Besuch auf der Balkanroute

von | 23.05.2018

Vor zwei Jahren hat die EU die Hauptroute für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und anderswo für geschlossen erklärt. Doch wer ohne Existenz dasteht, versucht es weiter, etwa über Bosnien und Herzegowina. Die Menschen dort helfen auch, weil Land und Leute selbst noch vom Bürgerkrieg gezeichnet sind.

Untergebracht in einer Ruine des jugoslawischen Bürgerkriegs: Flüchtlinge aus Syrien und andernorts nahe der einstmals belagerten bosnischen Stadt Bihać. (Foto: Lorenz Matzat)

Mit dem sogenannten „Türkei-Deal“ und der Schließung der EU-Außengrenzen in Kroatien und Ungarn im März 2016 wurde die sogenannte „Balkanroute“ öffentlichkeitswirksam als für Flüchtlinge unpassierbar erklärt. Die irregulären Migrantenströme auf dem westlichen Balkan seien zu Ende gekommen, so damals EU-Ratspräsident Donald Tusk. In den Hauptstädten der EU atmete man erleichtert auf.

Gefördert durch den von woxx-Leser*innen subventionierten Recherchefonds, haben wir unseren Korrespondenten Tobias Müller auf den Balkan geschickt, um sich dort umzusehen. Er berichtet: „In Bosnien und Herzegowina ist die Flüchtlingskrise nicht Vergangenheit. Hier hat sie gerade erst begonnen.“ Für den ersten Teil seiner Reportage, der am kommenden Freitag in der woxx zu lesen ist, hat sich Müller vorwiegend in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo aufgehalten. im zweiten Teil wird er ausführlich von der Grenze zu Kroatien berichten.

Die knapp 1.000 Kilometer lange Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien ist bergig und schwer zu sichern, daher ist sie zu für viele Flüchtlinge zu einem Schlupfloch, oder, besser gesagt, zur letzten Hoffnung avanciert. „Die meisten derer, die sich heute nach Bosnien aufmachen, waren zuvor lange Zeit in Serbien gestrandet“, berichtet unser Korrespondent: „Viele von ihnen sind nicht wochen- oder monatelang unterwegs, sondern seit Jahren.“ So wie der aus Pakistan geflüchtete 20 Jahre alte Rahim*, der seit seinem 16. Lebensjahr auf der Suche nach einer neuen Bleibe unter würdigen Bedingungen ist. Mit ihm und anderen hat sich Müller über ihren Alltag auf der Flucht unterhalten.

Zwischenstation Sarajevo

Dreieinhalb Tausend Migranten, so die offiziellen Zahlen der bosnischen Regierung, wurden seit Jahresbeginn registriert, und aktuell kommen jede Woche etwa 500 hinzu. Sie alle versuchen nach Ungarn oder Kroatien gelangen, doch meist werden sie dort von Grenzbeamten aufgegriffen und gewaltsam zurück hinter die EU-Außengrenzen gebracht. Diese Rückführungen von Asylsuchenden sind illegal, doch um die Balkanroute endlich stillzulegen, wird diese Praxis auch von den nicht unmittelbar betroffenen EU-Mitgliedsstaaten stillschweigend akzeptiert.

Auf der neuen Route ist Sarajevo ein Fixpunkt. Gut tausend Geflüchtete sind laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) derzeit in der Stadt. Seit Jahresbeginn sind es immer mehr geworden. Wer noch Geld hat, kann sich ein billiges Hostel leisten. Manche werden auch von hilfsbereiten Bürgern der Stadt beherbergt. Die meisten aber sind an Orten untergekommen, die kurzerhand zum Camp umfunktioniert worden sind.

Ohne die freiwilligen Helfer*innen liefe, wie vielerorts in Europa, auch in Sarajevo nichts. Nidzara Ahmetasevic gehört zu ihnen. Die Journalistin ist Teil der Online-Plattform „Are You Syrious?“, die seit 2015 zu den bestfundierten Informationsquellen über die Geschehnisse in der Region gehört – auch und gerade, seit die vermeintlich geschlossene Route aus den Schlagzeilen und dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden ist.

Einst floh Ahmetasevic selbst, vor der Belagerung Sarajevos, nachdem sie bei einem Raketenbeschuss schwer verwundet worden war. Eine Erfahrung, die sie bis heute prägt: „Ich hasste jeden Tag meines Lebens als Flüchtling, und hasse es noch immer.“ Auch aus diesem Grund hilft sie denen, die heute auf der Flucht vor Krieg und Elend sind.

*Name von der Redaktion geändert.
Die Reportage von Tobias Müller aus Sarajevo lesen Sie am kommenden Freitag in der gedruckten Ausgabe der woxx.

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