Guy Helminger: Die Lombardi-Affäre

„Die Lombardi-Affäre“ ist mehr als nur eine kalte Abrechnung mit der hiesigen Kultur-Schickeria. Guy Helmingers semi-autobiografischer Roman gewährt auch einen Einblick in die unendlichen Weiten und Möglichkeiten der Literatur – die alles vernetzt.

Das hat RTL nun davon: Gewährt der luxemburgische Monopol-Sender von Staatsgnaden einmal einem Schriftsteller Einblick hinter die Kulissen, schon findet er sich in einem seiner Romane wieder. In „Die Lombardi-Affäre“ greift Helminger seine Zeit als Moderator einer Kultur- und einer Krimisendung auf und spart nicht mit Kritik. Die Rahmenhandlung des Romans liefert ein Geständnis, das ein Schriftsteller einem Polizeipsychologen abgibt, nachdem er seinem Nachbarn auf offener Straße die Kehle durchtrennt hat.

Ist der Autor verrückt geworden oder steckt mehr hinter der Bluttat als das Auge sehen kann? Letzteres gilt sicher für den fiktionalen Schriftsteller, ist dieser doch im Besitz einer quasi hellseherischen Gabe, die es ihm erlaubt, die Netzwerke der Potentialitäten zu durchqueren und jeden Punkt des Universums mit dem nächsten zu verbinden. Was mitunter zu abstrus anmutenden Verflechtungen führt – die von China, über Myanmar zum Kirchberg und zurück gehen. Dieser Kunstgriff erlaubt es Helminger sehr unterschiedliche Fakten zu einem Stoff zu verweben. Die Lombardi-Affäre – gemeint ist natürlich das mediale Lynchen des ehemaligen Mudam-Direktors Enrico Lunghi – ist Teil dieses Netzes.

Und auch wenn bereits 2018 die Gefährtin des Direktors ein „Tell All“-Buch publiziert hat, in dem die Fakten noch einmal alle aufgezählt sind und die Finger bereits auf den Premier- und damaligen Kulturminister Xavier Bettel zeigten, der sich die gefälschte Affäre zunutze machte, um den Rücktritt des ungeliebten und unbequemen Direktors zu fordern, so erlaubt sich Helminger im Rahmen seiner Fiktion noch einen Schritt weiter zu gehen. In „Die Lombardi-Affäre“ ist der Absturz Lombardis nämlich nicht nur von oben toleriert, sondern durchaus gewollt. Oder wie Helminger es ausdrückt: „Nur einer blieb ungeschoren, der Premier. Obwohl er vor einem Ausschuss nicht überzeugend begründen konnte, warum er Angelo Lombardi so schnell, ja vorschnell verurteilt hatte, hatte die Affäre keine Konsequenzen für ihn. Im Gegenteil konnte er im Fernsehen sogar verkünden, er habe richtig gehandelt und würde es beim nächsten Mal wieder genauso tun. Eine klare Drohung an die Kunstszene und denjenigen, der Lombardis Job übernehmen würde. Denn in dieser Aussage ging es nicht um Lombardis Fehlgriff, sondern um das Formen eines Landes. Es ging um das Brandeisen der Nation, darum die Gegenwart zurück in die Moderne zu führen. Unterhaltung, oder wie diese Leute gerne sagen: Kultur anstelle von Kunst zu propagieren. Picasso als Dekoration für die Wand anstatt der künstlerischen Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen Gesellschaft. Es war eine konservative Kampfansage an alle progressiven Kräfte. Er hätte auch ausrufen können: ‚Tod der Kunst! Ich will mehr Musicals!‘“

Unbequemer geht es wohl kaum, und es ist mit Spannung zu erwarten, wie verschiedene reale Personen die sich in der Fiktion wiedererkennen werden, auf dieses Buch reagieren werden. Eine Rezension auf RTL ist wohl kaum zu erwarten – und wohl auch kein Verriss. Denn dazu ist der Roman zu spannend geschrieben, ein Page-Turner sozusagen, in dem der Autor seine Leserschaft auch schon mal Achterbahn in seinem Kopf fahren lässt. Und das ist es, was „Die Lombardi-Affäre“ bemerkenswert macht: Es verbindet die Schreibkunst des Autors mit einem politischen Pamphlet gegen die neoliberale Unterwanderung des Kulturbetriebs durch den Premier und seine Clique. Ein großartiges Zeitdokument, das in keiner Luxemburgensia-Bibliothek fehlen sollte. 

 Erschienen bei Capybarabooks.


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