Geschlechterpolitik in Luxemburg: Wir tun ein bisschen was

Dem Ministerium für Gleichheit von Frauen und Männern (Mega) fehlt es an einer Gesellschaftsvision und dem Bewusstsein dafür, wie der eigentliche Ursprung der Probleme bekämpft werden kann. Der neue nationale Aktionsplan ist das traurige Ergebnis fehlender Ambitionen.

Der nationale Aktionsplan 2020 
ist genau so unambitioniert wie die 
neue visuelle Identität des Mega. (Bilder: Mega)

Manche Dinge gehören in unserer Gesellschaft einfach dazu: Dass Frauen sich stärker um die Kindererziehung kümmern, ihre Familien bekochen, besser in der Schule abschneiden, im Schnitt weniger verdienen als Männer oder häufiger im sozialen und Bildungsbereich arbeiten. Vieles davon wird nicht mit Geschlechterdiskriminierung in Zusammenhang gebracht, sondern als Zufall, Pech oder Resultat persönlicher Entscheidungen betrachtet. Geschlechterdifferenzen sind derart stark in unserer Gesellschaft und in unserem Habitus verankert, dass sie wie ein natürliches Phänomen erscheinen. Die gängige Argumentation gegen die aktiven Bemühungen um Geschlechtergleichheit folgt deshalb auch immer demselben Muster: Von wegen Männer und Frauen seien eben unterschiedlich – sie hätten andere Prioritäten im Leben, andere Verhaltensmuster, andere Interessen. Nur offener Frauenhass sei schlecht – wer diesem nicht verfalle, habe seinen Beitrag zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft schon geleistet.

Doch dem ist nicht so, auch wenn die beschriebene Haltung weit verbreitet ist. Wie ist es sonst zu erklären, dass Frauen im Jahr 2020 immer noch qua Geburt weltweit diskriminiert werden? Wer sich diesen Missstand objektiv vor Augen führt, kommt nicht umhin sich zu fragen: Wie kann das sein? Wieso stören wir uns als Gesellschaft so wenig daran, dass eine Hälfte der Menschheit von der anderen unterdrückt wird? Wo bleibt die Empörung?

In den Institutionen, die am meisten dagegen unternehmen könnten, sucht man sie jedenfalls vergeblich. Die politischen Verantwortlichen in Luxemburg tun nur das Nötigste, damit niemand ihnen vorwerfen kann, nicht zu handeln. Zwischen kleinen „Reförmchen“ und fehlgesteuerter Symbolpolitik wird man den Eindruck nicht los, dass kein wirklicher Wille besteht, etwas grundlegend zu ändern.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der neue Aktionsplan für die Gleichstellung von Frauen und Männern, der vor drei Wochen von Ministerin Taina Bofferding vorgestellt wurde, und sieben Prioritäten, 48 Maßnahmen und 99 Aktionen umfasst. Im Einleitungstext wird an die Wichtigkeit erinnert, die eigenen Bemühungen kritisch zu hinterfragen. In Anbetracht der mehr oder weniger gleichen Strategie, die das Mega in Sachen Geschlechtergerechtigkeit seit Jahren anwendet und wie wenig es damit vorankommt, wirkt diese Aussage wie eine leere Floskel. Der Kampf um eine geschlechtergerechte Gesellschaft wird zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe erklärt. Das bleibt allerdings ein inhaltsloser Ansatz, wenn nicht präzisiert wird, was genau das Mega darunter versteht und welche der aufgeführten Maßnahmen von wem wie umgesetzt werden sollen. Zum anderen wird betont, im Kampf gegen Geschlechterdiskriminierung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ansetzen zu wollen. Wieso, wird nicht erklärt. Wie Kinder sensibilisiert werden sollen, wenn die Erwachsenen um sie herum es nicht sind, ebensowenig.

Flagrante Schwachstellen

Bei der Lektüre fallen zwei zentrale Schwachstellen auf, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Plan ziehen. Die erste ist die fehlende Zukunftsvision des Mega. Wie würde eine wahrhaft geschlechtergerechte Gesellschaft in den Augen des Ministeriums aussehen? Welche Konsequenzen hätte sie auf das Leben einzelner Individuen, auf die Wirtschaft, die Kultur und die Funktionsweise diverser Institutionen?

Die zweite zentrale Schwachstelle ist der Unwille, bestehende Probleme an der Wurzel zu packen: Die wahrhaftigen Ursachen von Frauenunterdrückung, werden ausgeklammert. Wenn es zum Beispiel heißt, dass eine Gesellschaft angestrebt werde, in der jeder Mensch seine Potenziale und Talente ausschöpfen kann, wird ausgeblendet, dass diese Potenziale bereits wesentlich durch die Sozialisation geprägt sind. Hat ein Mensch erst einmal konkrete Kompetenzen und Interessen entwickelt, hat er Geschlechterideale meist schon ohne es zu merken internalisiert. Die Formulierung des Mega legt eine voluntaristische, meritokratische Herangehensweise nahe: Wenn Menschen nur ausreichend an sich glauben und keine Steine in den Weg gelegt bekommen, dann können sie alles erreichen. Potenziale ausschöpfen und Geschlechterstereotype bekämpfen sind allerdings zwei sehr unterschiedliche, sich teils widersprechende Ziele. Was, wenn ein Mann sagt, dass er keinen Bedarf daran habe sein Potenzial bezüglich Kindererziehung auszuschöpfen? Und seine Lebenspartnerin sagt, dass sie ebendies tun möchte? In dem Fall ändert sich nichts an der Gesamtsituation und die ausbleibende Veränderung wird mit dem freien Willen gerechtfertigt.

Ein solches verkürztes Verständnis schlägt sich in den Kapiteln wie „Intéresser davantage des garçons aux professions socio-éducatives“ nieder. Auch wenn es sich dabei um ein erstrebenswertes Ziel handelt, so lassen die Ausführungen eine Auseinandersetzung mit den Gründen für ein reduziertes Interesse von Männern an solchen Berufen völlig vermissen. Ähnlich verhält es sich mit Kampagnen, die Frauen dazu anregen sollen, für politische Posten zu kandidieren. Nicht das bloße Anfeuern, sondern tiefgreifende Analysen davon, welche Geschlechterideale die jeweiligen Karriereambitionen beeinflussen, können dazu beitragen, strukturelle Ungleichheiten aufzubrechen. Davon abgesehen bedeutet der Kampf um mehr Geschlechtergerechtigkeit nicht, dass alle genau das machen können, was sie gerne möchten. Um den einen mehr Privilegien zu garantieren, müssen andere einen Teil der ihren abtreten. Ein Posten kann nun mal nur durch eine Person besetzt werden.

Wer sich weigert, in die Tiefe zu gehen, kratzt unweigerlich nur an der Oberfläche. Die auf den ersten Seiten des Aktionsplans beschriebenen Ziele und Aktionen sagen selten mehr als „schädliche Stereotype sind doof“ und „Frauen können genau das gleiche wie Männer – und umgekehrt“. Bei letzterem Punkt deutet sich bereits eine weitere Schwachstelle des Plans an: Obwohl anfangs Statistiken genannt werden, die die strukturelle Benachteiligung von Frauen illustrieren, wird diese in der Gesamtheit des Textes ausgeklammert. Klar sind auch Jungen und Männer in manchen Bereichen benachteiligt, dennoch sind sie von allen mit Abstand das privilegierteste Geschlecht.

Schamlose Inkompetenz

Der Eindruck der Oberflächlichkeit besteht aber noch aus weiteren Gründen. An manchen Stellen wird auf luxemburgische Studien und Analysen verwiesen, die entweder bereits abgeschlossen oder in Planung sind. Einige Formulierungen vermitteln den Eindruck, dass nur in jenen Bereichen Kenntnisse vorliegen können, zu denen in Luxemburg geforscht wird. Wieso die enorme Bandbreite an internationalen Erkenntnissen der Gender Studies ausgeblendet wird, ist nicht nachvollziehbar. An mehreren Textstellen werden als Aktionen geplante Diskussionen oder Recherchen genannt. Auch von einer Analyse von Best- und Worst-Practices ist die Rede. Manches, was als Ziel angegeben wird, wie die Suche nach einer Alternative für „nom de jeune fille“, hätte innerhalb einer dreiminütigen Internetrecherche herausgefunden werden können. Es ist unfassbar mit welcher Schamlosigkeit in diesem Aktionsplan die Inkompetenz und Untätigkeit des Mega offengelegt wird.

Die Wortwahl des Plans gibt generell nicht viel Grund zur Hoffnung. In der Einleitung heißt es, dass eine Evaluation der Fortschritte geplant sei. Davon abgesehen, dass bei keinem der Ziele und Aktionen angegeben wurde, bis wann sie erreicht beziehungsweise umgesetzt werden sollen: Schwammige Formulierungen wie „thématiser l’impact des publicités sexistes“, „discussions sur le marketing sexué“ oder „poursuite des réflexions“ sind derart unspezifisch, dass sie wohl kaum als reale, überprüfbare Ziele oder Aktionen bezeichnet werden können.

Obwohl der Aktionsplan bei den Kapiteln „Arbeit“, „Gemeinden“ und „häusliche Gewalt“ an Qualität und Komplexität gewinnt, lässt er auch dort einiges zu wünschen übrig. Statt ein nuanciertes Verständnis der vorliegenden Problematik erkennen zu lassen, wird oft auf oberflächliche Floskeln zurückgegriffen („promouvoir les valeurs de respect et d’égalité entre les sexes“), bezüglich derer ohnehin gesellschaftlicher Konsens besteht. Mit dem Plan bleibt das Mega seiner bisherigen Linie treu: Angestrebt werden vor allem kleine Aktionen, die auf wenig gesellschaftlichen Gegenwind stoßen. Der radikale Paradigmenwechsel, ohne den an Geschlechtergerechtigkeit gar nicht erst zu denken ist, wird explizit nicht angestrebt. Mit dem Plan wird der Bevölkerung vorgegaukelt, dass der oder die Einzelne nichts Wesentliches an seinen oder ihren bisherigen Gewohnheiten zu ändern braucht. Die angestrebten Ziele sind nicht nur nicht ambitioniert: Sie sind das absolute Minimum, das einem Land wie Luxemburg in Sachen Geschlechterpolitik abverlangt werden kann. Das Motto lautet nicht „Wir gestalten die Gesellschaft um“, sondern „Wir tun ein bisschen was“. Zu Beginn des Textes wird bedauert, wie langsam die Bestrebungen um Geschlechtergerechtigkeit vorankommen. Wer den Aktionsplan liest, zieht das Fazit: Kein Wunder.


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