Einblick in die „Manosphere“: Toxische Männlichkeit als Verkaufsargument

von | 23.04.2026

Sie hassen Frauen, lieben teure Autos, tragen große Uhren und verbringen ihre Zeit mit Aktienhandel und Fitnesstraining: Männlichkeits-Influencer sind für viele Jugendliche Vorbilder. Eine neue Netflix-Dokumentation will dem Phänomen auf den Grund gehen, bleibt jedoch oberflächlich.

Louis Theroux und Justin Waller sitzen im Cabrio-Porsche von letzterem. Waller hat ein Getränk in der Hand und trägt einen teuren Anzug, Theroux schaut skeptisch.

„Das ist nicht Erfolg“, sagt der Influencer Justin Waller über sein teures Auto. Gemeinsam mit den Tate-Brüdern betreibt er ein Onlineportal, bei dem man lernen kann, wie man schnell reich wird. (Foto: Netflix)

„Und das ist meine Geschirrspülmaschine!“, sagt der Influencer Harrison Sullivan und stellt damit seine Freundin vor: „Meine Putzfrau.“ Sie lacht verlegen und sagt mit gespielter Empörung: „Ich bin nicht die Spülmaschine.“ Mit dieser Szene beginnt die Doku und könnte hier eigentlich auch schon enden. Die Zuschauer*innen wissen bereits alles, was sie über die „Manosphere“-Influencer, die in den nächsten anderthalb Stunden vorgestellt werden, wissen müssten. Neben Sullivan, der unter dem Pseudonym „HSTikkyTokk“ auftritt, trifft sich der Dokumentarfilmer Louis Theroux mit Justin Waller, Nicolas Kenn De Balinthazy („Sneako“) und Amrou Fudl („Myron Gaines“). Sie alle verdienen ihr Geld hauptsächlich damit, Jugendlichen auf Social Media eine Mischung aus Sexismus, Körperkult und Anlagetipps zu verkaufen. Andrew Tate, der Papst der toxischen Männlichkeit, hat dem Journalisten jedoch eine Audienz verwehrt – vielleicht ist er zu sehr mit diversen laufenden Verfahren wegen Vergewaltigung und sexueller Übergriffe beschäftigt.

Theroux’ Methode als Reporter beschreibt sich am ehesten als stille Beobachtung: Er besucht Menschen mit extremen Ansichten und/oder einer Randstellung in der Gesellschaft, begleitet sie bei ihren Aktivitäten, stellt wenige Fragen und hört vor allem zu. So tat er es zuvor bereits bei Preppern, Nazis, Pornodarsteller*innen und nun bei jenen Influencern, die „traditionelle Männlichkeit“ als wichtigsten Wert im Leben jungen Männer verkaufen. Er besucht sie zuhause, in ihren Podcast-Studios oder begleitet sie beim Livestreaming auf offener Straße, wo sie Frauen belästigen oder Homosexuelle per Dating-App in eine Falle locken, um sie zu verprügeln.

Ein starker Fokus liegt auf dem Privatleben der Influencer: Theroux scheint fasziniert von der angeblichen „einseitigen Monogamie“, die mindestens zwei der vorgestellten Männer praktizieren: Während ihre Partnerinnen ihnen treu sind, vergnügen sie sich anderweitig. Die Frauen, so behaupten sie, seien damit einverstanden, sehnten sich sogar nach einem Mann, der von anderen Frauen begehrt wird. Der Dokumentarfilmer spricht die Partnerinnen der Influencer darauf an, bekommt jedoch nie eine klare Aussage. De Balinthazys Lebensgefährtin gibt an, ihr Freund sei in ihrer Beziehung nicht so, wie er sich vor Mikrofonen und Kameras gebe. Als Theroux sie darauf anspricht, dass ihr Freund davon träumt, mehrere Ehefrauen zu haben, wird sie sichtlich nervös und weicht der Frage mit den Worten „Ich bin mir nicht sicher, ob das funktionieren würde“ aus. „Sneako“ entpuppt sich damit selbst vor allem als Angeber. Der Influencer schickt seine Freundin kurzerhand „aufräumen“, sie darf später nicht mehr mit Theroux reden.

Der Dokumentarfilmer versucht auch, andere Diskrepanzen aufzudecken: Sullivan nennt Frauen, die auf der Plattform „OnlyFans“ Erotikinhalte verkaufen, „eklig“. Dennoch besitzt er eine Firma, die solche Erotikmodels managed und nutzt seine Reichweite auf Social Media, um die Frauen zu promoten. Er sieht darin keinen Widerspruch. Er sorge dafür, dass seine zukünftigen Kinder einen hohen Lebensstandard hätten. Das Model, das während des Gesprächs neben ihm sitzt, stört das nicht: Sie lasse sich nicht von den Urteilen anderer beeinflussen.

Vorbilder für Millionen Kinder

Während sich aus den meisten Gesprächen, die Theroux mit den Influencern führt, wenig Erhellendes herausziehen lässt, so hat die Dokumentation dennoch einige interessante Aspekte. Fast komisch wirkt die Angewohnheit der Social-Media-Figuren, den Interviewer zu ignorieren und stets in die Kameras der Filmcrew zu schauen – ihr Leben und Schaffen findet in der Selfieperspektive statt. Trotz Millionen von Followern ist eine Dokumentation auf Netflix wohl etwas, was den Männern Ehrfurcht einflößt: Nicht nur, dass sie Theroux Zugang gewähren, sie machen sich auch Sorgen darum, wie sie dargestellt werden. So werden immer wieder Ausschnitte aus Sullivans Livestreams gezeigt, in denen er präventiv sagt, Theroux könne ihn ruhig als „Rassisten, Homophoben, Scammer und Zuhälter“ bezeichnen, das mache ihm gar nichts aus. Dass die Dokumentation eine solche Einordnung überhaupt nicht vornehmen muss, weil die Influencer ständig zu provozieren versuchen – von sexistischen Sprüchen bis hin zu wildesten antisemitischen Verschwörungstheorien kommt so gut wie jede Form der Hassrede vor – kommt ihnen vermutlich nicht in den Sinn.

Eine weitere Beobachtung ist eher bestürzend: Ist Theroux mit den Influencern unterwegs, werden sie stets von Fans auf der Straße erkennt. Es handelt sich ausnahmslos um junge Männer, viele davon im Teenageralter. Die machen Selfies und freuen sich. Ihre Erklärungen, warum die Männer für sie „Vorbilder“ sind, wirken seltsam: „Männer werden ohne Wert geboren. Als Mann musst du etwas aus dir machen.“, versucht es einer. Frauen haben in dieser verqueren Weltsicht übrigens deswegen Wert, weil sie Brüste und eine Vagina haben – trans und nicht-binäre Menschen kommen in diesem Weltbild schlicht nicht vor. Andere Fans betonen, dass die Influencer sie motivieren, weniger zu jammern und etwas aus ihrem Leben zu machen.

Während Theroux den Vorteil hat, seine Erlebnisse mit den Influencern zu einer kohärenten Geschichte zusammenschneiden zu können, nutzen die jungen Männer ihre Livestreams, um ihre Begegnungen mit ihm zu dokumentieren. Daraus werden wiederum kurze Clips geschnitten, die später auf sozialen Netzwerken – auch jenen, auf denen die Influencer gesperrt sind – zirkulieren. Der Journalist betont immer wieder, er sei „kein Content“, doch alleine dadurch, dass er sich mit den Männern trifft, wird er Teil ihrer Verwertungsmaschine, die vor allem auf das Brechen von Tabus und Empörung ausgelegt ist. Gegen Ende der Dokumentation kommt es zur Konfrontation zwischen dem Reporter, Sullivan und dessen Mutter. Sie wirft Theroux vor, die gleichen Mechanismen zu benutzen wie ihr Sohn und von dessen Tabubrüchen zu profitieren – eine Betrachtungsweise, der man durchaus etwas abgewinnen kann.

Unzureichende Analyse

Theroux erklärt sich die sexistischen, rassistischen, antisemitischen und oft verschwörungsgläubigen Weltbilder der Influencer mit deren Kindheit und Aufwachsen. Meist sei der Vater abwesend gewesen, so die küchenpsychologische Erklärung. Welche Wurzeln die Ideologie(n) der Männer haben, wird nicht ergründet. Dabei lässt sich eine Linie ziehen von frühen antifeministischen Kampagnen (zum Beispiel „Gamergate“) über die sogenannte „Incel“-Kultur bis zu den Influencern von heute. Das neoliberale Narrativ, dass jede*r es schaffen kann, wenn man sich nur genug anstrengt, wird nicht in Frage gestellt – dabei ist dieses Versprechen und der vermeintliche Reichtum der Influencer ein Merkmal, das sie für Jugendliche besonders attraktiv macht. Auch über die Rolle der sozialen Netzwerke, in denen die Männer ihren Hass verbreiten, wird kaum geredet. So werden ihre Accounts zwar gesperrt, die Clips aus ihren Streams zirkulieren jedoch weiter auf „Youtube“, „Instagram“ und ähnlichen Plattformen.

Genauso wie die strukturelle Analyse fehlt der Dokumentation ein feministisches Gegengewicht. Das hätte natürlich nicht in Theroux’ Konzept gepasst, seine Subjekte einfach für sich sprechen zu lassen – den Zuschauer*innen obliegt es dann, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Wer Sexismus als solchen erkennt, kann das tun – wer aber bereits von der Ideologie der gezeigten Influencer angefixt ist, wird hier keine Probleme sehen. „Inside the Manosphere“ ist sicher ein gutes, leicht zugängliches Werk für alle, die keine Ahnung haben, worum es bei den Männlichkeits-Influencern geht und was für ein sexistisches Weltbild sie täglich verbreiten. Es handelt sich um ekelhafte Machos – wie sie selbst in den ersten Minuten überdeutlich machen. Darüber hinaus erfährt man jedoch wenig Neues.

Louis Theroux: Inside the Manosphere. UK 2026, von Adrian Choa mit Louis Theroux. 90‘. Auf Netflix.

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