Digitales Lernen in der Corona-Krise: „Spannende Zeit der Reflexion“

Seit 15 Jahren ist Bob Reuter an der Universität Luxemburg als Dozent für Psychologie tätig. Wir haben mit ihm über Homeschooling, digitale Lehrmethoden und soziale Ungleichheiten gesprochen.

Seit 15 Jahren ist Bob Reuter an der Universität Luxemburg als Dozent für Psychologie tätig. (Bildquelle: Sascha Helsper)

woxx: Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?


Bob Reuter: Mein bisheriges Fazit ist recht positiv und hoffnungsvoll. Dadurch, dass an der Universität Luxemburg schon seit fünfzehn Jahren mit dem Lernmanagementsystem Moodle gearbeitet wird, waren viele Dozenten gut auf die Fernlehre vorbereitet. Hinzu kommt, dass der Fokus unseres Studienganges auf Projektlernen und Lernen durch Problemlösen liegt, was in dieser Situation ebenfalls von Vorteil ist. Der Unterschied zwischen computergestütztem Lernen und Fernlehre ist tatsächlich ziemlich gering. Wir als Dozenten müssen jetzt allerdings mehr vorbereiten, weil wir sicherstellen müssen, dass die zusätzlichen Tools, auf die jetzt zurückgegriffen werden muss, funktionieren und leicht benutzbar sind. Wir mussten jetzt zum Beispiel ein Online-Mindmapping-Tool finden, das kollaborativ genutzt werden kann und gratis ist. Ich habe in den letzten zwei Wochen allerdings gemerkt, dass ich meine Studenten mehr als Gruppe denn als Individuen wahrnehme. Bei den Beiträgen im Forum verliere ich aus dem Blick, wer was geschrieben hat, weil da einfach nur Namen stehen, oft ohne Foto. Wenn ich aber während einer Videokonferenz die Studenten über meine Kopfhörer höre, ist das wiederum eine sehr intime Lernsituation, die sich fast wie eine Eins-zu-eins-Begleitung anfühlt. Wenn einer spricht, nehme ich nur diese eine Person wahr, von den anderen bekomme ich überhaupt nichts mit. Es ist auch eine interessante Erfahrung, meine Studenten über ihre Kamera mal bei sich zu Hause zu sehen. Sonst sehe ich sie immer nur im Seminarraum, aber die kommen ja alle irgendwo her und bringen ihren Lebenskontext implizit mit an die Uni.

Haben Sie festgestellt, dass jetzt andere Studierende sich einbringen als vorher?


Nein. Die Digitalisierung ist immer ein Verstärker der Tendenzen, die davor bereits zu beobachten waren. Die Studenten, die sich davor viel eingebracht haben, sind die gleichen, die jetzt im Chat am aktivsten sind. Diejenigen, die schon davor nie Lust hatten zuzuhören, denen wird dies momentan noch leichter gemacht. Doch es geht noch weiter: Diejenigen, bei denen ich davor ein vages Gefühl hatte, dass sie nicht teilnehmen wollen oder können, sind jetzt viel offensichtlicher ausgeschlossen. Bei einem meiner Studenten hatte ich bisher immer das Gefühl, dass er, was seine technische Ausstattung betrifft, den anderen hinterherhinkt. Jetzt kommt das einfach noch viel stärker zum Vorschein. Ich habe jetzt erst angefangen, mich zu fragen, wie dessen sozio-ökonomischer oder psychologischer Hintergrund wohl aussieht. Durch die physische Distanz fangen solche Fragen plötzlich an, sich aufzudrängen. Wir erleben gerade eine spannende Zeit der Reflexion, in der ein ganz anderer Blick auf andere entsteht.

Schüler*innen können sicherlich davon profitieren, dass Lehrer*innen jetzt neue Lehrmethoden einsetzen?


Wir sind momentan in einer Phase, in der alle ihre anekdotischen Erfahrungen machen, ohne zu wissen, ob diese in irgendeiner Weise repräsentativ sind. Feldforschung ist zurzeit eben einfach nicht möglich, die systematische Analyse wird erst im Nachhinein gemacht werden können. Ich würde aber jetzt schon die Hypothese wagen: Diejenigen, die immer schon den Fokus auf autonomes, problem- und projektbasiertes Lernen gelegt haben, werden das in der jetzigen Phase noch mehr tun. Sie werden ihren Studenten jetzt noch mehr Freiheiten und Verantwortung zugestehen. Diejenigen, die schon immer auf Frontalunterricht gesetzt haben und dazu tendierten, die Wortergreifung zu monopolisieren, werden nun ihrerseits verstärkt darauf zurückgreifen und versuchen, noch mehr Sicherheit zu vermitteln als davor. Eine Frage, die ich schon vor der Krise gegenüber Lehrern des Secondaire gestellt habe, war, inwiefern sie ihren Schülern vielleicht nicht genug Eigenverantwortung zutrauen. Medienkompetenz heißt, dass Informationen selbstständig zusammengetragen und bewertet werden können und dem Lehrer nicht alles blind nachgeplappert wird. Ich hoffe, dass diese Lehrer merken, dass sie gerade jetzt verstärkt loslassen müssen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen: Schüler plappern gerne nach, denn das gibt Sicherheit. Pädagogisch und didaktisch kann es aber ganz sinnvoll sein, seinen Schülern ab und zu zu sagen: „Versucht mal, alleine zurechtzukommen. Ihr habt ja jetzt die Zeit und die Freiheit dazu.“ Wir haben doch eigentlich gerade eine fantastische Gelegenheit: Lehrer merken, dass ihre Schüler sich mithilfe des Internets mit Lerninhalten auseinandersetzen können. Und Schüler merken noch stärker, dass es nicht nur eine Wissensquelle gibt.

Es wäre wichtig, ein Trainingsangebot für Kinder und Eltern zu schaffen, um sie angemessen auf eine potenzielle nächste Homeschooling-Phase vorzubereiten.

Akteure wie der SEW-OGBL warnen, dass durch die aktuelle Situation die soziale Segregation im Bildungswesen noch zusätzlich verstärkt wird. Teilen Sie diese Ansicht?


Homeschooling und Fernlehre tragen sicherlich zu sozialen Ungerechtigkeiten bei. Die Kinder, bei denen niemand zu Hause das Lernen begleiten kann, wo es keine Möglichkeit gibt, Dokumente auszudrucken und kein digitales Gerät zur Verfügung steht, sind zurzeit noch benachteiligter als ohnehin schon. Das ist ein Vorwurf, den man einem naiven sozio-konstruktivistischen Lehransatz immer schon machen konnte: Selbstgesteuertes, entdeckendes, experimentelles Lernen funktioniert besonders gut bei bildungsnahen Schülern. Jetzt, wo Kinder mehr auf sich alleine gestellt im Internet Informationen nachsuchen müssen, werden sozio-ökonomisch benachteiligte Schüler eindeutig den Kürzeren ziehen. Hypothesen aufstellen, Daten sammeln, Resultate analysieren, rationale Schlussfolgerungen ziehen – das ist wirklich nicht leicht. Wir müssen als Gesellschaft eine Antwort darauf finden, wie ein Bildungswesen gestaltet sein muss, damit kein Schüler vernachlässigt wird. Wir müssen dafür sorgen, dass die Ressourcen und die Talente, die in jedem Kind stecken, gefördert werden. Davon würde die Gesellschaft nicht nur wirtschaftlich profitieren, sondern auch sozial, kulturell und menschlich gesehen. Es wäre aber ein Fehler zu denken, dass digitale Medien soziale Ungerechtigkeiten schaffen – sie legen sie nur offen und tragen dazu bei, sie zu reproduzieren beziehungsweise zu verstärken.

Was können wir denn aus dieser Situation lernen?


Zurzeit werden Probleme sichtbar, die davor nicht auffielen. Langweilige, anspruchslose Lernmethoden wie nicht kontextualisierte Arbeitsblätter werden als noch langweiliger wahrgenommen, wenn Lehrerpräsenz und Klassendynamik wegfallen. Ich hoffe, dass wir hieraus lernen werden, Lernmethoden künftig verstärkt auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Was Digitalisierung betrifft, entdecken viele jetzt neue Tools und ich wünsche mir, dass sich einige davon in post-Covid19 Zeiten rüber retten werden. Einige Lehrer haben zum Beispiel in den letzten Wochen Video-Tutorials angefertigt. Sie greifen dabei zwar auf den gleichen Frontalunterricht zurück wie vorher schon, die Videos sind aber deshalb eine Bereicherung, weil sie auch zu Hause und bei Verständnisschwierigkeiten mehrmals oder mit Untertiteln geschaut werden können. Ich könnte mir auch vorstellen, dass künftig sehr viel mehr auf Videokonferenzen zurückgegriffen wird. Einfach weil sie günstiger, umweltschonender und weniger zeitaufwändig sind. Ich würde mir wünschen, dass Schülern künftig nicht nur gratis Bücher zur Verfügung gestellt werden, sondern auch garantiert wird, dass alle zu Hause Internetzugang haben und an der digitalen Kultur teilnehmen können. Medien sind nicht nur ein Tool, sie sind, um einen von der Autorin Lisa Rosa geprägten Begriff zu benutzen, ein Kulturzugangsgerät. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Schule allen Kindern ab dem Kindergarten ein Tablet schenken soll und sie damit tun können, was sie wollen. Es muss damit natürlich auch eine entsprechende Begleitung einhergehen. Die Schule muss vermitteln, wie digitale Geräte sinnvoll zum Lernen eingesetzt werden können und wie sie genutzt werden können, um selbstermächtigt in die Welt zu gehen. Ich denke, es wäre wichtig, ein Trainingsangebot für Kinder und Eltern zu schaffen, um sie angemessen auf eine potenzielle nächste Homeschooling-Phase vorzubereiten.


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