Ewigkeitschemikalien: Verschleierte Risiken

von | 03.10.2025

Chemiekonzerne schlagen einen EU-weiten Grenzwert für TFA vor, der weit über den bisherigen Richtwerten liegt. Eine Analyse von „Pan Europe“ zufolge hat die Industrie dabei eigene Studienergebnisse zur Toxizität der Ewigkeitschemikalie heruntergespielt, gar ignoriert.

Laut einem am 29. September veröffentlichten Bericht der NGO „Pesticide Action Network“ (Pan Europe) versuchen Chemiekonzerne alles, um Trifluoressigsäure (TFA) harmloser wirken zu lassen, als sie ist. Das, damit Substanzen und Produkte, die sich zu TFA abbauen, weiterhin am Markt bleiben können. Die Hersteller spielten, so die NGO, die negativen Auswirkungen der Substanz in eingereichten Studien „systematisch herunter“.

Die neuen Studien haben Konzerne wie „Bayer“, „Syngenta“ und „Chemours“ eingereicht. Denn im April dieses Jahres hatte die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bei der EU-Chemiebehörde (Echa) vorgeschlagen, TFA als fortpflanzungsgefährdend einzustufen. Die Datenlage ist jedoch dünn und es gibt wenige unabhängige Studien, die nicht als Zulassungsstudien von der Industrie selbst durchgeführt wurden. Letztere zeigen alle, dass TFA gesundheitsschädliche Wirkungen hat, hauptsächlich Fehlbildungen in den Augen und dem Skelett.

Folgen in allen getesteten Tieren

Dennoch interpretieren die Konzerne in einem zusätzlich eingereichten Dokument die eigenen Ergebnisse so, dass die schädlichen Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit „möglicherweise“ nur bei Kaninchen auftreten könnten. „Die verfügbare Datenlage zeigt ein anderes Bild“, kommentiert Pan Europe. In der Tat zeigten die neu eingereichten Studien jedoch, dass die Effekte bereits bei niedrigen Dosen auftraten und bewiesen mitnichten, dass sie nur Kaninchen betreffen. Auch zeigte bereits 2007 eine Studie von Bayer, dass TFA zu Augenfehlbildungen in Laborratten führen kann, 2021 zeigte eine Studie von Bayer und Solvay weitere negative Wirkungen bei Ratten. In der Schlussfolgerung letzterer werden die beobachteten Wirkungen – verminderte Schilddrüsenhormonspiegel, Spermienanomalien, Gewichtsreduktion von Fortpflanzungsorganen – jedoch ignoriert. Somit haben die Unternehmen „wissenschaftlich unbegründete Argumente vorgebracht, um die TFA-Toxizitätsbewertung [der EU-Behörden] in die Irre zu führen“, kritisiert Pan Europe.

Dies ist nicht Neues: Seit Jahrzehnten versuchen PFAS-Hersteller und Chemiekonzerne, die Gefahren von Ewigkeitschemikalien wie TFA zu verschleiern („Drum prüfe, was sich ewig hält“, woxx 1847). Dabei bestätigen auch die wenigen existierenden unabhängigen Studien die Gesundheitsrisiken von TFA.

Die Chemiekonzerne schlagen der EU einen Grenzwert von 294 µg/L für das Trinkwasser vor – dies ist um ein zwanzigfaches höher als der vom luxemburgischen Gesundheitsamt gesetzte Orientierungswert von 12 µg/L. Viel zu hoch, meint Pan Europe, die in dem Vorschlag und den neuen Studien eine Verzögerungstaktik sieht: „Indem sie die Fakten vor politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit verschleiern, riskieren [die TFA-Hersteller], die dringend notwendigen politischen Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt erheblich zu blockieren oder zu verzögern“, so die NGO, die die Wichtigkeit unabhängiger Studien unterstreicht.

Unter der EU-Pflanzenschutzmittelverordnung stufte die EU-Kommission in einem Gutachten dieses Jahr TFA als „relevanten Metabolit“ ein und bezeichnete das Abbauprodukt so als umweltkontaminierend. Doch die EU müsse TFA nun als toxisch für die Fortpflanzung klassifizieren, so Pan Europe. Angesichts der dünnen Datenlage müsse das Vorsorgeprinzip greifen. Die bekannten Risiken von TFA seien hoch genug, um Produktion und Nutzung einzustellen. Auch Produkte wie Pestizide, die sich zu TFA abbauen, dürften nicht weiter zugelassen werden. Da sich die Substanz in Gewässern, Lebensmitteln und Blut anreichert („Auf immer und ewig“, woxx 1845), sind wohl die meisten von uns betroffen, auch hochrangige EU-Politiker*innen.

So bat der dänische Umweltminister während eines Treffens im Juli dieses Jahres seine Homolog*innen, sich selbst auf PFAS im Blut testen zu lassen. Auf Nachfrage der woxx gab das luxemburgische Umweltministerium an, dass Serge Wilmes (CSV) sich nicht testen lassen würde. Die Untersuchungsphase zur Einstufung von TFA als fortpflanzungstozisch läuft noch und bisweilen gibt es keinen EU-weiten Grenzwert. Gegen Ende des Jahres soll die Weltgesundheitsorganisation einen solchen vorschlagen.

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