Im Kino: Cruella

Disney hat der ikonischen Antagonistin aus „101 Dalmatiner“ 
ihr eigenes Prequel spendiert. 
Die größte Schwäche des lauten und visuell ansprechenden Spektakels ist der Anspruch, eine Herkunftsgeschichte zu erzählen, nach der niemand gefragt hat.

Cruella (Emma Stone) präsentiert ihre Kollektionen mit spektakulären Aktionen. (Foto: Laurie Sparham / Disney Enterprises Inc.)

Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Estella Miller (Emma Stone) ist ein rebellisches Kind, weswegen ihre Mutter sie Cruella nennt. Bereits seit ihrer Geburt hat sie ihre charakteristische Haarfärbung: eine Seite schwarz, die andere weiß. Als Estella von ihrer Schule fliegt, beschließt die kleine Familie, nach London umzuziehen. Doch noch bevor sie dort ankommen, stirbt die Mutter bei einem Unfall auf einer Modenschau. Estella ist fest davon überzeugt, für diesen Tod verantwortlich zu sein, und macht sich auf eigene Faust auf nach London, wo sie Jasper (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser), zwei andere Waisenkinder, trifft. Fortan schlägt sich das Trio dort mit Trickdiebstählen durch. Die sind auch deswegen so erfolgreich, weil Estella eine talentierte Schneiderin und Modedesignerin ist und für jeden Diebeszug die passenden Kostüme näht.

Ihre Freunde verschaffen Estella eine Anstellung in einem berühmten Modehaus, die nach einem kurzen Intermezzo zu einer Stelle bei der Baroness (Emma Thompson), Londons berühmtester und gefürchtetster Modeschöpferin führt. Die adelige und grausame Designerin erkennt Estellas Talent und nimmt sie unter ihre Fittiche. Die ist anfangs geschmeichelt, entdeckt dann jedoch, dass die Baroness ein dunkles Geheimnis hat, das mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun hat. So tritt Cruella (wieder) auf den Plan: Mit ihrer natürlichen schwarz-weißen Haarfarbe und extravaganten Outfits stiehlt sie ihrer Chefin erst ihre drei Dalmatiner und dann immer wieder die Show. Cruella taucht auf jeder Modenschau der Baroness auf, präsentiert mit spektakulären Aktionen ihre eigenen Kreationen. Das führt zu einer kaltblütigen Racheaktion, bei der Cruella scheinbar ums Leben kommt. Doch bei einem großen Finale – bei dem sich selbstverständlich wieder alles um Mode dreht – soll sich das Blatt noch einmal wenden …

Der Film lebt zum größten Teil von der schauspielerischen Leistung der beiden weiblichen Hauptcharaktere. Sowohl Emma Thompson als auch Emma Stone spielen ihre Figuren – einmal bitterböse, einmal auf dem besten Weg dahin – so gut, dass man sich beinahe wünscht, sie wären echte Modedesignerinnen, die einen kreativen Kleinkrieg gegeneinander führen. Visuell beeindruckend ist nicht nur das Setdesign, sondern es sind vor allem die Kostüme: Cruellas Müll-Kleid, das sie bei einer ihrer Aktionen mit einem Müllwagen präsentiert, ist definitiv oscarreif. Manchen Nebendarsteller*innen, zum Beispiel Kirby Howell-Baptiste und John McCrea, hätte mehr Screentime gutgetan. Der Soundtrack passt zwar zu dem Setting des London der 1970er-Jahre, bedient sich jedoch allzu oft altbekannter Songs.

Obwohl Cruella mit vielen großartigen Montagen, witzigen Szenen und spannenden Raubzügen aufwartet, ist der Film mit über zwei Stunden Lauflänge sehr lang. Ein rigiderer Schnitt mit beispielsweise einer Modenschau oder Verfolgungsjagd weniger hätte dem Endprodukt vermutlich gutgetan.

Hat die Figur Cruella de Vil tatsächlich einen Film gebraucht, der ihre Herkunftsgeschichte erklärt? Die Antwort, dass Disney einmal mehr versucht, vorhandene Franchises zu Geld zu machen, liegt auf der Hand. So beeindruckend der Film sein mag: Die Anknüpfungspunkte zu „101 Dalmatinern“ wirken allesamt wenig überzeugend. Wer sich eine ausführliche Charakterstudie erwartet, die den Wandel von Estella zu Cruella erklärt, wird enttäuscht, denn die Erklärung ist denkbar banal. Cruella wurden ihr Talent und ihre Bösartigkeit schlichtweg in die Wiege gelegt.

Zusätzlich legt der Film nahe, dass Estella/Cruella unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet, symbolisiert durch ihre von Natur aus zweifarbigen Haare. Damit soll auch der rasche Charakterwechsel, der über Nacht und nicht etwa schleichend passiert, erklärt werden. Diese gefährliche Botschaft ist absolut unnötig und verleiht der Figur Cruella letzten Endes keine Tiefe, sondern erklärt eine grundlos böse Figur zu einer psychisch kranken.

Im Kino und auf Disney+. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

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