Im Kino: In die Sonne schauen

von | 05.02.2026

Mascha Schilinskis Cannes-prämiertes Werk „In die Sonne schauen” ist ein poetischer, verstörender Film über das, was vier Generationen von Frauen miteinander verbindet.

Was geht wohl im Kopf der kleinen Alma vor? Eine Frage, um die sich „In die Sonne schauen“ beständig dreht. (© Studio Zentral/Fabian Gamper)

Mit ihrem neuen Film „In die Sonne schauen” entfernt sich Mascha Schilinski deutlich von vertrauten Erzählmustern des Kinos. Stattdessen webt sie ein filmisches Geflecht aus Eindrücken und Stimmungen, das sich langsam entfaltet und erst im Nachhall seine volle Wirkung zeigt.

Der Film begleitet vier Mädchen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf demselben abgelegenen Bauernhof in der Altmark aufwachsen. Jahreszeiten vergehen, Jahrzehnte wechseln, politische und gesellschaftliche Umstände verändern sich. Die Erzählung folgt indes keiner Chronologie: Sie springt vor und zurück, verbindet Szenen über Assoziationen und Motive hinweg, und verlangt vom Publikum, sich auf diese fragmentierte Struktur einzulassen.

Verstörendes Erinnerungsgewebe

Das im Mai 2025 bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnete Werk ist dabei weder Historien- oder Coming-of-Age-Film, noch Familiendrama im klassischen Sinne. Stattdessen entsteht ein mäanderndes, mitunter verstörendes Erinnerungsgewebe.

Die früheste Geschichte gilt der in den 1910er-Jahren lebenden Alma (Hanna Heckt); in den 1940er-Jahren rückt Erika (Lea Drinda) in den Mittelpunkt, in den 1980ern Angelika (Lena Urzendowsky) und in der Gegenwart Lenka (Laeni Geiseler). Was Schilinski interessiert, ist nicht Dramaturgie oder Spannungsaufbau, sondern das subjektive Erleben ihrer Protagonist*innen: „In die Sonne schauen“ ist eine Momentaufnahme dessen, was sie in einem spezifischen Augenblick ihres Lebens beschäftigt.

Gewalt im Alltag

Der Alltag auf dem Hof ist bestimmt von Routinen: Arbeit, Mahlzeiten, Feiern, Ausflüge. Diese scheinbar harmlosen Situationen tragen jedoch eine unterschwellige Spannung in sich. Denn „In die Sonne schauen” ist ein Film, der mit ungewöhnlicher Konsequenz strukturelle Gewalt sichtbar macht – nicht spektakulär, sondern als Lebensrealität. Ihre Erscheinungsformen verändern sich im Laufe der Jahrzehnte, die Auswirkungen ähneln sich. Der Film beobachtet das ohne erklärende Kommentare und lässt die Bilder für sich sprechen.

„In die Sonne schauen” fordert Aufmerksamkeit und Geduld. Klare Botschaften oder Interpretationsansätze bietet er nicht. Stattdessen lädt er dazu ein, Verbindungen selbst herzustellen. Es ist ein Film, der sich nicht aufdrängt, sondern sich langsam erschließt – und gerade dadurch nachhaltig wirkt.

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