David Peace: Tokyo Redux

Der dritte Teil der Tokyo-Trilogie des britischen Autors David Peace ist ein gelungener, alptraumhafter Streifzug durch die japanische Kriminalgeschichte – und ein krönender Abschluss für diese außergewöhnliche Serie.

(©ff)

Aus historischen Fakten gute Thriller zu stricken, ist eine seltene Gabe. David Peace beweist schon seit über 20 Jahren, dass er einer der Meister des Genres ist. Sein Red Riding Quartet über den Yorkshire-Ripper, die korrupte Polizei und die politische Gewalt, die England in den 1970er und 1980er-Jahren heimsuchten, ebneten ihm den Weg zum Bestseller-Autoren. Seit 1994 lebt Peace fast ununterbrochen in Tokyo, so verwundert das Entstehen seiner Tokyo-Trilogie wenig.

Das Besondere an den Büchern ist, dass sie alle ihre Wurzeln im Chaos des niedergegangenen Kaiserreiches finden und auf realen Fakten basieren. In „Tokyo Year Zero“ nimmt er sich den Serienmörder Yoshio Kodaira vor, „Occupied City“ behandelt Giftmorde in den 1940er-Jahren und verbindet diese mit der dunklen japanischen Vergangenheit in der Mandschurei. „Tokyo Redux“ widmet sich dem Schicksal von Sadanori Shimoyama, dem kurzlebigen Präsidenten der japanischen Bahngesellschaft JNR. Knapp einen Monat nach seiner Nominierung im Juni 1949 muss er 30.000 Angestellte entlassen, dies auf Druck der amerikanischen Besatzungsmacht, die Japan schnell wieder „fit“ machen will. Am Tag darauf verschwindet Shimoyama spurlos – sein zerfetzter Körper wird kurz darauf auf Bahngleisen in einem Vorort gefunden. Die Antwort auf die Frage, ob es Mord oder Selbstmord gewesen ist, und wer Shimoyama auf dem Gewissen hat, ist bis heute nicht geklärt. Das Mysterium ist für Japaner*innen ähnlich wichtig wie der Kennedy-Mord in den USA. Unzählige Schriftsteller*innen und Journalist*innen haben sich schon an der Auflösung dieses Falls versucht.

Das hielt Peace nicht davon ab, es auf seine Weise zu versuchen. Wie so oft, arbeitet er mit wechselnden Erzählperspektiven und Epochen. 1949 ermittelt zuerst der amerikanische Polizist Harry Sweeney unmittelbar nach dem Verschwinden Shimoyamas und gerät in die Fänge derer, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen. Fünfzehn Jahre später, zum Zeitpunkt der 1964er-Olympiade in Tokio verstrickt sich der Privatdetektiv Murota Hideki im gleichen Fall. Schlussendlich ist es der amerikanische Übersetzer Donald Reichenbach, der 1988, während das ganze Land wie gebannt das Sterben von Kaiser Showa verfolgt, ganz nahe an die Lösung des Mysteriums herankommt.

Peaces sehr theatralischer Erzählstil, seine oft gewagte Intertextualität (Celans „Todesfuge“ in einen inneren Monolog eingebaut ist nicht jedermanns Sache), sein Spurenlegen und nicht zuletzt seine präzise Dokumentation über den Fall – die Veröffentlichung von „Tokyo Redux“verzögerte sich  wegen Recherchearbeiten um etliche Jahre – machen dieses Buch zu einem atemberaubenden Thriller, den Leser*innen schwer beiseite legen können.


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