Im Kino: La quietud

In „La quietud“ stellen sich zwei Schwestern der dunklen Vergangenheit ihrer argentinischen Familie. Der Film ist streckenweise sehr melodramatisch, lohnt aber dennoch.

Zwei Schwestern mit einem besonderem Verhältnis.

Der Schauplatz von „La quietud“ ist eine Finca gleichen Namens, im Besitz der wohlhabenden Montemayors. „Quietud“ bedeutet „Ruhe“, aber gerade diese finden die Protagonist*innen in Pablo Traperos Familiendrama nicht. Zu Beginn begleitet die jüngste Tochter Mìa (Martina Gusmàn) ihren Vater Augusto (Isidoro Tolcachir) zum Anwalt. Es geht um die wohl nicht ganz so klaren Umstände, unter denen die Montemayors Grundstücke, darunter die Finca, einst erworben haben. Wer ein wenig von der Geschichte Argentiniens weiß, von der Militärdiktatur und ihrer Praxis, Menschen „verschwinden zu lassen“, wird die Andeutungen des Films richtig zu lesen wissen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit bleibt allerdings erst einmal aus, denn Augusto erleidet einen Herzanfall und liegt den Rest des Films über im Sterbebett.

Der Abritt des Patriarchen macht die Bühne frei für die Frauenfiguren, die im Mittelpunkt von „La quietud“ stehen. Mutter Esmeralda (Graciela Borges) gibt auf der Finca die divenhafte Hausherrin mit Zigarettenspitze und Morgenmantel. Zu Mìa gesellt sich alsbald ihre ältere Schwester Eugenia (Bérénice Bejo), die nach zehnjähriger Abwesenheit aus Paris zurückkehrt. Trapero inszeniert die beiden als Beinahe-Zwillinge: der gleiche Haarschnitt, die gleiche Kleidung und das gleiche Tattoo verbinden Mìa und Eugenia, deren Darstellerinnen sich eh ähnlichsehen. Die verschwommene Identität der beiden Schwestern ist allerdings nicht bloß visuelle Spielerei.

Das seltsame Band, das Mìa und Eugenia eint, bildet den Knotenpunkt der Handlung. Ihr Wiedersehen gestaltet „La quietud“ auf verstörend erotische Art: Die Schwestern erinnern sich daran, wie sie sich als Mädchen in Gedanken an einen attraktiven Handwerker selbst befriedigt haben, und beschließen dies – in Unterwäsche auf dem Bett liegend – gleich zu wiederholen. Ob das nun plausibel ist oder männlichen Regieträumen entspringt, sei mal dahingestellt. Jedenfalls teilen sich Mìa und Eugenia die Männer nicht nur in der Fantasie. Bald schon taucht Eugenias Mann Vincent (Edgar Ramírez) aus Paris auf, während vor Ort Familienanwalt Esteban (Joaquín Furriel) Begehrlichkeiten weckt.

Die amourösen Komplikationen ändern jedoch nichts an der Grundkonstellation. Im Haus der Montemayors wird es immer wieder dunkel und still, da der Strom regelmäßig ausfällt. Die Familie droht sich aufzulösen, an der nie aufgearbeiteten Vergangenheit zu zerbrechen. Die Konflikte brodeln weiter unter der Oberfläche, bevor zu dick aufgetragen wird: Autounfälle, Scheinschwangerschaften, angezweifelte Vaterschaften, aus der Steckdose entfernte Beatmungsmaschinen – die Grenze zur Seifenoper ist fließend. Der Film reißt aber eher dort mit, wo er nach der Schuld der Nachkommen fragt, die unter den Bequemlichkeiten und kleinen Eifersuchtsdramen bürgerlicher Lebensweisen erst freigelegt werden müssen. Lobenswert ist neben den schauspielerischen Leistungen – insbesondere die von Graciela Borges als Matriarchin – auch die Kameraarbeit. Zwischen Totalaufnahmen der idyllischen Finca und Detailaufnahmen der Figuren mit minimaler Tiefenschärfe lotet Pablo Trapero die Möglichkeit eines Neuanfangs aus – für die wohlbehüteten Kinder, die immer noch von den Früchten des Unrechtsregimes profitieren.

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Bewertung der woxx : XX


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