Die Opfer der Epstein-Machenschaften: Kämpferin sein müssen

von | 19.02.2026

Freudentränen, nachdem der US-Kongress Mitte vergangenen November für die Veröffentlichung der Epstein-Akten stimmt: Lauren Hersh (rechts), Direktorin der Organisation „World Without Exploitation“, küsst Danielle Bensky, eine Überlebende des Missbrauchs durch Jeffrey Epstein, auf die Stirn. (Foto: EPA/LUKE JOHNSON)

Die Medien sind geradezu fasziniert von den Enthüllungen über Jeffrey Epsteins schwerreiches und prominentes Netzwerk. Doch um dessen Verbrechen zu verstehen, und mehr noch: um Ähnliches in Zukunft zu verhindern, ist es wichtiger, sich mit den Geschichten der Opfer und den Verhältnissen, in denen sie lebten, zu beschäftigen.

„Diese Mächtigen geraten in der Epstein-Affäre unter Druck“ und „Das ‚Who Is Who?‘ der Epstein-Akten“: Seit das US-Justizministerium am 30. Januar drei Millionen Dokumente, 2.000 Videos und 180.000 Bilder aus den Ermittlungen gegen den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlichte, dominiert die Frage nach dessen Mittätern weltweit die Schlagzeilen. Nicht zuletzt drückt sich darin die Hoffnung aus, dass es zu weiteren Anklagen kommen wird. In den sozialen Medien fordern einige bereits sinngemäß: Genug von den Epstein-Akten, es wird Zeit für die Epstein-Prozesse.

Als im vergangenen Frühling die britische Serie „Adolescence“ über Mobbing und toxische Männlichkeit Erfolge feierte, kritisierten Feministinnen, dass die Serie sich auf die Täterseite konzentriere und Opfer von Frauenhass eine Nebenrolle spielten. Die Frage, warum und wie ein Mann zum Täter wird, sollte zwar in der Tat von entscheidendem Interesse sein. Die Tendenz der Berichterstattung, die Täter als von der Norm abweichende Monster behandelt, geht jedoch an der Realität vorbei. Vielmehr ist an den Männern aus den Epstein-Akten außer ihrem Reichtum und sozialen Status nichts Besonderes zu finden.

Das führt wiederum vielerorts zu der Fehlannahme, dass Geld oder Macht die Täter korrumpiert hätten – dabei war Geld nur das Mittel, das es Epstein erlaubte, seine Taten systematisch zu organisieren. Das, was den Taten zugrunde lag – männliche Sexualität in Verbindung mit Misogynie und der Zugang zu schutzlosen Frauen und Mädchen – ist nichts, was nur Superreiche besäßen. Der Sexualstraftäter von nebenan hat zwar keine Privatinsel, keinen Privatjet und auch nicht Hunderte Millionen US-Dollar zur Verfügung, um Opfer zu locken, Mittäter(innen) finanziell zu entlohnen und teure Anwälte zu bezahlen. Aber das braucht er nicht, um zum Täter zu werden oder um auf Hilfe bei der Vertuschung aus dem sozialen, institutionellen oder familiären Umfeld hoffen zu können. Das haben unzählige Fälle immer wieder gezeigt.

Gleichfalls ist es verführerisch, den Fall Epstein als reinen Polit-Thriller zu konsumieren, als Skandal, der bis in höchste Regierungsämter reicht, allen voran zum ehemaligen Epstein-Intimus Donald Trump. Vielen dient der Fall auch als Projektionsfläche für ihre Verschwörungstheorien oder ihren Antisemitismus.

Die Tendenz der Berichterstattung, die Täter als von der Norm abweichende Monster behandelt, geht an der Realität vorbei.

Das anrüchige Netzwerk Epsteins aufzudecken, die unzähligen in den Epstein-Akten dokumentierten Freundschaften des Sexualstraftäters mit superreichen Unternehmern und prominenten Männern aus Wissenschaft, Medien und Politik, ist das eine. Das andere ist jedoch die systematische direkte Gewalt gegen Frauen, die die zuständigen Behörden jahrelang ignoriert und bagatellisiert haben. Man sollte sich deswegen primär den Opfern zuwenden, weil so deutlich wird, wie institutionelles Versagen und gesellschaftliche Geringschätzung die Taten möglich machten.

Epstein hatte sich bereits 2008 schuldig bekannt, eine Minderjährige für Prostitution bezahlt zu haben, ohne dass es dem gut vernetzten Multimillionär groß geschadet hätte. Dass der Fall 2018 überhaupt zu einem größeren Skandal wurde, ist neben den Opfern, die die Öffentlichkeit suchten, zu einem großen Teil der Journalistin Julie K. Brown zu verdanken. 2018 veröffentlichte sie in der US-amerikanischen Tageszeitung „Miami Herald“ unter dem Titel „Perversion of Justice“ (Perversion der Gerechtigkeit) eine Artikelserie, in der sie schilderte, wie Alexander Acosta, damals Arbeitsminister im ersten Kabinett Trump, zehn Jahre zuvor als Bundesstaatsanwalt in einem Strafverfahren eine Vereinbarung mit Epstein ausgehandelt hatte, die diesem ermöglichte, anstatt einer langen Gefängnisstrafe nur 13 Monate im offenen Vollzug abzusitzen, wenn er sich im Gegenzug als Sexualstraftäter schuldig bekannte und registrieren ließ.

Die laufende FBI-Ermittlung, die weitere Täter und Opfer hätte zutage fördern können, wurde durch die Vereinbarung beendet – und die weitere Strafverfolgung etwaiger Mittäter explizit ausgeschlossen. Besonders kritisiert wurde später, dass Acosta die Abmachung vor den bereits bekannten Opfern geheim hielt, bis das Gericht sie abgesegnet hatte, sodass diese keine Chance hatten, sich vor Gericht gegen den Vergleich zu wehren. Das war umso mehr ein Affront gegen die Frauen, als die Bundesjustiz die Strafverfolgung nur deshalb übernommen hatte, weil sich die Staatsanwaltschaft in Florida, wo Epstein in Nachbarschaft zu Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago eine Villa besaß, in den Augen der Polizei, in diesem Fall des Polizeidirektors in Palm Beach, als untätig erwiesen hatte.

Das zweite große Verdienst Julie Browns ist der große Raum, den die Aussagen der Opfer in ihren Recherchen einnehmen, insbesondere in ihrem 2021 veröffentlichten Buch. Brown führte zahlreiche Interviews mit Frauen, die zum Tatzeitpunkt überwiegend zwischen 13 und 16 Jahren alt waren und deren Biographien größtenteils von Armut und Missbrauch geprägt sind. Solche Mädchen wurden gezielt „rekrutiert“.

„Epstein suchte sich Mädchen aus, die obdachlos und drogenabhängig waren. (…) Er suchte sich Menschen aus, von denen er dachte, dass niemand ihnen jemals zuhören würde, und er hatte Recht“, wird beispielsweise Courtney Wild in Browns Buch zitiert. Aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung wurde Wild mit 14 Jahren von einem anderen Opfer Epsteins für diesen „rekrutiert“. Wild berichtet von sexuellem Missbrauch und davon, wie sie schließlich begann, ihrerseits jüngere Mädchen für Epstein zu „rekrutieren“, um selbst dem Missbrauch zu entkommen.

Wild schildert, wie sie versucht habe, durch das Geld, das Epstein ihr dafür zahlte, die psychischen Folgen des Missbrauchs zu verdrängen: „(Epstein) hat uns in einer traumatischen Zeit geholfen. Es hat lange gedauert, bis ich dieses Gefühl überwunden hatte. Aber wissen Sie was? Ich war nicht obdachlos. Ich hatte eine Wohnung. Deshalb habe ich mich lange Zeit nicht als Opfer gesehen.“ Im Jahr 2007, als sie 17 Jahre alt war, befragte das FBI sie schließlich zu Epstein, welcher sie wiederum unter Druck setzte. Wild suchte sich rechtlichen Beistand und sprach davon, dass sie hoffte, Epstein werde daran gehindert werden, anderen Mädchen zu schaden. Dass Epstein mit einer derart milden Strafe davonkam, war für sie ein Schock. Während seiner 13 Monate Haft durfte Epstein sogar in seinem eigenen Büro arbeiten.

Die Veröffentlichung der Akten wäre nicht nötig gewesen, wenn Ermittlungsbehörden und Gerichte vor Jahren adäquat auf die Aussagen der Opfer reagiert hätten.

Virginia Roberts Giuffre war 16 Jahre alt, als Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell sie ansprach. Giuffre war mit sieben Jahren zum ersten Mal sexuell missbraucht worden und bereits mehrfach vor gewalttätigen Familienangehörigen geflohen. Mit 14 wurde sie von Ronald Eppinger, später verurteilt wegen Menschenhandels zum Zweck der Zwangsprostitution, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Drei Jahre später gelang ihr die Flucht mit ihrem späteren Ehemann, der sie wiederum jahrelang körperlich misshandelte. Später klagte Giuffre gegen Epstein, Maxwell, Andrew Mountbatten-Windsor (ehemals Prinz Andrew) und weitere Täter. Die Verfahren wurden teilweise gegen Vergleichszahlungen beigelegt, der unter anderem wegen Menschenhandels angeklagte Model-Agent Jean-Luc Brunel beging vor seinem Prozess im Jahr 2022 Suizid. Maxwell wurde 2022, drei Jahre nach Epsteins Tod im Gefängnis, zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Wer es schafft, sich der medial gern ausgebeuteten Faszination für die Bösen zu entziehen, kann sich den Opfern zuwenden, deren Lebensgeschichten Brown erzählt. Die Welt soll sehen, wie sie zugerichtet wurden, was sie erdulden mussten, wie sie gebrochen wurden oder sich eben rauskämpften. So hält Brown zum Ende ihres Buches über die Frauen beim Epstein-Prozess 2019 fest: „Sie waren nicht mehr dieselben Frauen, die Emily (Browns Kollegin; Anm. d. Red.) und ich damals kennengelernt hatten. Jetzt sind sie Kämpferinnen.“

Den Opfern Gesichter und Namen zu geben, lautet eine oft erhobene feministische Forderung. Das ist verständlich, da bei reißerischen Berichten allzu oft vergessen wird, dass es leibhafte Individuen sind, die zu Schaden kamen. Dass sich nun jeder und jede online durch die Epstein-Akten klicken kann, wo E-Mails, Fotos und Zeugenaussagen zu finden sind, kann für die Opfer durchaus belastend oder gar retraumatisierend sein – zumal das Justizministerium wenige Tage nach Veröffentlichung Tausende Dateien wieder löschen musste, weil sie Rückschlüsse auf die Identitäten von Opfern boten und sogar Nacktbilder enthielten.

Die Veröffentlichung der Akten wäre nicht nötig gewesen, wenn Ermittlungsbehörden und Gerichte vor Jahren adäquat auf die Aussagen der Opfer reagiert hätten. Dass die Frauen dennoch über die Taten aussagen, zeugt von einem unvorstellbaren Kraftakt. Doch sollten Opfer keine „Kämpferinnen“ sein müssen. Eine solche Rhetorik versucht, den Opfern aufgrund ihrer Stärke Wertschätzung zu verschaffen: Anerkennung erfahren sie dafür, wie viel Gewalt sie ertragen konnten, ohne zu zerbrechen. Was ist dann aber mit jenen, die nicht sprechen können? Dass Berichte von Opfern so wenig ernst genommen wurden, dass Epstein erst 2019, über zehn Jahre nach seinem ersten Schuldeingeständnis, erneut verhaftet wurde, und er in der Zwischenzeit unbehelligt blieb, steht nicht nur für ein Justizversagen, sondern ist ein gesellschaftlicher Skandal.

In den USA kommt es nach einer Schätzung der Organisation „Nationales Netzwerk gegen Vergewaltigung, Missbrauch und Inzest“ (RAINN) bei lediglich knapp drei Prozent aller Sexualdelikte zu einer Verurteilung – vor allem weil die große Mehrzahl nie angezeigt wird. Ein weiterer großer Teil scheitert vor Gericht. Je mehr monetäre Ressourcen für rechtlichen Beistand oder soziales Kapital eine Frau aufbringen kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie ernst genommen wird. Die meisten der „rekrutierten“ Mädchen kamen aber aus prekären sozialen Verhältnissen, in denen sie schon Missbrauch erlebt hatten.

Die Opfer müssen im Mittelpunkt stehen, um zu verhindern, dass es weitere Opfer geben kann. Und dafür braucht es neben einem funktionierenden Rechtssystem wieder mal nichts Geringeres als die Abschaffung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse.

Debora Eller ist Soziologin und Referentin für Antifaschismus, Antirassismus und Emanzipation bei der bundesweiten deutschen Studierendenvertretung fzs.

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