Ausstellung: „Plakeg! Der Akt um 1900.“

„Plakeg! Der Akt um 1900“ erzählt vom Wandel der Aktmalerei im 19. Jahrhundert. Eine Ausstellung, die deutlich feministischer sein könnte und es versäumt den manifesten Bezug zur Aktualität herauszuarbeiten.

Liegende (Miss Robinson), 1910, Öl auf Leinwand, Albert Weisberger-Stiftung St. Ingbert, Foto: Karin Heinzel

„We rebel against the nude in painting which has become as boring and nauseating as the adultery in literature“, wird der italienische Maler Umberto Boccioni (1882 – 1916) an einer der Wände der Villa Vauban, Musée d‘art de la ville de Luxembourg (Villa Vauban) zitiert. Boccioni spielt damit auf den Wandel an, den avantgardistische Künstler*innengruppen im 19. Jahrhundert anstrebten: Sie wollten weg vom Akt des akademischen Lehrbetriebs, weg von den Berufsmodellen, weg von dem idealisierten, nackten Körper aus dem mythologischen, religiösen oder historischen Kontext.

Die Villa Vauban stellt in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover zentrale Werke der Bewegung aus, die von französischen Impressionisten (unter anderem Manet, Renoir, Degas) angestoßen wurde. Der Fokus liegt auf den deutschen, männlichen Vertretern der avantgardistischen Künstler*innenbewegung (Louis Corinth, Max Slevogt, Hans Purrmann, Albert Weisberger), auf luxemburgischen Malern (Joseph Kutter, Ernest Wurth, Frantz Seimetz) – letztere haben sich erst im 20. Jahrhundert mit der „neuen“ Aktmalerei auseinandergesetzt – sowie auf der Aktfotografie. Das neue Medium prägte das Aktstudium. Künstler wie Edward Steichen oder Eadweard Muybridge, der in den 1870er-Jahren die Technik der Serienfotografie entwickelte, gaben dem Genre mit ihren Arbeiten neue Impulse. Auch darauf verweist „Plakeg!“. Doch die Ausstellung lässt andere wichtige Aspekte außer Acht. Doch eins nach dem anderen.

Neuinterpretiert

In der Villa Vauban stößt man zunächst auf Corinths entmystifizierte Darstellung der Bacchant*innen. „Heimkehrende Bacchanten“ (1898) zeigt die Verehrer*innen des Weingottes auf der Rückkehr einer Feier zu Ehren des Bacchus: berauscht, enthemmt und nackt. Im Kontrast dazu steht unweit des Gemäldes Lorenzo Nencinis Marmorstatue „Bacchus“ (1830), die den knabenhaften Weingott liegend, grazil bei der Trauben-Verkostung verkörpert. „Plakeg!“ illustriert an weiteren Beispielen wie radikal Corinths Neuinterpretation tradierter religiöser, mythologischer und historischer Motive war.

Gleichzeitig wird an den ausgestellten Werken deutlich, inwiefern Corinth und seine Zeitgenossen (in der Ausstellung werden ausschließlich die Werke männlicher Künstler gezeigt) Nacktheit generell in einen neuen, naturalistischen Kontext setzten. Nacktheit und Körper sind bei ihnen Ausdruck von Körperlichkeit, Natürlichkeit, Intimität. Sie stehen nicht mehr ausschließlich im Zusammenhang mit Religion, Mythologie und Geschichte. Statt steifer Posen, nehmen die vorwiegend weiblichen Modelle lockere, natürliche Stellungen ein.

Geschlechterrollen und Frauendarstellung

Die Gemälde und Radierungen porträtieren die Frauen schlafend („Schlafende“ von Corinth), während der Pausen beim Aktstehen („Stehender Akt“, Corinth) oder bei der Körperpflege („Bei der Toilette“, Ibels). Der männliche Blick auf den nackten, weiblichen Körper ist voyeuristisch – und stellenweise stark sexualisiert („Der gut sitzende Strumpf“, Robbe). Im historischen Kontext betrachtet ist die Frauendarstellung der Künstlergruppe insofern revolutionär, als dass sie insbesondere die Frauenfiguren aus dem mythologischen Kontext löst, sie in privaten Situationen abbildet und reale Frauen aus dem Umfeld der Künstler ihnen Modell standen. Sie sind keine Gottheiten: Sie sind auch Prostituierte, die sich im Boudoir abschminken und sich liegend schwarze Strümpfe anziehen oder Frauen, die dem Künstler die Zunge herausstrecken. Corinths Frauen haben Hängebusen und breite Hüften.

„Plakeg“ hebt generell besonders Corinths künstlerische Interpretation der Geschlechterrollen hervor: Sie ist von neuinterpretierten biblischen Motiven (Jospeh und Potiphars Weib I und II), der Darstellung harmonischer, leidenschaftlicher aber auch rivalisierender Verhältnisse geprägt. Der Künstler kombinierte weibliche Aktfiguren mit Männern in Rüstung, stellte die bekleidete, männliche Figur oft hinter die entblößte Frau („Der Ritter“; „Umarmung“) – und zeichnete die Hand des Mannes meist an der nackten Brust der Frau („Umarmung“; „Heimkehrende Bacchanten“). Der Mann tritt in seinen Werken als Beschützer auf, selbst dann, wenn die Frau („Perseus und Andromeda“) selbstbewusst auf dem erlegten Drachen steht.

Im Begleitheft zur Ausstellung heißt es, Corinth habe damit ironisch auf gängige Rollenklischees angespielt. Der Ritter trete als Diener der Frau auf, die es doch eigentlich zu beschützen gelte. Aus heutiger Sicht eine sexistische Darstellung. Damals: avantgardistisch. Hier liegt einer der Haken an der Ausstellung. Sie lässt diesen Umstand unkommentiert in seinem eigenen, historischen Kontext stehen und reduziert die Rolle der Frau in der Aktmalerei auf den männlichen Blick auf den nackten Frauenkörper. Dabei gab es im 19. Jahrhundert auch einen Wandel, was die Frauen hinter der Leinwand, die Künstlerinnen, und die Aktmalerei betrifft.

Und weiter?

Corinth eröffnete (1901) in Berlin eine Malschule für Frauen, wie Maité Schenten, Konservatorin in der Villa Vauban im Vorbeigehen bei der Presseführung verrät. Nebenbei erzählt sie auch, dass er an der Académie Julian studiert habe, an der damals auch Frauen an Aktklassen teilnehmen durften – sowohl als Modell als auch als Künstlerin. Das ist ein interessantes Detail, denn immerhin war es Frauen im 19. Jahrhundert weitgehend versagt, Aktstudien beizuwohnen. Es ist ein Aspekt, den die Ausstellung aber wie gesagt nicht aufgreift. Warum? Wäre das nicht spannender?

Schenten erklärt auf Nachfrage, das sei mangelnden Zeugnissen weiblicher Künstlerinnen geschuldet. Es gebe nur wenige Künstlerinnen, deren Werk man rekonstruieren könne, wie etwa das der Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Die Villa Vauban widmete ihr letztes Jahr eine Einzelausstellung. Auch sie besuchte Aktklassen. Die Künstlerin hat sich im Gegensatz zu ihren Kollegen, so Schenten, auf Berufsmodelle konzentriert und ihre oft abgemagerten, kranken Körper gemalt. Im 20. Jahrhundert, um das die Ausstellung in Bezug auf die luxemburgischen Aktmaler erweitert wird, hätte man auch Lotte Laserstein (1898 – 1993) zeigen können. Das Frankfurter Städel Museum widmet der Künstlerin noch bis zum September 2019 eine Einzelausstellung. Auch sie thematisierte den Akt in ihrem Werk – und zwar völlig anders als Corinth und seine Zeitgenossen.

Zwar ist die Schau in der Villa Vauban informativ, übersichtlich und partizipativ konzipiert. Doch fehlt es ihr am Ende inhaltlich an Exklusivität. Die Darstellung der Nacktheit und Körperwahrnehmung in der Kunst, der männliche Blick auf den weiblichen Körper, Aktzeichnungen von Künstlerinnen, Zensur – das alles sind Themen, die die Ausstellung streift, aber deren anhaltende Aktualität und Komplexität sie unzureichend ausschöpft.

Um nur ein Beispiel zu nennen, warum ein zusätzlich zeitgenössischer Blick auf die Thematik interessant gewesen wäre: Das Ausstellungsteam verriet, dass Facebook die Werbekampagne auf der Plattform zensierte. Das Team hatte Teilaufnahmen von Weisbergers Miss Robinson gepostet. Damit verstieß es gegen die Facebook-Auflagen, denn die Teilaufnahmen verwiesen direkt auf die Museums-Website, auf der wiederum nackte Körper zu sehen sind – um 1900 reagierten die Autoritäten mit einem Zensurgesetz auf die Werke der avantgardistischen Künstler*innenbewegung (Quelle: nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900. Landesmuseum Hannover. Dresden, Sandstein Verlag). Interessant, wie Unsittlichkeit heute und gestern verstanden wird, oder? Und vor allem, wer Sittenpolizei spielt. Doch auch hieran knüpft „Plakeg!“ nicht an. Eine thematische Schwerpunktsetzung ist legitim, aber besonders das Thema Akt, Nacktheit in Kunst und Gesellschaft, schreit förmlich nach mehr als der unkritischen, rein kunsthistorischen Zurschaustellung.

Die Vernissage findet am Freitag, dem 15. März, um 18 Uhr statt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Juni. Weitere Infos zum Rahmenprogramm – es wird unter anderem eine Führung mit Yoga-Kurs angeboten – gibt es auf der Website der Villa Vauban.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.