter Mann Howard, die gemeinsam das „Big Cat Rescue“ in Florida betreiben, und Bhagavan „Doc“ Antle, der ebenfalls einen privaten Zoo sein eigen nennt. Fokus der Serie ist aber Joe Exotic, sein Privatleben und vor allem seine Konflikte mit Baskin, die ihn der Tierquälerei bezichtigt. Die Tiger und anderen Großkatzen geraten im Laufe der Serie immer weiter in den Hintergrund.

True Crime oder Doku-Soap?

Exzentrische Charaktere, gefährliche Tiere, ein unter mysteriösen Umständen verschwundener Ehemann und ein Auftragsmord – bei diesen Zutaten ist durchaus zu verstehen, warum „Tiger King“ ein Publikumshit wurde. Allerdings fällt es schwer, das Format der Serie einzuordnen. Netflix vermarktet „Tiger King“ als True Crime-Serie, also eine Dokumentation über echte Verbrechen, wie sie in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen haben.

Die Art und Weise, wie Geschehnisse dargestellt und von den einzelnen Personen in Interview-Sequenzen kommentiert werden, erinnert allerdings mehr an sogenanntes „Reality TV“, obwohl die Netflix-Serie deutlich hochwertiger produziert ist als jene Formate, die nachmittags im Privatfernsehen laufen. Eine Erzählstimme, die das Gezeigte einordnet, fehlt bis auf wenige Ausnahmen komplett. So liegt es bei den Zuschauer*innen, die Statements der Protagonist*innen einzuordnen, was nicht immer einfach ist.

Das gilt insbesondere für das Verschwinden von Baskins zweitem Ehemann, das in der dritten Folge der Serie ausführlich behandelt wird. Exotic, sichtlich von den Tierquälerei-Vorwürfen genervt, beschuldigt Baskin, den Millionär umgebracht und an ihre Tiger verfüttert zu haben. Die Serienmacher*innen zeigen Ausschnitte aus Exotics Youtube-Sendungen und einem Musikvideo, in denen dies überspitzt dargestellt wird und der Zoogründer Baskin ungehemmt mit frauenfeindlichen Beschimpfungen überschüttet. Immerhin darf der Polizist, der mit dem Fall betraut war, seine Einschätzungen abgeben. Dennoch verleitete die Darstellung in der Serie einige Zuschauer*innen dazu, Baskin im Netz zu bedrohen.

Sex, Drogen und Tigerbabies

Was die Serie ausführlich zeigt, ist, wie die Großkatzen – insbesondere als Jungtiere – von ihren Besitzer*innen dafür benutzt werden, andere Menschen zu manipulieren. Exotic zahlt seinen Mitarbeiter*innen einen Hungerlohn und stellt nur schäbige Behausungen zur Verfügung. Baskins „Big Cat Rescue“ wird von Freiwilligen betrieben, die sich wie in einer Sekte durch ein undurchsichtiges Kastensystem hocharbeiten müssen.

Ebenfalls sektenähnlich ist der private Zoo von „Doc“ Antle, der vor allem junge Frauen anstellt und sie dahingehend manipuliert, dass sie Schönheitsoperationen oder gar sexuellen Handlungen mit ihm zustimmen. Außerdem treibt er alle Mitarbeiter*innen zu pausenloser Arbeit ohne Ruhetage an. Eine Aussteigerin berichtet ausführlich über seine Praktiken und gibt an, sie habe einer Brustvergrößerung vor allem deswegen zugestimmt, weil sie durch die notwendige Erholungszeit die Aussicht auf fünf Tage ohne Arbeit gehabt habe.

Der Schluss der Serie konzentriert sich komplett auf Joe Exotic, sein komplexes und von manipulativem Verhalten durchzogenes Beziehungsleben, seine politischen Ambitionen und seinen Versuch, Baskin umbringen zu lassen. Teilweise sind die Wendungen so absurd, dass sie in einem fiktiven Werk als zu abstrus gelten würden.

Die Inszenierung von „Tiger King“ ist ganz klar darauf getrimmt, die Zuschauer*innen zum Weiterschauen zu motivieren. Auf Einordnung durch Expert*innen wird verzichtet – wie Züchtung, Käfighaltung und das Anbieten von teuren Streichelstunden mit Tigerbabies sich auf die Tiere auswirken, wird nicht erläutert. Kritik gab es nicht nur an den frauenfeindlichen Äußerungen gegenüber Baskin, sondern auch an der Darstellung eines trans Manns, der mit weiblichen Pronomen angesprochen wird. Die Serie will unterhalten und konzentriert sich deswegen auf das zwischenmenschliche Drama. Wer sich die Serie anschaut, sollte auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, dass auch eine Dokumentation nicht immer die ganze Wahrheit zeigt.

Auf Netflix.

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