Sachbuch: Einblick in die frauenhassende Incel-Szene

Mit „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ ist Veronika Kracher eine hervorragende Analyse der „involuntary celibates“ gelungen. Sie zeigt nicht nur den schockierenden Hass der Szene, sondern ordnet diesen auch in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext ein.

Incels, also „Unfreiwillig im Zölibat Lebende“ sind in der Hauptsache junge Männer, die sich selbst und einander gegenseitig einreden, sie wären zu hässlich, um jemals eine Partnerin oder auch nur Sex haben zu können. Dieser Online-Kult hat in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil Incels Terroranschläge durchgeführt haben, wie etwa US-Amerikaner Elliot Rodger, der sechs Menschen tötete und ein hasserfülltes „Manifest“ hinterließ. Ein anderer Fall ist jener eines Kanadiers, der mit seinem Auto in eine Menschenmenge raste und 10 Tote zur Folge hatte. Diese Terroranschläge sind auch lediglich die Spitze des Eisbergs – und auch keine Einzelfälle.

Veronika Kracher hat die Szene, die sich ausschließlich online organisiert, für ihr Buch genauestens unter die Lupe genommen: Die Journalistin hat sich durch Foren gequält, Elliot Rodgers Manifest gelesen und mit Expert*innen und Aussteigern aus der Szene geredet. Herausgekommen ist ein Sachbuch, das sich trotz dem schwierigen und oft düsteren Thema sehr gut liest und auch auf den einen oder anderen zynischen Seitenhieb nicht verzichtet.

In dem historischen Abriss, den Kracher als eins ihrer ersten Kapitel präsentiert, erfahren die Leser*innen, dass der Begriff Incel ursprünglich von einer queeren Frau geprägt wurde, die eine Selbsthilfegruppe für unfreiwillige Singles gegründet hatte. Die Community wandelte sich jedoch und übrig blieb, was wir heute kennen: Toxische Foren, in denen der Hass auf Frauen und Queers ungezügelt verbreitet wird. Die Incel-Philsophie lautet: Wer als Mann nicht gut genug aussieht, wird niemals Sex haben und alle Versuche, eine Beziehung aufzubauen, seien von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Schuld daran sei laut den Incels „natürlich“ der Feminismus.

Statt sich gegenseitig zu helfen, bestätigen Incels einander ihre Versagensängste. So posten Incels Fotos von sich selbst, um dann gesagt zu bekommen, dass sie eine zu hohe Stirn oder ein zu dünnes Handgelenk haben, um jemals Sex zu haben. Der Ratschlag lautet immer: „Lay down und rot“ – nicht umsonst sind sehr viele Anhänger depressiv und suizidal. Reflektionen darüber, dass es eventuell die eigene frauenfeindliche Einstellung und Erwartungshaltungen sind, die dem Beziehungsglück im Weg stehen, finden niemals statt.

Eine ausführliche Analyse des Manifests des Terroristen Rodgers, der innerhalb der Szene vergöttert wird, verrät mehr über die Gedankenwelt der Incels. Bemerkenswert ist, dass Rodgers aus einem mehr als privilegierten Haushalt stammte und nie gelernt hat, mit Enttäuschungen, Ablehnung oder Kränkungen umzugehen. Schuld an seinen ausbleibenden sexuellen Beziehungen konnten also nur die Frauen haben, die lieber mit „Chads“ (die Incel-Bezeichnung für gutaussehende Männer) schlafen statt mit ihm.

Das Sachbuch belässt es jedoch nicht nur bei einer tiefen Analyse des Incel-Phänomens, es zeigt auch die Querverbindungen zu hegemonialer Männlichkeit und kapitalistisch-patriarchalen Verhältnissen auf. Im Grunde treiben die Incels nämlich jene Rollenbilder auf die Spitze, die uns alle an-sozialisiert werden, allen voran eine Ablehnung des Weiblichen und ein tiefes Misstrauen gegenüber Frauen, die selbst bestimmen, wie viel oder wenig sie sexuell aktiv sind. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Slutshaming, das tief in unserer Gesellschaft verankert ist und mittels Kleiderordnungen in Schulen durchgesetzt wird. Kracher richtet hier auch einen Appell an feministische Männer, ihren Kumpels und Verwandten keine frauenfeindlichen Sprüche durchgehen zu lassen und der Gewaltspirale gegen Frauen ein Ende zu setzen.

Weitere Kapitel behandeln die Verknüpfungen zwischen Männlichkeit und Gewalt sowie den autoritären Charakter der Incels. Letzteres mag wie ein Paradox klingen, da sich Incels als Opfer einer von Frauen beherrschten, oberflächlichen Gesellschaft sehen, gegen die sich Terroristen wie Rodgers auflehnen wollen. Nichtsdestotrotz sind Incel-Foren voll mit faschistischen Vernichtungsfantasien, die sich vor allem gegen Frauen, Queers und Linke richten. Krachers Buch endet jedoch mit einer leicht positiven Note: Es gibt ehemalige Incels, denen der Ausstieg aus der Szene gelungen ist. Das ist alles andere als leicht, denn wer die Grundsätze des Incel-Kults erst einmal verinnerlicht hat, wird in der Mainstreamgesellschaft schwer einen Platz finden. Spezielle Hilfsangebote existieren noch nicht, bisher gibt es lediglich Selbsthilfegruppen im Netz, die Ausstiegswillige beraten können.

Veronika Kracher richtet sich am Ende mit einem offenen Brief persönlich an die Incels – was auf den ersten Blick für ein Sachbuch merkwürdig erscheint, jedoch nach der Lektüre absolut stimmig ist – die persönliche Sichtweise, die Kracher einbringt, ist durchaus bereichernd. Ihr ist mit ihrem Buch eine sehr treffende und tiefe Analyse der Incels gelungen, die sich sehr gut liest. Ein Glossar erklärt zudem die wichtigsten Begriffe.

Ein einziger Wehrmutstropfen: Eine Analyse der Erwartungshaltungen und gesellschaftlicher Mythen rund um das Thema Sexualität, besonders aber der „Meilensteine“ wie ein erster Kuss oder erste sexuelle Interaktionen, die man angeblich in der Pubertät absolvieren muss, wäre sicherlich noch spannend gewesen.

Das Buch passt vielleicht nicht unter den Weihnachtsbaum, aber wer eine gute Analyse des Incel-Kults aus linker Perspektive lesen will, sollte sich Veronikas Krachers „Incels – Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ aus der Edition Testcard Zwergobst des Ventil-Verlages auf den Wunschzettel schreiben.


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