Cannabis-Legalisierung: „Cannabis ist schon längst verfügbar“

Luxemburg überlegt sich ein Modell zur Legalisierung von Cannabis. Die woxx hat sich mit Carlos Paulos vom Projekt Pipapo über die wichtigsten Ratschläge an die Regierung, CBD-Hype und das Reizthema THC-Gehalt.

woxx: Drogenpolitisch dürfte das größte Projekt der blau-rot-grünen Koalition die Cannabis-Legalisierung sein. Wenn ihr der Regierung Dinge mit auf den Weg geben dürftet, was wären eure Ratschläge?
Carlos Paulos: Ich hoffe doch, dass ich an dieser Arbeitsgruppe teilnehmen darf! (lacht) Ich denke aber, eine Legalisierung und Reglementierung durch den Staat würde viele Vorteile mit sich bringen. Zum Beispiel, um eine gewisse Qualität zu garantieren, aber auch um die Situation am Markt zu überwachen. Es gibt ja jetzt ein Pilotprojekt zum medizinischen Cannabis und da wird viel darüber geredet, dass sich das medizinische Fachpersonal weiterbilden muss. Das ist ein guter Punkt, aber der andere Punkt ist, dass sich die Konsumenten weiterbilden und informieren müssen. Da wird im Moment nicht so viel darüber geredet, jedoch ist es auch für den Freizeitkonsumenten sehr wichtig, informiert zu werden. Das heißt: Da steht jetzt ein Produkt zur Verfügung, aber es ist auch psychoaktiv,  nicht unbedingt für den Alltag geeignet und nicht unbedingt mit jeder Tätigkeit kompatibel. Den Konsumenten gut informieren und die Effekte überwachen wären schon mal zwei wichtige Punkte. Ein anderer wäre die Kontrolle der Produktion, am besten lokaler Anbau, um die lokale Wirtschaft zu fördern, und eine Qualitätskontrolle, damit das Produkt auch richtig gelabelt werden kann.

Natürlich ist es auch wichtig, über die Risiken zu informieren: nicht nur über jene der Substanz selbst, sondern auch über die Auswirkungen der verschiedenen Konsumformen, denn jede Konsumform bringt spezifische Risiken mit sich. Wenn man sich dazu entscheidet, Cannabis zu rauchen, ist das nicht unbedingt gesund – weil Rauchen an sich nicht gesund ist. Insgesamt wird der gesamte Legalisierungsprozess eine sehr spannende Zeit und es wird sicher viel diskutiert werden, bis ein guter Vorschlag auf dem Tisch liegt. Was wir aber auch bedenken müssen, ist der Fakt, dass wir vor einer Gesellschaft stehen, die bereits konsumiert. Cannabis ist schon längst verfügbar. Nach der Legalisierung wird es anders verfügbar sein, sodass man nicht mehr in einer illegalen Situation ist, wenn man es besitzt. Das ändert jedoch nichts daran, dass man dies auf vielen verschiedenen Ebenen gut vorbereiten muss.

Wenn wir schon beim Thema „schon verfügbar“ sind: Beschäftigt euch der momentane Hype um CBD-Hanf in eurer Arbeit sehr?
Auch hier gibt es verschiedene Zugangsmöglichkeiten. Es gibt Menschen, die das einfach lustig finden, es gibt welche, die das demonstrativ konsumieren, weil sie darin eine Möglichkeit sehen, die Gesamtlegalisierung von Cannabis voranzutreiben. Uns beschäftigt das jetzt nicht unbedingt im Alltag, aber es ist schon merkwürdig, dass jetzt etwas so omnipräsent ist und sich alle fragen, was das denn jetzt eigentlich ist: Ist es einfach nur Hanf, ist es CBD-Hanf, ist es doch THC-Hanf, ist es eine Mischung von beidem? Im Moment stellen sich alle diese Fragen – sowohl medizinisches Fachpersonal als auch die Polizei und die Konsumenten. Ich glaube, mit der Situation ist im Moment niemand so wirklich glücklich.

Oft hört man ja, dass der THC-Gehalt in Cannabis enorm gestiegen sei. Was sind da eure Erfahrungen?
Eine erste Antwort ist: Ja, Cannabis wird gezüchtet, auch im Hinblick auf einen hohen THC-Gehalt. Geht man in einen Coffeeshop, kann man dort verschiedene Sorten mit verschiedenem THC-Gehalt kaufen. Was wir hier im Land beobachten, stammt aus verschiedenen Quellen: Proben, die wir zum Testen bekommen haben oder Material, das die Polizei beschlagnahmt hat. Wir kennen allerdings den Markt hinter diesen Quellen nicht. Niemand weiß, was er auf dem Schwarzmarkt kauft, da steht ja kein THC-Gehalt drauf – auch wenn das gut wäre. Die Zahlen, die wir haben, weisen tatsächlich auf eine Erhöhung des THC-Gehaltes hin. Allerdings ist das immer ein Mittelwert, der natürlich stark von Extremen beeinflusst wird. Es ist auch so, dass der THC-Gehalt innerhalb der verschiedenen Pflanzenteile etwas variiert, sodass es enorm schwierig ist, ein gutes Bild von der tatsächlichen Entwicklung zu bekommen. Eigentlich müsste man eine größere Produktion nehmen, alles gut mischen und mehrere Proben nehmen, um den THC-Gehalt wirklich bestimmen zu können.

Erfahrene Cannabis-Konsument*innen werden ja aber wahrscheinlich ohnehin die Menge, die sie konsumieren, je nach Stärke ihres Grases anpassen?
Ein experimentierter User wird seinen Joint selber bauen und seine Dosis so anpassen, wie er es gerne hätte: Bei stärkerem Gras etwas weniger, bei schwächerem etwas mehr. So haben die Leute das noch immer gemacht. Eine Gefahr sehe ich eher bei nicht-regelmäßigen Nutzern oder bei Erstnutzern. Da Cannabis meistens geraucht wird, ist der Effekt innerhalb weniger Minuten spürbar. Da muss man halt ein wenig warten, um die Wirkung abschätzen zu können, dann hat man das auch im Griff. Da gibt es keine akute Gefahr. Wir machen uns mehr Sorgen darum, in welchem Kontext geraucht wird. Wenn das zum Beispiel regelmäßig abseits vom Feiern passiert, kann das eine Gefahr sein.
Der User, der jeden Tag raucht, das ist nicht normal. Es ist zwar nicht alarmierend, aber man sollte sich schon die Frage stellen, warum das so ist. Die Frage kann man sich allerdings auch beim morgendlichen Kaffee oder dem täglichen Bier oder Wein stellen. Da versuchen wir die Menschen zu sensibilisieren: Feiern und Konsumieren kann man planen, es gibt oft gute Gründe zum Feiern, aber Feiern kann kein Dauerzustand sein. Da machen wir den Unterschied und das ist der Punkt, wo wir die Menschen – ohne große Moraldiskussionen – zum Nachdenken über ihren eigenen Konsum anregen wollen.

Was sind THC und CBD?
THC:
Tetrahydrocannabinol ist die wichtigste psychoaktive Substanz in Cannabis. Der Umgang Hanfpflanzen mit nennenswertem THC-Gehalt sind in Luxemburg (noch) illegal, außer zu speziellen medizinischen Zwecken.
CBD: Cannabidiol ist kaum psychoaktiv und wirkt entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und gegen Übelkeit. Blüten von und Produkte aus Hanfpflanzen ohne THC, dafür aber mit höherem CBD-Gehalt werden frei verkauft. In den letzten Monaten wurden viele spezialisierte Geschäfte in Luxemburg eröffnet.

Den Rest des Interviews mit Carlos Paulos über das Projekt Pipapo können Sie unter diesem Link lesen.

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