COP25 in Madrid: Improvisierte Klimarettung

In der Zivilgesellschaft stößt die Verlegung der COP25 nicht gerade auf Begeisterung. Trotzdem bereitet man in Madrid – und in Santiago – alternative Events vor.

Mit Höchstgeschwindigkeit in den Klimawandel. Madrid bei Nacht. (Foto: Tessy Troes)

Greta Thunberg hatte sich eigentlich rechtzeitig auf den Weg zur Weltklimakonferenz in Santiago de Chile gemacht. Ob sie es an Bord des Segelbootes „La Vagabonde“ mit einem YouTuber-Paar nun rechtzeitig nach Madrid schafft, hängt ganz von Wind und Wetter ab. Dieser Wettlauf gegen die Zeit – er steht sinnbildlich für die Klimakrise und auch ganz konkret für die Weltklimakonferenz, die in drei Tagen auf der iberischen Halbinsel beginnen wird.

Chilenisch-spanische Zivilgesellschaft

Für Samuel Martín-Sosa war die kurzfristige Verlegung der COP ein herber Schlag. Der spanische Aktivist ist Mitorganisator des nun improvisiert in Madrid stattfindenden alternativen Gipfels, der unter dem Namen „Cumbre social por el clima“ für sieben Tage ab dem 6. Dezember geplant ist. Martín-Sosa sieht in der Verlegung der COP25 wieder mal eine eurozentrische Handlung, eine Bevorzugung des Nordens, die dazu noch den Fokus von den Menschenrechtsverletzungen, die bei den aktuellen Tumulten in Chile passieren, weglenken.

Die Organisator*innen des Madrider alternativen Gipfels kommen nicht aus einer homogenen Gruppe, sondern aus mehreren Organisationen der Zivilgesellschaft aus verschiedenen Sparten – Gewerkschaften oder Gesellschaften, die sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung, soziale Gerechtigkeit oder die Umwelt einsetzen. Martín-Sosa unterstreicht, dass es bei den alternativen Gipfeln darum gehe, generell das sichtbar zu machen, was die offizielle Seite der COP-Vertretung nicht tut. Und bei dieser Austragung im Besonderen das, was an alternativen Ereignissen in Santiago geplant war und ist. Man treffe sich mehrmals wöchentlich mit Aktivist*innen aus Chile und würde versuchen, eventuell durch Videostreaming, die auf der anderen Seite des Atlantiks anstehenden alternativen Gipfel „Cumbre de los Pueblos“ und „Cumbre social por la acción climática“ in Madrid zu übertragen. Zudem will man in Madrid während der Woche eine Reihe von Workshops und Diskussionsrunden anbieten; da man alles binnen eines Monats auf die Beine stellen musste, wird das genaue Programm aber erst heute, am 29. November, bekanntgegeben.

Aus dem professionellen Sektor hört man im Gegenzug vor allem positive Rückmeldungen zur Verlegung der COP. Es geht hier immerhin um den Ruf von Madrid als neue (zumindest temporäre) Klimahauptstadt. Der Direktor der Messegesellschaft Ifema, Eduardo López-Puertas, sagt, das Wichtigste wäre in diesen Tagen doch die Marke Madrid, dass alle Nachrichten von allen Ländern damit beginnen würden, dass die Konferenz in Madrid stattfindet. Ifema managt die Messehallen, die vom 2. bis zum 13. Dezember Schauplatz der COP25 sein werden. López-Puertas lacht, wenn er auf die fehlende Zeit angesprochen wird: Natürlich sei es eine Herausforderung gewesen, man habe es jedoch geschafft, nicht eine einzige der eigenen Aktivitäten absagen zu müssen. Die Winteraktivitäten der Messehallen, wie etwa einen Eisring kann man gleich neben der grünen Zone der COP25 betrachten.

Hauptstadt für Fußball 
und Erdball

Die COP25 wird etwa die Hälfte der Hallen einnehmen. Rund 100.000 Quadratmeter und sieben Pavillons werden sich die blaue und grüne Zone teilen – blau für alle offiziellen Meetings und Talks der UN und grün für die soziale Teilnahme. Die UN hätte sehr genaue Bestimmungen für die Austragung mitgegeben, was die generelle Logistik sehr einfach gemacht habe, so López-Puertas. Er unterstreicht zudem, dass man auf ein Pioniersicherheitssystem zurückgreifen könne und sehr eng mit der Polizei zusammenarbeite – obwohl noch nicht gewusst sei, welche Regierungsvertreter*innen teilnehmen würden, könne man schon jetzt ihre Sicherheit garantieren.

Die Asociación Empresarial Hotelera de Madrid (AEHM) ihrerseits nennt das Fußballfinale der Copa Libertadores als großen Probelauf für die diesjährige COP. Letztes Jahr hatte sich die Stadt Madrid spontan der Austragung dieses südamerikanischen Fußballwettbewerbes angenommen, als dessen Sicherheit in Argentinien nicht mehr garantiert werden konnte. Man habe bis zu 90.000 Schlafplätze in der Stadt, bei der Touristenmesse Fitur habe die Stadt sogar unter Beweis gestellt, dass man bis zu 251.000 Personen betreuen könne. Für die COP25 wird mit etwa 25.000 Teilnehmer*innen gerechnet.

Die Stadt Madrid und das Ministerium für ökologische Transition haben sich darauf geeinigt, Teilnehmer*innen der COP25 mit Gratis-Tickets für den öffentlichen Transport auszustatten. Weder Hotelorganisation noch Stadt wollen jedoch darauf eingehen, dass die COP25 genau in die Zeit des „Puente de diciembre“, also auf die Zeit zwischen dem 6. (Spanischer Verfassungstag) und 9. Dezember (Inmaculada Concepción/Unbefleckte Empfängnis) fällt. Die Zeit, in der gerade Madrid in der Vorweihnachtsstimmung ein sehr beliebtes Ziel für inländische Tourist*innen ist und deshalb die Hotelpreise steigen.

Zeit zum Handeln, 
auch in Spanien!

Hunderte von spontanen Bewerbungen hätte die Ifema nach der Ankündigung, dass die COP in Madrid stattfinden werde, erreicht, so die Pressebeauftragte Elena Valera. Das Profil sei dabei sehr abwechslungsreich gewesen, von Journalist*innen über Biolog*innen bis hin zu Leuten, die sieben Sprachen sprechen. Man hätte sie aber an das Freiwilligenprogramm der Stadt Madrid weiterleiten müssen. Der Beauftragte dort stellt sich als Juan vor und strotzt nur so vor Energie. Er erklärt, dass man den Aufruf schon nach zwei Wochen hätte schließen müssen, da der Andrang so groß gewesen sei. Überhaupt hätte dies nur so gut funktionieren können, da man in Madrid schon ein existierendes Netzwerk von 15.000 Freiwilligen habe, die sich auf 100 Aktivitäten pro Jahr verteilen.

Ganz gemäß dem Motto der COP25 „Tiempo de actuar” oder „Time for Action“ erklärte die Ministerin für ökologische Transition, Teresa Ribera vor Presse, Gewerkschaftler*innen, Minister*innen und Privatwirtschafts-
führer*innen, dass man den Aufschwung von 2019 nutzen müsse und die COP25 als eine Startrampe für eine transversale Klimaaktion, die sich durch alle wirtschaftlichen und sozialen Sektoren zieht, nutzen müsse. Um die Klimaneutralität 2050 zu erreichen, sei sie, in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union, dazu bereit für 2030 nicht 40%, sondern 50% oder gar 55% Reduktion des CO2-Ausstoßes zu beschließen (siehe auch S. 4 „La COP25 face à ses défis“).

Für Spanien gebe es dafür drei große Pläne: das Klimawandelgesetz, der Nationale Integrierte Plan für Energie und Klima 2021-2030 und die Strategie für eine Gerechte Transition. Ribera forderte legale Texte für Aktionen gegen den Klimawandel und erinnerte daran, dass der Kongress die Regierung dazu aufgefordert hatte, den Klimanotstand auszurufen. Auf konkrete Nachfragen der Presse, ob man denn ein Klimakrise-Unterrichtsfach wie in Italien plane oder wie genau man mit den vielen Menschen während der COP25 in Madrid in einer schon von Kontamination geplagten Stadt umgehen werde, wich sie politisch gekonnt aus. Sie griff lieber direkt den aktuellen Madrider Bürgermeister José Almeida an, dessen erste Amtshandlung war zu versuchen, die Madrid Central, Zone für geringe Emissionen abzusetzen. Die Ministerin sagte, es sei nicht vernünftig, solch eine Zone in Madrid nicht zu unterstützen.

Manifestación und Maniff

Madrid wird am 6. Dezember auch Ort einer großen Gegendemonstration werden. Sie soll zeitlich an die bereits in Chile geplante Demonstration anknüpfen und ist für 6 Uhr abends geplant. Die Madrider Demo wird von der Juventud por el Clima, der spanischen Branche von Fridays for Future organisiert, aber auch von chilenischen Organisationen wie der Sociedad civil por la acción climática und Minga indígena mitgetragen. Samuel Martín-Sosa von der Cumbre Social erklärt, dass dies in einer Linie stehen würde mit dem, was man dieses Jahr in der Sozialgesellschaft gesehen habe: Mehr und mehr Leute mobilisieren sich, wenn es um Klimathemen geht. Als Gesellschaft würde man endlich sehen, dass, wenn man den Planeten bis 2030 nicht zu Grunde fahren wolle, die Regierungen den Atem der Bevölkerung im Nacken spüren müssten. Man würde gerade alles daransetzen, die Demonstration mit der geplanten in Santiago de Chile so auszulegen, dass sie zeitlich ineinandergreifen.

In Spaniens Regionen organisieren die zivilgesellschaftlichen Netzwerke bereits Zugreisen für die Demo, doch aus dem Ausland anzureisen, dürfte sich schwieriger gestalten. Die Zugverbindungen sind schlecht und Fliegen kommt für die meisten Klimaaktivist*innen wohl kaum in Frage. Von Luxemburg aus ist uns bisher keine organisierte Fahrt per Bus oder Zug zur Demo bekannt.

Youth for Climate mobilisiert derzeit vor allem für die Mahnwache vor der Chamber diesen Freitag, ab 3 Uhr (Facebook-Event: woxx.eu/youth2911). Weltweit finden an diesem Tag Klimaproteste statt. In Luxemburg geht es darum, Druck für einen ehrgeizigen Klimaplan zu machen: „Dies ist unsere letzte Chance, ihnen zu sagen, dass wir eine Politik wollen, die dem Ausmaß der Krise gerecht wird.“ Eigentlich sollten der aufgrund einer EU-Direktive erarbeitete Klimaplan und das Klimagesetz noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Die Regierung hat allerdings trotz der Dringlichkeit den Abschluss der Arbeiten ins nächste Jahr verschoben . Youth for Climate empfiehlt für die Mahnwache vom 29. November, warme Kleidung, Campingstühle und Teetassen mitzubringen – ob sie wohl vorhaben, so lange dort zu campieren, bis endlich das Klimagesetz zur Abstimmung kommt?

RICHTIGSTELLUNG: Am 29.11. wurde überraschend das Klimagesetz vorgestellt (online-woxx: „55 Prozent in 5 Sektoren“), der Klimaplan ist für den 6.12. angekündigt.

 


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