Cybermobbing: #dreckshure

Die Doku #dreckshure thematisiert Hass gegen Frauen im Netz. Knackpunkt: Die Opfer sind vorwiegend Personen des öffentlichen Lebens und Männer geben Ratschläge.

Hass gegen Frauen ist keine Seltenheit – sowohl auf der Straße als auch im Internet. (Bildquelle: Screenshot/Arte)

Sie sollen aufgeschlitzt und vergewaltigt werden. Brutal ermordet. Erniedrigt. Die Doku #dreckshure von Florence Hainaut und Myriam Leroy beginnt mit hasserfüllten Aussagen aus dem Internet, vorgetragen von den Opfern. Das sind hier vor allem Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen. Aktivistinnen, Anwältinnen, Youtuberinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen oder Journalistinnen. Die Filmemacherinnen wollen mit ihrer Doku wachrütteln: Es handelt sich bei Gewalt gegen Frauen nicht um bedauerliche Einzelfälle. Eine wichtige Botschaft, auch wenn die Doku fragwürdige Aspekte aufweist.

„Frauen werden nicht respektiert, sondern verachtet und das finden alle so normal, dass nicht einmal darüber geredet wird.“ Das sagen Hainaut und Leroy kurz nach Beginn des Films. „Also müssen wir Journalistinnen, die diesen Hass oft am eigenen Leib erfahren, die Stimme erheben (…), damit niemand mehr sagen kann, er hätte nichts davon gewusst.“ Zwischendurch werden Zahlen eingeblendet: 73 Prozent der Frauen, die 2015 an einer Studie der UNO teilnahmen, wurden im Netz mit einer Gewalterfahrung konfrontiert. Schwarze Frauen sind besonders gefährdet. Aus dem Off heißt es: „Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist ein gesellschaftliches Phänomen.“

Hainaut und Leroy führen Interviews mit betroffenen Frauen. Die erzählen ihre Geschichte selbst, sichtbar mitgenommen. Unter ihnen sind bekannte Namen wie die deutsche Politikerin Renate Künast (Die Grünen) oder Natascha Kampusch. Kampusch wurde als Achtjährige entführt und zehn Jahre lang im Keller des Täters festgehalten. Mit achtzehn gelang ihr die Flucht. Am Anfang hätten die Menschen sie bemitleidet und ihr gut zugeredet, sagt sie. Das schlug jedoch um: Bald wurde ihr im Internet vorgeworfen, ihre Entführung aus Geldgier inszeniert zu haben. Sie erfuhr, wie viele andere weibliche Opfer, sexualisierte verbale Gewalt.

Bei den Täter*innen, die in der Doku anonym zitiert werden, handelt es sich größtenteils um Männer. Oft aus rechten oder rechtsextremen Kreisen. Unter den Hassredner*innen befinden sich auch Frauen, doch das eher selten. Umso erstaunlicher ist die Wahl der Filmemacherinnen: Wenn es um die soziologische Untersuchung des Phänomens geht oder um juristische Fragen, was Frauen und andere Opfer gegen Hass im Netz machen können, kommen Männer zu Wort obwohl die Opfer selbst teilweise Anwältinnen sind. Das ist angesichts des Themas unpassend.

Doch auch die Wahl der Interview-
partnerinnen ist unglücklich. Zwar sind Menschen unterschiedlicher Hautfarben und unterschiedlichen Alters repräsentiert, doch die meisten – wenn nicht sogar alle – sind öffentliche Personen und volljährig. Doch was ist mit Jugendlichen, die Hass im Netz erfahren? Mit Frauen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um gegen die Täter*innen vorzugehen? 2019 sagte Barbara Gorges-Wagner vom Kanner-Jugendtelefon zur Situation in Luxemburg im Interview mit der woxx: „Es sind deutlich mehr Mädchen, die sich an unsere Helplines wenden, als Jungs. Grundsätzlich sind die Anrufer zwischen elf und siebzehn Jahre alt.” Die Tatsache, dass Hassrede gegen Frauen so früh beginnt, wird in der Doku kaum thematisiert.

Auch die Incel-Szene wird nicht erwähnt: Eine wachsende, internationale Internet-Community, die wiederholt und explizit zu Gewalt an Frauen aufruft. Manche von ihnen setzen ihre Fantasien bei Amokläufen in die Tat um. Empfehlenswerte Lektüre hierzu: Susanne Kaisers „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobil machen” und Veronika Krachers „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“.

Bis zum 4. Dezember in der Arte-Mediathek.

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