Dirk von Lowtzow, Sänger der deutschen Rockband Tocotronic, versammelt in seinem Band „Detektive“ Texte von 1999 bis 2019, die er als Kunstkritiker für die Zeitschrift „Texte zur Kunst“ oder für Kataloge verfasst hat. Mit Neugier folgt man ihm bei seinen Begegnungen mit Kunstwerken und Künstler*innen, in die Hamburger Galerie der Gegenwart zu Sigmar Polke, in die Deichtorhallen zu Jason Rhoades’ „Perfect World“ oder in die Galerie Crone in Berlin zur Fotografieausstellung „To a Snail“ von Annette Kelm. Daneben finden sich auch ein Interview mit dem italienischen Regisseur Dario Argento, das fünfteilige Theaterstück „Elegant Verrannt“ für Cosima von Bonin sowie unbeantwortete Fragen an die Autorin Leïla Slimani. Ein unterhaltsamer und persönlicher Ausflug.

Dirk von Lowtzow, Gründungsmitglied und Sänger von Tocotronic, ist auch als Kunstkritiker und Autor tätig. (© Jutta Pohlmann)
VORWORT
1993 war das Jahr, in dem ich nach Hamburg kam.
Ich hatte gerade ein abgebrochenes Kunstgeschichtsstudium in Freiburg hinter mir, in dem ich in drei Semestern nur zwei Referate gehalten hatte. Eines behandelte die Schriften von Marcel Duchamp. Die gigantische Monographie von Serge Stauffer wurde im kunstwissenschaftlichen Institut aufbewahrt wie eine Gutenberg-Bibel. In unregelmäßigen Abständen blätterte ich in dem wertvollen Buch und verstand rein gar nichts von seinem Inhalt.
Das andere Referat war als Analyse des »Höllensturzes« von Peter Paul Rubens geplant. Ich war, wie viele junge verstörte Männer, die in den 1980er Jahren aufgewachsen sind, an okkulten Praktiken und Satanismus interessiert, deshalb lag mir das Thema am Herzen.
Auf dem Weg zum Podium stürzte ich die Treppe in den Hörsaal hinab und brach mir den Knöchel. Eine Karriere als gefallener Engel begann, aber den Seminarschein bekam ich nicht. Gleichzeitig lösten sich meine Schülerbands allmählich auf. Ich dachte, das war’s mit den Träumen von Gelehrtentum und Rockstardasein.
Meine Entscheidung, nach Hamburg zu ziehen, um dort Jura zu studieren, betrachtete ich fast als Kapitulation. Paradoxerweise lernte ich dort, als ich desorientiert in der Orientierungseinheit der Uni saß, Jan Müller und eine Woche später seinen Schulfreund Arne Zank kennen, und Tocotronic war geboren.
Im Hamburger Kunstverein, der kurz zuvor an seinen heutigen Standort am Klosterwall gezogen war, sah ich das erste Mal in meinem Leben das, was man damals wie heute als »Gegenwartskunst« bezeichnete – die in Freiburg nicht existierte. Die Ausstellung hieß »Backstage« (die kannte ich bisher nur aus Punkclubs) und war als ein Schielen hinter die Kulissen und gleichzeitig als Überblick über »Institutionskritik« und »Kontextkunst« gedacht.
Viele der gezeigten Positionen korrespondierten mit der gerade begonnenen Praxis von Tocotronic.

(© Verbrecher Verlag)
In unseren Anfängen haben wir uns oft als eine »Fake- Firma« verstanden, als eine »Meta-Band«, deren selbstgebastelte Merchandiseprodukte wir auf den »Markt« warfen, bevor wir die erste Note gespielt hatten.
»Readymades belong to everyone« hieß die künstlerische Entsprechung in den Ausstellungsräumen – die Präsentation einer rätselhaften Agentur des wenig später verstorbenen Philippe Thomas, die sich auf die Schaffung, Verbreitung und Kommunikation von Kunstwerken spezialisiert hatte – nur, wo waren diese? Die allgegenwärtige Möglichkeit des Scheiterns trug grundsätzlich zum Gelingen der Ausstellung bei. Der Amerikaner Sean Landers zeigte »peinlich berührt« ungebrannte und unförmige Terrakottaskulpturen. »It’s not going to be a hit, so why even bother« sang unsere damalige Lieblingsband Smog auf einer frühen Single. »Es ist gar nicht so leicht, Musik zu machen« sangen wir.
Fünf Jahre später spielten wir unsere kleinen Hits immerhin auf dem Bizarre-Festival bei Köln – im Nachmittagsprogramm.
Abends fielen wir geschlossen in die Musiker- und Künstler*innen-Kneipe »Sixpack« in der Aachener Straße ein. Am Tresen traf ich Isabelle Graw, die Autorin und Herausgeberin von »Texte zur Kunst«. Ich kannte die coole Zeitschrift, denn ich hatte ein paar Jahre zuvor ein Exemplar auf einem Flohmarkt in Wien erstanden und dieses mehrmals von vorne nach hinten und von hinten nach vorne durchgelesen. Zu späterer Stunde musste bei der äußerst begeisterungsfähigen Isabelle Graw die Idee entstanden sein, mich für ihr Periodikum schreiben zu lassen. Das Konzert hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon vergessen, aber in der Nacht legte ich mich voller Stolz über meine neugewonnene Position als Kunstkritiker in das schmale Hotelbett.
Der vorliegende Band versammelt (fast) alle Beiträge, die ich in den Jahren 1999–2019 für »Texte zur Kunst« verfasst habe. Er beginnt mit einem Ausstellungsbesuch bei Sigmar Polke in der Hamburger Kunsthalle und endet mit einigen (unbeantwortet gebliebenen) Fragen an die marrokkanisch-französische Schriftstellerin Leïla Slimani. Auch in den Hamburger Kunstverein bin ich in meiner neuen Rolle als Detektiv zurückgekehrt. Dort verlor ich mich in den fantastischen Städtemodellen des kongolesischen Bildhauers Bodys Isek Kingelez. Welten aus Papier – und meine ersten Begegnungen mit postkolonialen Diskursen.
Eine besondere Freundschaft verbindet mich mit der Kölner Künstlerin Cosima von Bonin, die ich um den Jahrtausendwechsel bei einer Hochzeitsfeier in einem Hamburger Kleingartenvereinsheim als betrunkener Fan angesprochen habe. Dafür, dass Cosima mich an diesem Abend nicht brüsk zurückgewiesen oder mir eine Schelle verpasst hat, bin ich ihr ein Leben lang dankbar. Allerdings muss ich im Gegenzug dazu von Zeit zu Zeit Frohndienste leisten, d. h. Hundezeichnungen oder Katalogtexte für sie anfertigen.
Das vorliegende Theaterstück, ursprünglich in vier Fortsetzungen für die Publikationen von aufeinanderfolgenden Ausstellungen verfasst, erzählt von dieser gegenseitigen Abhängigkeit. Mein Spitzname in diesem finsteren Spiel ist übrigens »Daffy«.
Von meiner Vorliebe für Okkultismus und Gruselzeugs habe ich bereits weiter oben berichtet. Horrorfilme liebe ich seit frühester Kindheit. Viele der hier versammelten Texte bezeugen diese Affinität. Geister und Phantome, die Ahnherr*innen des Surrealismus, spielen eine prominente Rolle. Nicht selten scheint es in den Ateliers, Galerien und Ausstellungshallen zu spuken.
Umso glücklicher war ich, als ich für eine Filmausgabe von »Texte zur Kunst« den legendären italienischen Regisseur Dario Argento interviewen durfte. Die Terminfindung für das Gespräch dauerte länger als die gleichzeitige Entstehung des »Weißen Albums« von Tocotronic – und wir verbrachten immerhin zwei Jahre im Studio! Zudem hatten der Maestro und ich kaum gemeinsame Sprachkenntnisse, was den Gesprächsfluss am Festnetztelefon zwischen Rom und Hamburg-Altona zusätzlich erschwerte.
Als vor kurzer Zeit der Reclam-Verlag an uns herantrat, um eine Ausgabe von Tocotronic-Songtexten unter dem Titel »Das Unglück muss zurückgeschlagen werden« zu kompilieren, wuchs in mir der Wunsch, auch einmal alle meine »Texte zur Kunst« der letzten 25 Jahre chronologisch zu ordnen und in einem Band zu versammeln. Bei der erneuten Durchsicht stellte ich fest, wie stark diese Texte mit den Tocotronic-Songs der jeweiligen Zeitphasen korrespondierten. In einigen Fällen hatte ich das Gefühl, dass sie wie Sekundärliteratur zu den gesehenen Kunstwerken funktionierten – und die über sie geschriebenen Texte wie Sekundärliteratur zu den Songs UND den Kunstwerken.
Ich hoffe, dass die Leser*innen des vorliegenden Bandes ihrerseits zu Detektiv*innen werden und meinen Spurensuchen und Beweisaufnahmen folgen können. Ich danke von Herzen dem Verbrecher Verlag, dass er diese Ausgabe ermöglicht hat.
Dirk von Lowtzow Berlin, 14.02.2026

