Die Visionen der woxx-Redaktion: Mein Projekt für Esch 2022

Die woxx-Redaktion spuckt auf Corona und lanciert sich mit aller Kraft ins Kulturjahr 2022. Ob 2G oder 3G, mit oder ohne Plus, jetzt geht es darum, dass unsere Projekte gelingen, haben wir uns doch so einiges vorgenommen.

Hymne gesucht!

(is) – Esch ist Europas Kulturhauptstadt im Jahr 2022 – BÄM, in your face, Luxembourg-Schickimicki-Ville! Als waschechte Minettsdäppin kroch ich nach der Bekanntgabe aus meinem Proletennest und schwang mich von einer hässlichen Straßenlaterne der Escher Uelzechtstrooss zur nächsten, bis hin zum einzig wahren Rathaus und meinem liebsten Unesco-Weltkulturerbe – der Eckkneipe Pitcher. Dort feierte ich den Sieg mit einem Krug „Bloen Néckel“, dem Escher Nationalgetränk. Immer wieder überkam mich inmitten von Schnapsnasen der Drang zu grölen, um meiner unbändigen Begeisterung Freude zu verleihen. „Wuäh Esch“ entpuppte sich schnell als primitiv – und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Esch2022 fehlt es nicht an artistischen Leiter*innen, die man feuern kann, nicht an Projekten, die in der Mülltonne landen, noch nicht einmal an einem eigenen Crémant – nein, es fehlt dem Event des Jahrhunderts an einer Hymne. Mit dröhnendem Schädel, zehn Anrufen in Abwesenheit von Marco, dem ich im Freudentaumel wohl meine Nummer gesteckt hatte, klingelte ich bei den Rockbands meines Vertrauens durch: den Rolling Stones und AC/DC. Der grantige Jagger weigerte sich, die Gruppe in Rolling Red Rocks umzubenennen, auch nicht gegen ein Baumhaus im Escher Déierepark. AC/DC legte wortlos auf: Sie wird ihren legendären Hit „Highway to Hell“ nicht unter dem Titel „Moies um 8 op der A4 Richtung Staat“ neu veröffentlichen.

Gutt spruddeleg

(ja) – Mit Esch2022 wird ein lang gehegter Traum endlich war: Ich kann eine Kunstperformance realisieren, an der ich schon seit Jahrzehnten feile. Ich werde eine gigantische Brausetablette pressen lassen, mit einem Durchmesser von etwa drei Metern. Die wird von einem Kran baumelnd in einer Parade durch die Escher Innenstadt gefahren, inklusive Blaskapelle und wiederauferstandenen Majoretten. Nachdem meine Brausetablette – übrigens Zitronengeschmack und extra viel Vitamin C – gebührend bestaunt wurde, wird sie über den Springbrunnen im Park Laval gehievt. Die Blaskapelle trötet eine Fanfare, die Majoretten bilden eine menschliche Pyramide und dann ist es endlich so weit: Meine gigantische Brausetablette fällt in den Springbrunnen. Es schäumt und schäumt und schäumt, als wären die 1990er-Jahre zurück und Schaumpartys wieder in. Esch wird überschwemmt mit zitronig-gelblichem Brausetablettenschaum, den man bis nach Belval riechen kann. Die Reaktionen sind gemischt: Georges Mischo freut sich darüber, dass sein Minettemetropölchen mal wieder sauber ist, während das Tageblatt sich sorgt, ob der Pizzaautomat die Aktion überlebt hat.

Ein Friedensdenkmal für Esch!

(lm) – In diesen Zeiten, in denen sich viele besorgt oder gar bedroht fühlen, bietet es sich an, dem Streben nach Frieden und Sicherheit ein Denkmal zu setzen. Erster Beweggrund ist, dass Esch bei diesem Thema wieder einmal von der Hauptstadt und von Düdelingen überrundet wurde. Luxembourg-City hat gleich zwei dem Kampf für Recht und Freiheit gewidmete Monumente: das für die „soldats volontaires“ sowie die Gëlle Fra zu Ehren der Chemin-des-Dames-, Korea- und Spanien-Helden. Für Letztere steht auch am Bahnhof Diddeleng-Schmelz eine Skulptur. Doch es geht um mehr als die Ehre Eschs. Der zweite Beweggrund liegt in der Natur der bereits bestehenden Denkmäler: Ihre ästhetischen, abgerundeten Formen repräsentieren nicht wirklich das, was man sich unter einer aktiven Verteidigung von Frieden und Zivilisation vorstellt. Noch verfehlter ist natürlich die Skulptur, die Luxemburg für den Sitz der Vereinten Nationen in New York gestiftet hat: ein riesiger Revolver aus Bronze mit verknotetem Lauf, der nicht schießen kann. Diese Allegorie der Gewaltlosigkeit steht in Zeiten wie diesen für Schwäche und Appeasement, statt für eine wehrhafte Demokratie. Esch2022 könnte ein Zeichen setzen und eine Skulptur mit einer klaren Linie errichten: einen Revolver in Überlebensgröße, entknotet und schussbereit.

„Letz“ made it happen

(tj) – Wie wird Luxemburg im Jahr 2100 sein? Im Rahmen von Esch2022 bin ich dieser Frage mittels eines fiktionalen Films nachgegangen, der die aktuelle politische und soziale Situation weiterdenkt: In Luxemburg wohnen nur noch High-net-worth individuals, alle anderen sind ins Grenzgebiet gezogen; das Luxemburger Schulsystem wurde liberalisiert, das Curriculum wird von der Privatwirtschaft vorgegeben; in jeder Straße patrouillieren Polizist*innen, um die Bevölkerung vor schlafenden Obdachlosen zu beschützen; am Nordseestrand in Weiswampach ist es die Frontex, die für Ordnung sorgt; um die Luxair zu retten, wurde der Schienenverkehr abgeschafft; RTL hat alle anderen luxemburgischen Presseorgane aufgekauft und lädt der Klicks halber nur noch Klima- und Coronaleugner ins Studio; eine Gruppe alter, weißer Männer hat beschlossen, dass Geschlechtergerechtigkeit erreicht ist und das Chancengleichheitsministerium keine Daseinsberechtigung mehr hat; die Filiationsreform ist zur erneuten Begutachtung beim Staatsrat; jeden Samstag marschiert eine Gruppe Zombies durch die Hauptstadt, sie sind größtenteils harmlos, ab und zu murmelt einer von ihnen Begriffe wie „Freiheit“, „Nazis“ oder „Diktatur“.

Dezimierung von Esch2022

(rg) – Ende 2019 war es so weit: mit einem letzten definitiven Mausklick gab es kein Zurück mehr, das Projekt „Remix-Resettle“ war eingereicht. Das Budget doppelt so hoch angesetzt als eigentlich notwendig, schließlich wollte Esch2022 nur die Hälfte dazulegen. Den Rest sollten die Teilnehmer*innen sich bei den Sponsoren abholen. Als Kind des Finanzplatzes habe ich mich schon in frühester Jugend in kühnsten Finanzkonstruktionen geübt: Ich werde mein eigener Sponsor und verrechne mir selber ein nicht zu knappes Beratungshonorar, dessen Empfang ich mir selbst quittiere – nicht ohne mich über den halsabschneiderischen Tarif zu ärgern. Ins Budget fließt noch die anteilige Miete für mein Büro ein – eigentlich mein Schlafzimmer. Damit mir keine Doppelfinanzierung vorgeworfen werden kann, schlafe ich dann von Februar bis Dezember 2022 auf dem Küchentisch und nutze das Zimmer ausschließlich zum Abheften der Belege und der Presseartikel zum Projekt. Getreu den zentralen Kriterien der Europäischen Kulturhauptstadt, die da lauten: Innovation, Partizipation, Bürgerbeteiligung, europäische Ausrichtung und nachhaltige Auswirkungen auf die Esch2022-Region, dokumentiert mein Projekt die Evakuierung der Bevölkerung von Esch-Alzette in die Schwesterstadt Esch-Sauer – nach einem Super-Gau in Cattenom im Dezember 2022. Gemäß dem Geheimabkommen „Mischo-Schank“, benannt nach den Bürgermeister*innen, die aus den Wahlen 2018 hervorgingen, können rund ein Zehntel der Einwohner*innen aus der Minettemetropole Asyl im komplett autark wirtschaftenden Öslinger Örtchen beantragen. Die Kriterien, wer darf und wer nicht, soll die Bevölkerung selber festlegen: Escher in dritter Generation, Mitgliedschaft bei den Scouten und Guiden, geimpft und geboostert, weniger als 100 Kilo Restmüll im Jahr 2021, mindestens 200 Euro Spenden an den Tierschutz … Die Liste soll das ganze Jahr über per Internetformular vervollständigt werden. Die entsprechend diesen Angaben gewichtete Namensliste der Auserwählten hängt dann als Wandzeitung im Dezember auf dem Brillplatz aus. Wenn Cattenom bis dahin nicht ohnehin in die Luft geflogen ist.


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