Cybermobbing: Augen auf

von | 17.01.2019

PrÀventionsarbeit allein reicht im Kampf gegen Cybermobbing nicht aus. Die ganze Gesellschaft ist gefragt. Barbara Gorges-Wagner, die Leiterin des Kanner-Jugendtelefon und Verantwortliche der Bee Secure Stopline und Bee Secure Helpline verrÀt, worauf es ankommt, und wo Betroffene Hilfe finden.

„Jeder ist gefordert, Mitverantwortung fĂŒr die (Schul-)Gemeinschaft zu ĂŒbernehmen.“ ‹(Barbara Gorges-Wagner) (© KJT)

woxx: Die Initiative Bee Secure besucht landesweit Schulklassen, um auf Internetgefahren und Cybermobbing aufmerksam zu machen. Im Sommer 2018 tauchten trotzdem Plattformen bei Instagram auf, auf denen SchĂŒler*innen LehrkrĂ€fte und MitschĂŒler*innen mobbten. Was lĂ€uft schief, Frau Gorges-Wagner?


Barbara Gorges-Wagner: Das zeigt, dass es nicht alleine damit getan ist, dass ein PrĂ€ventionsdienst von BEE SECURE die Schulen besucht. Alle – SchĂŒler, Lehrer, Eltern und so weiter – sind gefordert, Mitverantwortung fĂŒr die (Schul-)Gemeinschaft zu ĂŒbernehmen. Empathie und Zivilcourage mĂŒssen entwickelt werden.

Sind Ihnen viele FĂ€lle von Cybermobbing in Luxemburg bekannt?


Über die Helpline von Bee Secure haben wir letztes Jahr in 34 FĂ€llen von Cybermobbing beraten, ĂŒber das Kanner-Jugendtelefon waren es Ă€hnlich viele. Das sind weniger als im Bereich E-Crime, wo es um die hundert sind, doch bei Cybermobbing gilt: Jeder Fall ist ein Fall zu viel. Die Folgen reichen bis hin zu Suizid-Gedanken und tiefgreifenden Traumata. Auch Eltern wenden sich immer wieder ĂŒber das Elterentelefon an uns, wenn sie sich hilflos fĂŒhlen, weil ihr Kind gemobbt wird.

Mobbing ist kein PhÀnomen der Neuzeit.


Das Mobbing in der Schule, wie man es von „frĂŒher“ kennt, war anders. Man hatte meist noch einen Freundeskreis außerhalb der Schule, beispielsweise in einem Verein, und war durch die Familie geschĂŒtzt. Beim Cybermobbing gibt es keine Grenzen. Kinder und Jugendliche haben keinen Schutzraum mehr. Man hat keine Kontrolle. Meistens weiß man nicht mal, wo die TĂ€ter sitzen und wer die TĂ€ter sind.

Die Digitalisierung und hohe Mediennutzung wirft ohnehin neue Erziehungsfragen auf, oder?


Die Kinder mĂŒssen in die Mediennutzung Schritt fĂŒr Schritt hineinwachsen und dabei von ihren Eltern begleitet werden. Der unkontrollierte Zugriff auf Smartphones beispielsweise birgt Gefahren. Eltern mĂŒssen Erziehungsverantwortung ĂŒbernehmen und ihre Kinder schĂŒtzen und unterstĂŒtzen, zum Beispiel durch die eingeschrĂ€nkte oder altersgerechte Nutzung von sozialen Medien.

Gibt es Menschengruppen, die besonders stark von Cybermobbing betroffen sind?


Es sind deutlich mehr MÀdchen, die sich an unsere Helplines wenden, als Jungs. GrundsÀtzlich sind die Anrufer zwischen elf und siebzehn Jahre alt.

Das Cybermobbing beginnt erschreckend frĂŒh.


Ein Großteil der Kinder besitzt im Grundschulalter ein voll funktionsfĂ€higes Smartphone und ist vernetzt. Aus dem Grund muss die PrĂ€ventionsarbeit auch schon in der Grundschule beginnen. Hier setzt Bee Secure durch landesweite Schulungen an.

Wo finden Betroffene Hilfe?


Die Bee Secure Helpline (8002 1234) und das Kanner-Jugendtelefon (116111) sowie das Elterentelefon (26 64 05 55) bieten anonym und vertraulich Information und Beratung. Kinder und Jugendliche können sich jederzeit auch an die Online-Beratung www.kjt.lu des Kanner-Jugendtelefon wenden. Die Berater wissen auch, an welche Stellen man sich wenden kann, wenn man weitere Hilfe braucht.

Wie sieht es mit den TĂ€ter*innen aus?


Wir haben wenig Kontakt mit den TĂ€tern. Wenn, dann sind es besorgte Eltern oder Lehrer, die sich ĂŒber die Folgen der TĂ€terschaft informieren.

Spielt die AnonymitĂ€t fĂŒr die Anrufer*innen eine große Rolle?


Die Möglichkeit anonym anzurufen ist eine große Hilfe, weil viele, die Cybermobbing ausgesetzt sind, Angst und Scham empfinden, wenn sie ĂŒber die Situation reden sollen. Diese niederschwellige Hilfestellung, das Angebot einer anonymen Kontaktaufnahme, ist eine TĂŒr, durch die jeder eingeladen ist zu gehen; jeder ist willkommen. Es ist oft der erste Schritt, um aktiv zu werden, und damit aus dem ungleichen MachtgefĂ€lle zwischen Opfer und TĂ€ter herauszutreten.

Es ist davon auszugehen, dass viele dennoch aus SchamgefĂŒhl schweigen. Was sind Symptome, bei denen alle Alarmglocken lĂ€uten sollten?


Oft machen sich Probleme bei Kindern und Jugendlichen durch einen plötzlichen Leistungsabfall in der Schule, Verweigerung der Unterrichtsteilnahme, RĂŒckzug vom Freundeskreis, psychosomatische AuffĂ€lligkeiten wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen etc. bemerkbar. Das sind Symptome, die natĂŒrlich auch auf andere Konflikte hinweisen können 
 aber eben auch auf Cybermobbing.

Wie können sich Erwachsene einbringen?


Erwachsene können ebenfalls Rat bei Bee Secure suchen. Es ist wichtig, dass sie den Kindern, deren Selbstwert oft geschwĂ€cht ist, beistehen und ihnen das GefĂŒhl vermitteln, dass sie in dieser Welt willkommen sind.

Wie sieht es mit der Schule aus?


Die sollte ein Konzept haben, wie sie mit Cybermobbing umgeht. Jeder SchĂŒler muss wissen, an wen er sich wenden kann; potenzielle TĂ€ter mĂŒssen wissen, mit welchen Sanktionen zu rechnen ist. Stop Mobbing (Anm.d.R.: Mediationsgruppe vom „Service de Coordination de la recherche et de l’innovation pĂ©dagogiques et technologiques“) kann kontaktiert werden. DarĂŒber hinaus steht einem die Stelle fĂŒr Jugendschutz der Polizei beratend zur Seite.

Womöglich auch dann, wenn es zur Anzeige kommt.


Wenn eine Straftat vorliegt, kann die Polizei Maßnahmen ergreifen, um die oft anonymen TĂ€ter ausfindig zu machen. Es ist wichtig, Screenshots als Beweismaterial zu sichern und Handys sowie Laptops oder Tablets zum Polizeiamt mitzunehmen. (Anm.d.R.: Als Straftat gelten BelĂ€stigung/Stalking; Verleumdung, ĂŒble Nachrede, Beleidigung; Angriffe auf die PrivatsphĂ€re; Veröffentlichung persönlicher Daten; Verstoß gegen Kinder- und Jugendschutz; rassistische oder diskriminierende Äußerungen sowie ComputerkriminalitĂ€t.)

Auf den meisten Plattformen kann man anstĂ¶ĂŸige oder illegale Inhalte melden, damit sie von den Website-Betreiber*innen nach PrĂŒfung gelöscht werden. Funktioniert das in der Praxis?


Die EU-Kommission beobachtet derzeit intensiv, wie lange die Take-Downs von Plattformen dauern, die illegale Inhalte zeigen. Es lohnt sich in jedem Fall, den Betreibern diese Seiten zu melden. Wenn das im Sande verlÀuft, kann man die Bee Secure Helpline kontaktieren.

Macht man sich eigentlich strafbar, wenn man die rechtswidrigen Inhalte ‚liked‘ oder teilt?


Ja, damit macht man sich zum MittÀter.

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