Im Kino: Misbehaviour

Die Drama-Komödie „Misbehaviour“ von Philippa Lowthorpe greift die Anfänge des Women’s Liberation Movement der 1970er-Jahre auf und macht daraus einen oberflächlichen Basiskurs in Sachen Frauenbewegungen, in dem Nebenfiguren den Hauptdarstellerinnen die Show stehlen.

Sally Alexander (Keira Knightley, links) schließt sich Feministinnen an, um mit einer Protestaktion bei „Miss World 1970“ gegen Sexismus anzukämpfen. (Fotos: www.pathe.co.uk)

University College London, 1970: Die Bewertungen für Sally Alexanders (Keira Knightley) Aussehen fallen mittelmäßig aus. Sie sitzt vor einer männlichen, weißen Jury, die eigentlich über ihre Aufnahme zum Geschichtsstudium entscheiden soll, sich aber zunächst auf ihre Erscheinung konzentriert. Sie ist geschieden und ihr neuer Lebensgefährte kümmert sich ums Stiefkind. Die Jury verzieht das Gesicht. Die Regisseurin Philippa Lowthorpe fällt mit einer der ersten Szenen von „Misbehaviour“ gleich mit der Tür ins Haus: Die britisch-französische Produktion hat es auf das Patriarchat abgesehen.

Um eine Geschichte über Sexismus zu erzählen, bedarf es wenig Fantasie. Wahre Begebenheiten zum Thema gibt es genug. In „Misbehaviour“ sind weder die Handlung noch die Mehrheit der Figuren reine Fiktion. Die Person Sally Alexander ist Historikerin und Mitinitiatorin des Women’s Liberation Movement in Großbritannien – eine feministische Bewegung Ende der 1960er-Jahre, die Sexismus anprangerte und um Frauenrechte kämpfte. Die Wahl der „Miss World“, die seit 1951 veranstaltet wird, galt für sie als Inbegriff der Objektivierung von Frauen. Erst seit 1996 können Männer um den Titel des weltweiten Schönheitskönigs buhlen.

Eine Protestaktion bei der Wahl zur „Miss World 1970“ verhalf den Aktivistinnen 1970 in London zu großer Sichtbarkeit. Was die damalige Misswahl aber von anderen unterschied: Nach Protesten der Anti-Apartheid-Bewegung, die sich für die Rechte von People of Colour in Südafrika stark machte, wurden eine weiße und eine schwarze Südafrikanerin zum Wettbewerb eingeladen. Auch trat zum ersten Mal eine schwarze „Miss“, Jennifer Hosten (im Film gespielt von Gugu Mbatha-Raw), aus Grenada an. Lowthorpe nimmt dies zum Anlass, die Mehrfachdiskriminierung schwarzer Frauen aufzuzeigen und Konflikte innerhalb feministischer Bewegungen anzureißen. Im Film wollen die Aktivistinnen um Alexander den Schönheitswettbewerb boykottieren, während die schwarzen „Misses“ um ihre Sichtbarkeit und Wertschätzung in Mainstream-Medien kämpfen.

Diese im Ansatz interessante Gegenüberstellung begrenzt sich auf kurze Dialoge zwischen den Kandidatinnen sowie auf einen Austausch zwischen Alexander und Hosten. Das ist hilfreich für Menschen, die noch nie von Rassismus oder der Mehrfachdiskriminierung schwarzer Frauen gehört haben. Die anderen ärgern sich über Lowthorpes kurze Abhandlung eines Themas, das einen eigenen Langspielfilm verdient. Generell fehlt es dem Film an allen Enden an Tiefe. Die Handlungen und die Weiterentwicklung der Hauptcharaktere sind vorhersehbar. Die vermeintlichen Stärken des Films liegen in den Nebenfiguren und im Detail.

Der Produktionsleiter und Erfinder von „Miss World“, Eric Morley (Rhys Ifans), sticht hervor. Einerseits ist er dieser herrische TV-Guru, der seine Angestellten und die Kandidatinnen entwürdigt. Andererseits deutet Lowthorpe an, dass er sich selbst danach sehnt, zur „Miss World“ gekürt zu werden. In einer Szene post er mit Krönchen und Gewand vor den Kandidatinnen, um sie auf ihren Auftritt vorzubereiten. Es ist allerdings ein Affront, dass eine männliche Nebenfigur in einem Film über Feministinnen mehr hergibt als die weiblichen Hauptcharaktere.

Lowthorpe jubelt der faden Drama-Komödie nebenbei einen kritischen Kommentar zur geschlechtsspezifischen Kindererziehung unter, wenn Alexanders Mutter ihrer Enkeltochter Lippenstift aufträgt und ihr „Miss“-Gehabe unterstützt. Ähnlich subtil kommentiert sie die Tatsache, dass Männer oft von Frauen Erklärungen für Feminismus verlangen. Wenn Eric seine Ehefrau fragt, was die Aktivistinnen mit Patriarchen meinen, entgegnet sie genervt „Men like you, Eric“ und belässt es dabei. Weiter geht Lowthorpe auch in diesem Kontext nicht. Sie setzt eben mehr auf Komödie als auf Drama und verschenkt damit die Gelegenheit, einen komplexen Streifen über einen wichtigen Moment der Frauenbewegung zu zeigen.

Im Ciné Utopia. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

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