Escher Bibliothek: Woher und wohin?

Die Escher Bibliothek tourt zum hundertsten Geburtstag durch die Stadt – und ist kein bisschen müde. Ein Gespräch mit der Bibliotheksleiterin Tamara Sondag über Nachwuchsprobleme, Staubwischen und Inklusion.

Die Bibliothek war lange Zeit eine Schalterbibliothek: Man konnte den Bestand nicht durchstöbern, sondern nur seine Bestellung abholen. Erst 1997 wurde das Konzept der „bibliothèque à libre accès“ eingeführt. (Copyright: Romain Urhausen, 1956)

Im Lesesaal der Escher Bibliothek ist es an diesem Morgen still. Auf einem Holztisch liegt ein Gemeinschaftspuzzle: Ein paar Puzzlestücke wurden schon zu einer Ecke zusammengesteckt. Es riecht nach Zeitungspapier und Kaffee. Die Sonne fällt durch die großen Fenster der Villa Deitz. Die Bibliothek ist, nach mehreren Umzügen, seit 1946 hier zu Hause und verfügt inzwischen über 60.000 Medien: Bücher, Zeitungen, Zeitschriften DVDs und CDs. Im Lesesaal liegt eine Auswahl von internationalen und lokalen Zeitungen, unter anderem auch die woxx.

Sondag schiebt Gadgets zum Jubiläum über einen der Arbeitstische: Kugelschreiber, Notizblöcke, einen Bleistift mit Pflanzensamenkappe. Es gibt auch Kaffeebecher mit dem Jubiläums-Logo. Das Motto, das die Geschenkartikel ziert: „A look at the past. A vision for the future.“ Eine Zukunft, die gemeinhin oft schwarzgemalt wird. Wer geht heutzutage noch in eine Bibliothek? Wo soll man als Bibliothekar*in Arbeit finden? Das sind doch die, die einen Dutt tragen und immer nur „Psst!“ flüstern! Fragen und Klischees, denen Sondag im Alltag oft begegnet. Die 29-Jährige, die die 2015 Bibliotheksleitung übernommen hat, kann darüber nur müde lächeln.

Zwischen Anerkennung und Abwendung

Bibliotheken sind kein Anachronismus. Schon gar nicht von der Grundidee her. In der Hinsicht liegen sie sogar im Trend. Die breite Öffentlichkeit interessiert sich zunehmend für Nachhaltigkeit und zirkuläre Konzepte. Der Rückbezug auf lokale und kurze Handelswege spielt dabei eine große Rolle. In der Escher Bibliothek erfolgt der Ankauf in der Regel über lokale Buchhandlungen oder unmittelbar über die Autor*innen selbst. „Wir setzen auf die lokale Vernetzung und auf ethisch vertretbare Handelswege“, fügt Sondag dem bei. Die Insolvenz großer Zwischenbuchhändler, wie beispielsweise rezent die des deutschen Marktführers Koch, Neff und Volckmar (KNV), hätten deshalb auch keinen direkten Einfluss auf ihren Berufsalltag. Ein weiterer Aspekt, der Bibliotheken zu Musterschülerinnen in puncto Nachhaltigkeit macht: Das Angebot geht durch viele Hände. „Im Ausland gibt es inzwischen auch Bibliotheken der Dinge, wo man sich beispielsweise Kleingeräte oder andere Alltagsgegenstände ausleihen kann“, verrät Sondag. „Ich finde den Gedanken nicht verkehrt.“ Ob es entsprechende Ausbaupläne für die Escher Bibliothek gibt? Sie lacht. Nein, die gebe es nicht.

Die Zahlen sprechen dafür, dass die Escher Bibliothek auch nach hundert Jahren noch gut ankommt. Sie hat nichts an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt. Die Zahl der Neueinschreibungen beläuft sich seit 2015 jährlich auf 500. Letztes Jahr gab es 3.580 Nutzer*innen, die insgesamt 13.367 Medien ausliehen. Das Interesse an mehr- und englischsprachigen Büchern sowie an Hörspielen und Hörbüchern nimmt zu. Der Großteil der regelmäßigen Besucher*innen sind junge Student*innen und Schüler*innen. An jenem Morgen besucht aber auch eine Seniorin, eine Stammkundin, den Lesesaal – um Zeitung zu lesen. Im Untergeschoss schälen sich wenig später plappernde Kindergartenkinder aus ihren dicken Winterjacken. An einem vielschichtigen Publikum fehlt es der Bibliothek nicht. Das Berufsfeld an sich kämpft jedoch um qualifizierten Nachwuchs.

Der Grund: Der Berufszweig wird an den Sekundarschulen stiefmütterlich behandelt. Da kommen die Klischees wieder ins Spiel. Die Perspektiven, die einem ein Studium im Bibliothekswesen öffnen, sind vielen laut Sondag weitgehend unbekannt. Sie spricht von einem akuten Mangel an Fachpersonal, das im digitalen Zeitalter intelligente Kriterien und Schemen für die Archivierung und das Katalogisieren erstellt. Letztes Jahr seien über 180 Stellenangebote im Bibliothekswesen ausgeschrieben worden. Dieses Jahr läge man schon bei über 30. Oft würden die Gesuche unter Begriffen wie „Data Scientist“ oder „Information Specialist“ veröffentlicht. Der Berufszweig ist für Sondag allein angesichts der derzeitigen Informationsflut nicht wegzudenken. In der Union luxembourgeoise des bibliothèques publiques (ULBP) sind 15 Bibliotheken eingetragen. Doch nicht in all diesen Institutionen seien auch ausgebildete Bibliothekar*innen im Einsatz.

Neue Ansprüche

Im Archivgesetz und im Kulturentwicklungsplan (Kep) von 2018 sieht Sondag einen Hoffnungsschimmer. „Die Tatsache, dass es inzwischen ein Archivgesetz in Luxemburg gibt, zeigt, dass das politische Bewusstsein für diesen Bedarf wächst“, sagt sie. Im Hinblick auf die Bibliotheken hofft sie, dass diese bei der Umsetzung des Kep nicht in Vergessenheit geraten. Auch im Bibliotheksbereich müsse ein Bewusstsein für die dringliche Notwendigkeit von qualifiziertem Fachpersonal entstehen. „Gleichzeitig muss das Berufsfeld jungen Menschen nähergebracht werden“, betont Sondag, „damit die nächste Generation nachrückt.“ Sie versteht sich und ihre Kolleg*innen als Allrounder*innen. „Es ist ein vielseitiger Beruf, der unterschiedliche Kompetenzen erfordert: Informatikkenntnisse, pädagogische Fähigkeiten, einen Sinn für Eventmanagement. Wir wischen nicht den ganzen Tag Staub von Büchern.“

Foto: Emile Hengen

Die Herausforderungen an öffentliche Bibliotheken sind in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Das macht sich auch in der Escher Bibliothek bemerkbar. Das Selbstverständnis ist heute ein anderes. Bibliotheken gelten in Fachkreisen als „troisième lieu“, als sozialer und demokratischer Raum zwischen Arbeitsumfeld und Privatbereich. Damit geht auch die Frage nach der Ausrichtung einher. „Wir verstehen uns heute als öffentliche Bibliothek als Dienstleister, der die Besucher bei der Zusammensetzung ihres Weltbildes unterstützt“, sagt Sondag. „Der erzieherische Aspekt der Bibliotheken, die in ihren Anfängen meist Schalterbibliotheken waren, hat sich verändert. Das Informationsspektrum ist breiter geworden und das Angebot vielfältiger.“ Ein interessantes Rahmenprogramm, Workshops zum Umgang mit Informationsmedien, Arbeitsplätze für die Besucher*innen, soziale Interaktion – Stichwort Gemeinschaftspuzzle –, leicht zugängliche Räumlichkeiten: Für Sondag muss eine Bibliothek mehr sein als ein Ort, an dem man Bücher in Regalen hortet. Dieses „mehr sein“ ist nicht immer leicht umzusetzen. „Bibliotheken kämpfen immer gegen den Platzmangel. Wir versuchen unser Angebot ständig zu erweitern und die Räumlichkeiten attraktiv und inklusiv zu gestalten. Irgendwann stoßen wir räumlich aber an unsere Grenzen”, erklärt die Bibliotheksleiterin.

So ist die Escher Bibliothek, wie mindestens zwei weitere öffentliche Bibliotheken der ULBP (Grevenmacher und Schengen), nicht barrierefrei. Aus dem Grund will das Escher Team andere Wege gehen. Raus aus der Villa Deitz, hin zu den Besucher*innen. Sondag und ihr Team entwickeln derzeit neue Projekte, wie beispielsweise das Serviceangebot „E Buch op Rieder“ oder die „Bibliambule“. „E Buch op Rieder“ ist ein Bücherbus, der Senior*innen und körperlich eingeschränkten Menschen Bücher nach Hause liefern soll. Das Projekt geht bald in die Testphase. Die „Bibliambule“ ist eine ausklappbare, ambulante Bibliothek, die bei gutem Wetter durch Esch und Umgebung tourt. Die Konstruktion soll demnächst geliefert werden. Genaue Daten und Standorte werden wetterbedingt kurzfristig bekannt gegeben. Erste Auftritte sind für den kommenden Sommer geplant.

Es sind kleine Gesten. Notlösungen, die kein dauerhaftes, alleinstehendes Konzept bleiben dürfen. Aus dem Gespräch mit Sondag geht hervor, dass auf politischer Ebene in Luxemburg generell noch einiges passieren muss, um den Bedürfnissen moderner Bibliotheken gerecht zu werden. Zwar betont sie mehrmals, dass die Zusammenarbeit mit der Escher Gemeinde hervorragend ist und die öffentlichen Bibliotheken auf nationalem Niveau gefördert werden. Doch sie räumt im gleichen Atemzug ein, dass nicht allen Verantwortlichen bewusst zu sein scheint, was eine moderne Bibliothek ausmacht und was sie leisten kann. „Es gibt Bereiche in Luxemburg, die weit außerhalb des Einzugsgebietes von öffentlichen Bibliotheken liegen. Jedoch ist es gerade Aufgabe der öffentlichen Bibliothek für ihre Nutzer direkt und einfach erreichbar zu sein“, gibt Sondag zu bedenken. „Die teilweise eingesetzten Bücherbusse sind eine Alternative, decken aber nicht den gesamten Service ab, den eine Bibliothek bietet.“

Das Rahmenprogramm zum Jubiläum ist abwechslungsreich. Das nächste Event findet am 15. April (18 Uhr) statt: der Leseabend „Subversiv Lëtzebuerger Stëmmen“ mit Jeff Schinker, Anja Di Bartolomeo und Nathalie Ronvaux. Was zum Vormerken gibt es auch: Die Travestiekünstlerin Séraphine Mirage trägt in einer Live-Performance am 11. Juli (19:30 Uhr) ihre queere Interpretation von Shakespeares „Romeo und Julia“ vor. Das komplette Programm gibt es unter bibliotheque.esch.lu

Die Geschichte der Escher Bibliothek begann schon 1892: Das Bildungsministerium verteilte damals 43 Bände der Sammlung „Des Landmanns Winterabende“ an luxemburgische Grundschulen. Was zunächst eine Schulbibliothek war, entwickelte sich erst zur Volksbibliothek und später zur „bibliothèque municipale“ (1919). 1940 zählte die Bibliothek 32.000 Bücher. Nach der Nazi-Besetzung – die Bibliothek zog von der „Kreisleitung“ zurück in die Villa Laval – betrug der Bestand nur noch 8.600 Werke. Später entpuppte sich die Escher Bibliothek als Vorreiterin: Sie war die erste Bibliothek Luxemburgs, die Vinylplatten verlieh (1961) und einen Bereich für Jugendliteratur einrichtete (1988). 2014 wurde die Bibliothek offiziell, gemäß den Kriterien des Bibliotheksgesetzes von 2010, als öffentliche Bibliothek anerkannt. Seit nunmehr vier Jahren ist der ebook-Bestand der Escher Bibliothek online via ebooks.lu verfügbar.


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