Im Kino: Poor Things

von | 25.01.2024

„Poor Things“ ist eine visuell beeindruckende schwarze Komödie. Die der Buchvorlage zugrunde liegende Kapitalismuskritik bleibt jedoch enttäuschend oberflächlich.

Gesellschaftliche Missstände bringen Bella zur Verzweiflung. (© Searchlight Pictures)

Seit „Poor Things“, der neuste Streifen des griechischen Filmemachers Yorgos Lanthimos auf den Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte, wird er mehrheitlich gelobt. Der Film beruht auf dem 1992 erschienen gleichnamigen Roman des schottischen Autors Alasdair Gray. Darin fungiert die Erzählung aus Mary Shelleys „Frankenstein“ lose als Grundlage für eine sowohl feministische als auch sozialistische Kritik an einem neoliberal geprägten Menschenbild. Handlungsort des Romans ist Glasgow, eine Stadt, die, wie der 2019 verstorbene Gray stets bedauerte, trotz ihrer Schönheit nur selten als Schauplatz fiktionaler Erzählungen dient.

Dass nun ausgerechnet die Verfilmung dieses Romans nicht in besagter Stadt angesiedelt ist, zog in den vergangenen Monaten einige Kritik auf sich. Stattdessen verlagert Lanthimos den Kern der Handlung in die britische Hauptstadt – möglicherweise ein Versuch, den universellen Charakter der Botschaft des Films zu unterstreichen.

Im Zentrum steht zunächst der von Willem Dafoe gespielte Wissenschaftler Godwin Baxter. Wenn er nicht gerade Kurse an der Universität gibt, nutzt er das Laboratorium in seinem opulenten Stadthaus, um moralisch fragwürdige Experimente an Mensch und Tier durchzuführen. Eines davon ist die von Emma Stone gespielte Bella. Obwohl sie wie eine Dreißigjährige aussieht, erinnert ihr Verhalten eher an das eines Kleinkinds. Was es damit auf sich hat, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Obwohl sich Bella in ihrem Zuhause frei bewegen kann, ist ihr Lebensraum hermetisch abgeriegelt, ins Freie lässt Godwin sie nämlich nicht. Um ihm unter die Arme zu greifen, engagiert er den Medizinstudenten Max McCandles (Ramy Youssef), der mit der ihre Umwelt wissbegierig erkundenden Bella allerdings ebenfalls überfordert zu sein scheint.

Surreal und grotesk

Den Anfang seines Films zeigt Lanthimos als eine Art Kabinett der Kuriositäten, mit dem für seine Filme typischen schwarzen Humor. Wir sehen die Welt vornehmlich aus Bellas Perspektive, in ihrer naiven Art und ihrer Bereitschaft fremden Männern allzu schnell zu vertrauen, erinnert sie an Jodie Fosters Nell in Michael Apteds gleichnamigen Film von 1994. Wie viel Zeit im ersten Drittel des Films vergeht, lässt sich anhand Bellas sich ständig erweiternden Kompetenzen höchstens vermuten.

(© Searchlight Pictures)

Immer wieder greift Lanthimos auf verzerrende Filmtechniken zurück, darunter das Fischaugenobjektiv. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Anfangsszenen weichen mit Bellas zunehmender Autonomie farbenreichen Bildkulissen (wobei diese zum Teil an eingefärbte Schwarz-Weiß-Bilder aus der frühen Filmgeschichte erinnern). Die übersteigerte Darstellung der Realität überträgt der Filmemacher auch auf die Schauplätze: Nicht nur bei London, sondern später auch bei Lissabon, Alexandria und Paris handelt es sich um surreale Steampunk-Versionen besagter Metropolen. Im Verhältnis zum steril wirkenden „The Lobster“, Lanthimos’ polarisierendem Film von 2015, eine starke Stilabweichung. Tatsächlich erinnert „Poor Things“ sowohl inhaltlich als auch visuell stärker an Filme von Guillermo del Toro, Terry Gilliam oder Jean-Pierre Jeunet.

Das Artifizielle und Groteske an Lanthimos’ neuem Werk wird durch die Figuren und deren Verkörperung noch zusätzlich verstärkt. Allen voran Emma Stone ist in der Rolle der Kindsfrau Bella kaum wiederzuerkennen. Doch auch Mark Ruffalo überzeugt in der schreiend komischen Rolle des Anwalts Duncan Wedderburn.

Nicht feministischer als „Barbie“

Anhand der Figur Bella erzählt der Film den Werdegang einer sich emanzipierenden Frau. Das tut Bella zunächst auf sexueller Ebene: Nachdem sie das Masturbieren für sich entdeckt hat, stürzt sie sich auf eine sexuelle Erfahrung nach der anderen – ein starker Kontrast zu dem viktorianischen Setting, in welchem sie lebt. Von gesellschaftlichen Erwartungen lässt sich Bella zum Frust der sie umgebenden Männer kaum einschüchtern.

„Poor Things“ enthält Ansätze einer Kapitalismuskritik. Damit diese Kritik jedoch wirklich greifen könnte, müsste der Film weitaus unangenehmer sein. Das fängt bereits bei den Figuren an. Lanthimos und den von ihm ausgewählten Schauspieler*innen ist es gelungen, Figuren zum Leben zu erwecken, an denen man sich nicht sattsehen kann. Was in einem anderen Film wunderbar funktionieren würde, steht hier in diametralem Widerspruch, die männlichen Figuren als Inbegriff neoliberaler Ausbeutung zu porträtieren. Lanthimos hält sich letztlich zu sehr mit den Wundern seiner ästhetischen Kreation auf, um inhaltliche Tiefe erreichen zu können. Wie schon „Barbie“, einem anderen rezenten Kinofilm, in welchem sich die Protagonistin an den von Kapitalismuslogik und Patriarchat vorgegebenen Gesellschaftsnormen stößt, ist „Poor Things“ vor allem ein ästhetischer Sehspaß – aber was für einer!

In fast allen Sälen.

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