NIEDERLANDE: Willem der Letzte

Nicht alle Niederländer werden den neuen König am kommenden Dienstag freudig begrüßen. Für die Gegner der Monarchie ist der Thronwechsel Anlass zum Protest.

Was hat sie da nur auf dem Kopf? Am 30. April gibt Beatrix die Krone an ihren Sohn Willem ab.

„Königin Beatrix. Den Haag“ steht auf dem Kuvert. Es ist großformatig, einen Meter lang, einen halben breit, und von diesem unverwechselbaren Dunkelblau mit leichtem Violettstich, das alle steuerpflichtigen Niederländer kennen. Und jeder scheint genau über solche Kuverts zu reden, an diesem eiskalten Morgen, in der S- Bahn, im Radio, überall geht es um den Tag, dem sie seinen Namen gaben. mehr lesen / lire plus

PUNKROCK: Ton, Steine, Schleim

Die Biographie der Polit- Punkband Slime konnte nicht anders heißen als „Deutschland muss sterben“. Nuancen und Humor schließt das nicht aus. Jetzt gehen Autor und Band zusammen auf Lesereise.

Die Nachfolger der Ton Steine Scherben im deutschen Politrock: Slime.

Vielleicht liegt es daran, dass Daniel Ryser früher Slam Poet war. Man merkt das an der Art, wie er auf der Bühne steht: Er ist ein Darsteller, kein Fan, und erst recht kein Vorbeter eines Politpunk-Kults, dessen Protagonisten gleich ihre x-te Wiederauferstehung feiern werden. Ryser, 33, Journalist beim Schweizer „Magazin“, erzählt und performt Geschichten, er jongliert mit Episoden und zelebriert die Pointen. mehr lesen / lire plus

BELGIEN: Schmal im Gesicht, dick im Geschäft

Der flämische Nationalist Bart de Wever will kommenden Sonntag Bürgermeister von Antwerpen werden. Doch dies soll nur der erste Schritt sein, auf dem Weg zu einem selbstständigen Flandern.

Hofft auf breite Zustimmung unter den Wählern: Bart de Wever kämpft um den Posten des Bürgermeisters von Antwerpen.

Früh am Samstagmorgen scheint es, als warte die N-VA in Antwerpen-Berchem auf den Messias. Aufgeregt stehen die örtlichen Mitglieder der „Neu-Flämischen Allianz“ auf der noch unbelebten Hauptstraße. Die meisten sind mittleren, einige fortgeschrittenen Alters, wenige jung. Gekleidet sind alle in sattem Gelb und Schwarz, den Farben der flämischen Fahne. Das Kampagnenmaterial für die Tour durch das Quartier im Westen der Stadt wird in ein Lastenfahrrad geladen. mehr lesen / lire plus

NIEDERLANDE: Die Kettensäge des Kommunismus

Vor den niederländischen Parlamentswahlen dreht sich fast alles um die Krise und die Frage, wie sozialistisch die Sozialisten wirklich sind.

„Kiezmetzger“ und Schreckgestalt des niederländischen Kapitals: Emile Roemer, sozialistischer Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten.

Der niederländische Ministerpräsident schlug drastische Töne an. „Wollen wir mit sozialistischer Politik Griechenland nachfolgen?“, fragte Mark Rutte, als er Ende August in Rotterdam seinen Wahlkampf begann. Mit dieser Beschwörung spielte er auf die Sozialistische Partei (SP) an, die größte Konkurrentin von Ruttes wirtschaftsliberaler Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD). Investieren statt Sparen lautet die Devise der SP zur Bekämpfung der Krise, und seit Monaten schneidet sie in Umfragen sehr gut ab. mehr lesen / lire plus

NIEDERLANDE: Ausgedampft

Seit Cannabistouristen im Süden der Niederlande nicht mehr erwünscht sind, hat sich die Situation gründlich verändert. Das Parkproblem ist gelöst – dafür aber wird auf den Straßen gedealt.

Und plötzlich wähnt man sich im Rifgebirge. Gleich hinter den Anlegern der Maas-Redereien, wo Fahrgäste auf Boote warten, beginnt es zu zischeln wie in den Gassen von Chefchaouen: „Kss, kss“, klingt es den Passanten entgegen. „Français? Belge? Deutsch?“ Wer den Blick nicht abwendet, bekommt ein beflissenes „tu veux quelque chose?“ zu hören. Dazu malen Daumen und Zeigefinger imaginäre Päckchen in den Wind: „Marihuana?“ Es ist Sommer auf der Uferpromenade in Maastricht, und Straßendealer bei der Acquise gehören in diesem Jahr zum Alltag. mehr lesen / lire plus

FRANKREICH: Im Schatten der olympischen Ringe

Die französische Hafenstadt Calais träumt von den Olympischen Spielen. Als Vorort Londons will man Touristen und Sportler anziehen. Auch Transitmigranten hoffen auf einen Trip über den Kanal. Sie jedoch sind weder in England noch in Calais erwünscht.

Der Weg nach Großbritannien führt über diesen Zaun: Transitmigranten versuchen auf das Fährterminal bei Calais zu gelangen.

Diese Lichter! Jedes Mal, wenn Abdullah nachts aus dem Zelt schaut, scheinen sie über das Meer zu ihm herüber. Über Tausende Kilometer Staub und Strapazen hinweg hat ihn der Gedanke an diesen Ort getragen, eine gutes halbes Dutzend Grenzen hat er überwunden, und jetzt sind sie so nah! mehr lesen / lire plus

NIEDERLANDE: Parteipolitischer Swingerclub

Nach dem Scheitern der Rechts-Regierung unter Duldung von Geert Wilders‘ Partei PVV erklingt im holländischen Parlament das Lied der goldenen Mitte. Doch der Kompromiss wird nicht von langer Dauer sein. Die PVV schärft derweil ihr soziales Profil.

Leider viel zu selten: Geert Wilders mit geschlossenem Mund.

Es wird eng in der Mitte: Markt- und Linksliberale, Grüne, Christdemokraten und Sozialcalvinisten, alle drängen sich in diesem Frühling im Zentrum des politischen Spektrums der Niederlande. Die Mitte ist dieser Tage der „place to be“ in Den Haag, dort findet sich das Rezept gegen die Haushaltsmisere wie auch gegen die unverhohlenen Drohungen der Rating-Agenturen. „Aus der Mitte heraus reformieren wir das Land“, verkündete daher Alexander Pechtold, Fraktionsvorsitzender der linksliberalen Partei „Democraten66“, Ende April. mehr lesen / lire plus

BELGIEN: Symphonie in Rost

Verfall als Marktlücke: Ein Künstler führt Touristen durch die Industriebrachen von Charleroi. Die woxx war dabei.

Ambiente für eine Safari der etwas anderen Art: Die Industriebrachen von Charleroi.

Haben Sie schon einmal auf einer Kohlehalde gepicknickt? Es ist nicht so übel, wie Sie denken. Man schlägt sich durch kniehohe Gewächse, geht an Beeren und Apfelbäumen vorbei, fast ist es schwierig, den Anblick nicht pittoresk zu finden. Dann der Aufstieg, steil und anstrengend, man muss aufs Gelände achten. Also sieht man Blumen, lila, gelb, weiß, und schwarzes Geröll, das unter dem Gras durchschimmert. Und wie Touristen so zu sagen pflegen, der Ausblick entschädigt für alle Mühe: linkerhand der Fluss, träge in seinem künstlichen Bett. mehr lesen / lire plus

BELGIEN: Verurteilt zum Erfolg

Nach anderthalb Jahren Dauerkrise hat Belgien wieder eine Regierung. Begrüßt wird sie mit Erleichterung, zu Euphorie besteht indes wenig Anlass.

Er soll gleich zwei Aufgaben erledigen, die so manchem wohl als unlösbar erscheinen: Von Premierminister
Elio Di Rupo wird nicht nur erwartet, Belgien durch die Wirtschaftskrise zu steuern, sondern die zerstrittenen Landesteile zu versöhnen.

Eine Fundgrube für Schlagzeilen ist er ohne Frage, dieser Di Rupo: der Obama Europas, Belgiens „American Dream“, aufgestiegen aus den staubigen Baracken der Montangebiete auf den Premiersessel, zugleich die personifizierte homosexuelle Emanzipation. Formidables Material für markante Überschriften und die entsprechenden Artikel bietet die Personalie Elio Di Rupo (Parti Socialiste) also allemal, seit er zu Beginn der Woche zum neuen Premierminister Belgiens ernannt wurde. mehr lesen / lire plus

FLÜCHTLINGE: In Oostende dreht sich der Wind

Noch gibt es in Oostende weniger Kontrollen als in Calais: die belgische Hafenstadt ist der neue Hotspot, um unerkannt nach England zu kommen. Doch auch hier will man nun gegen Flüchtlinge vorgehen.

Den Transitmigranten auf der Spur: Beamte des britischen Zoll untersuchen im Hafen von Oostende einen LKW mittels elektronischer Sonden.

Elektrozäune lügen nicht. Nicht an einem Ort wie diesem, und schon gar nicht, wenn sie in sieben engen Reihen gespannt sind, die sich über dreihundert Meter Länge die Böschung der Brücke entlang ziehen. Unten fahren die LKW vorbei auf die Fähre. Manche halten hier, wenn sie früh dran sind, noch einmal an. mehr lesen / lire plus

BELGIEN: Ein Land am Limit

Seit einem Jahr ist Belgien mittlerweile ohne Regierung. Während ein Teil der Bevölkerung mit dieser Situation sehr gut leben kann, versuchen andere, die Spaltung auszuweiten. Ein Streifzug durch das Land, in dem der Ausnahmezustand zur Regel wurde.

Noch sind die Fahrpläne nicht an den Sprachgrenzen orientiert:
Busfahrer Christian Nuttinck zählt zu den pragmatischen Belgiern, für die der Identitätsstreit persönlich ohnehin keine große Bedeutung hat.

Das alte Belgien steht in der Morgensonne und raucht. Genüsslich. Entspannt. Unprätentiös. Belgisch eben. Eine Kippe zwischen zwei frühen Touren, begleitet vom Gezwitscher der Vögel. Genau richtig, morgens halb zehn in Enghien. Das alte Belgien heißt Christian Nuttinck, trägt ein blütenweißes Hemd, schwarze Hose und gestreifte Krawatte. mehr lesen / lire plus

NIEDERLANDE: Fingerübungen in Den Haag

Die von der populistischen PVV geduldete Minderheitsregierung geht in die Vollen: das Koalitionsprogramm verbindet Sozialkürzungen mit rabiater Einwanderungsbeschränkung.

Als Mehrheitsbeschaffer keineswegs bloß geduldet: Geert Wilders und seine Partei ermöglichen Rechtsliberalen und Christdemokraten die Regierungsbildung.

Der Zähler blieb bei der Zahl 111 stehen. 111 Tage dauerte es, bis nach den niederländischen Parlamentswahlen Anfang Juni eine Entscheidung über die neue Regierung fiel. An den Hebeln der Macht sitzen künftig die rechtsliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD), die erstmals die Wahlen gewann, sowie der kriselnde Christen Democratisch Appèl (CDA), dies obwohl die Partei im Juni eine historische Abfuhr kassierte. Da beide zusammen gerade mal über ein gutes Drittel der 150 Parlamentssitze verfügen, lassen sie ihr Minderheitskabinett tolerieren, und zwar just von dem Mann, der als Totengräber der sprichwörtlichen niederländischen Toleranz gilt: Geert Wilders, der mit seiner Partij voor de Vrijheid (PVV) zur drittstärksten Kraft wurde. mehr lesen / lire plus

AUTOINDUSTRIE: Der lange Todeskampf

Anfang des Jahres wurde bekannt, dass das Opelwerk im belgischen Antwerpen schließen soll – wenn sich nicht schnell ein Investor findet. Die Beteiligten, seit Jahren in Sorge um ihren Arbeitsplatz, schwanken zwischen Frust, Hoffnung und Apathie.

Pochen auf Solidarität über die Grenzen hinweg: Opel-Arbeiter aus Deutschland und Belgien vor dem von Schließung bedrohten Werk in Antwerpen.

Sommer 2000. Paul Oste, 41, macht Familienurlaub in Frankreich, als er einen Anruf erhält. Seine Mutter meldet sich aus Belgien mit einer Hiobsbotschaft: das Opel- Werk in Antwerpen, wo ihr Sohn seit 18 Jahren arbeitet, soll geschlossen werden. Paul Oste, Bandarbeiter, der die Einstellungen von Brems- und Benzinleitungen kontrolliert, ist ein nüchterner Typ. mehr lesen / lire plus

ISLAMKRITIK: Den Faden verloren

„Ich bin eine Nomadin“ heißt das neue Buch von Ayaan Hirsi Ali. Die autobiographische Streitschrift ist ein intimes Plädoyer für individuelle Freiheit und eine scharfsinnige Analyse des reaktionären Islam – und erleidet einen frappierenden Blackout, wenn es um die Frage geht, wie diesem beizukommen sei.

Wenn Ayaan Hirsi Ali den Propheten zitiert, kann das nur in eindeutiger Absicht geschehen: „Ich schaute auf den Paradiesgarten und bemerkte, dass die meisten seiner Bewohner die Armen waren. Ich schaute auf das Höllenfeuer und bemerkte, dass die meisten seiner Bewohner Frauen waren.? Diesen Hadith (eine überlieferte Aussage, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird) stellt sie ihrem jüngsten Werk voran – und nimmt damit eigentlich vorweg, was sie auf den folgenden 350 Seiten belegen will: dass die Unterdrückung der Frau ein Strukturmerkmal des Islam ist ? mehr lesen / lire plus

BELGIEN: Letzte Ausfahrt Konföderation

Die belgische Parlamentswahl am 13. Juni ist richtungweisend für die Zukunft des Landes. Sind die auseinanderdriftenden Regionen noch kompromissfähig?

Auf dem Weg nach oben: Der separatistischen Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) und ihrem Vorsitzenden Bart de Wever (hier auf einem Parteikongress 2008) wird für Flandern eine deutliche Stimmenmehrheit prognostiziert.

L`union fait la force: wer wissen will, wie es 180 Jahre nach seiner Gründung um den belgischen Staat bestellt ist, beginnt am Besten bei seinem Wappenspruch. Dieser hat im südlichen Landesteil in diesem Frühjahr als Wahlkampfslogan des Centre Démocrate Humaniste (cdH) Konjunktur. „Un nouveau pacte pour les Belges“, lautet der Untertitel, und liest sich als „gemeinsames Projekt in einem reformierten Belgien“. mehr lesen / lire plus

TRANSITMIGRANTEN IN CALAIS: Im Zeichen der Brache

Als die französische Polizei im Herbst ein großes Flüchtlingslager bei Calais zerstörte, sollte das der Anfang vom Ende der illegalen Einreise nach England sein. Drei Monate später sind die Transitmigranten noch immer in der Hafenstadt. Nicht nur wegen des Winters sind ihre Bedingungen widriger als jemals zuvor.

Der Kälte entfliehen: Selbst dieser dürftige „Schutz“ vor der Witterung wird von der Polizei regelmäßig zerstört.

Man kann die Geschichte von Calais anhand des Ärmelkanals erzählen. Die örtliche Historikervereinigung „Les Amis du Vieux Calais“ tat dies im November mit einem internationalen Kolloquium. „La traversée France-Angleterre du Moyen-Age à nos jours“ hieß die Veranstaltung, deren Plakate noch einige Wochen später in der Hafenstadt aushängen. mehr lesen / lire plus

FLÜCHTLINGE AN DER KANALKÜSTE: „Vielleicht heute Nacht, vielleicht morgen“

An der Kanalküste Belgiens und Frankreichs sammeln sich Hunderte von Flüchtlingen, die nach England wollen. Der größte Teil ihrer Odyssee liegt hinter ihnen – doch der letzte Schritt ist der schwerste.

Am LKW-Terminal in Oostende, vor der Auffahrt in die Fähre: Ein Polizist und ein Mitarbeiter des britischen Immigrationsdienstes untersuchen den Frachtraum des LKW mit einem CO2-Detektor. Verbrauchte Atemluft verrät die Anwesenheit eines Menschen.

„Now in the queues at immigration, in the border zone
We are your bastard children, ll coming home
And every day you try to build a higher wall
.“
New Model Army

Auch wenn der Europäische Rat in diesen Tagen vor allem die aktuelle
internationale Finanzkrise zum Thema hatte, so wurde auch der „Pakt für
Einwanderung und Asyl“ beschlossen.
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BELGIEN: Kuck‘ mal, wer da spricht

Der Konflikt in Belgien wird meist als Streit zweier homogener Gruppen dargestellt – Frankophone gegen Flamen. Eine genauere Betrachtung ergibt jedoch ein komplexeres Bild.

Grünes Land, gerechte Welt – geeintes Belgien? In der Politik des Nachbarlandes ist die Farbenlehre komplex. (Foto: Steve Bridger/ Flickr)

Der Plot war viel versprechend, das Medienaufgebot entsprechend groß: Kamerateams aus halb Europa drängten sich Anfang September im flämischen Parlament, angetrieben vom voyeuristischen Kitzel, der Implosion Belgiens beizuwohnen. Schließlich stand eine historische Entscheidung an: Auf Antrag der stärksten Partei, des rechtsextremen Vlaams Belang, würden die Abgeordneten über ein Referendum zur Unabhängigkeit Flanderns abstimmen. Der Antrag scheiterte jedoch auf ganzer Linie. mehr lesen / lire plus