Im Kino: The Mole Agent

Anders als es der Titel andeutet, geht es in diesem Film von Regisseurin Maite Alberdi nicht wirklich um Spionage. Stattdessen stehen Mitgefühl, Einsamkeit und Selbstfindung innerhalb eines Altenheims in Chile im Fokus.

Wer hätte das gedacht? Bei seiner Spionagetätigkeit schließt Sergio gleich mehrere Freundschaften. (Copyright: Gravitas Ventures)

Sergio ist 83, Witwer und lebt in Chile. Als er eine Jobanzeige sieht, in der Personen zwischen 80 und 90 Jahren gesucht werden, sieht er darin die Chance für einen Tapetenwechsel. Wie sehr das zutrifft, erfährt er beim Bewerbungsgespräch: Für mehrere Monate soll er sich für den Bewohner eines Altenheims ausgeben und Informationen über eine Frau namens Sonia sammeln. Auftraggeberin ist deren Tochter, die sich vergewissern will, dass ihre Mutter im Heim gut versorgt wird.

Die Prämisse von „The Mole Agent“ lässt sofort an eine Spionagekomödie denken. Tatsächlich handelt es sich aber um einen Dokumentarfilm, was vor allem zu Beginn des Films jedoch nicht ganz klar ist. Anders als in vielen anderen Dokus fehlen Interviews und wackelige Kameras gänzlich. Erst in der Szene, in der Sergio seine Ausstattung ausgehändigt wird – eine Brille und ein Kugelschreiber mit eingebauten Mikrokameras – wird es offensichtlich: Mit seiner Brille filmt Sergio das Kamerateam, das neben den beiden, Sergio und dem Detektiv, sitzt.

Es fragt sich, ob die Verwirrung rund um den dokumentarischen Charakter des Films gewollt war. Neben oben erwähnten stilistischen Entscheidungen ist daran nämlich auch ein Mangel an Erklärungen schuld. Denn nicht nur Sergio filmt innerhalb des Altenheims: Der Großteil des Bildmaterials stammt von einem Filmteam mit offizieller Dreherlaubnis. Ob dieses Team von demselben Detektiven engagiert wurde wie Sergio, wird nicht präzisiert. Auch die Frage, ob Sergios Auftrag durch die Präsenz einer Filmcrew nicht unterwandert wird, wird gar nicht erst aufgeworfen. Immerhin soll er ja gerade herausfinden, wie der Umgang mit den Bewohner*innen ist, wenn niemand von außen hinschaut.

Auch inhaltlich spiegelt sich das wider: Sergios Spionagetätigkeit fungiert im Film eher als Running Gag, als dass viel dabei herauskäme. So wie seine Beobachtungen und Nachfragen für ihn selbst immer mehr an Wichtigkeit verlieren, so kristallisiert sich auch für die Zuschauer*innen zunehmend ein anderer Fokus heraus. Es geht einerseits um Sergios Platz inmitten dieser Gruppe: Als noch recht fitter, aufgeschlossener 83-Jähriger bewegt er sich ohne Einschränkung im Heim herum und pflegt den Austausch mit den Bewohner*innen. Als Mann innerhalb einer Infrastruktur, in der fast ausschließlich Frauen wohnen, wird er für die ein oder andere sogar zum Liebesobjekt. Andererseits geht es aber auch um Sergios Selbstfindung. „Ich fange an, mich wieder wie der Mensch zu fühlen, der ich war“, sagt er an einer Stelle. Woran das genau liegt, erschließt sich vor allem durch die Berichte, die er täglich anfertigt: Hier erzählt er etwa von sich entwickelnden Freundschaften oder von seiner Wahl zum „Heimkönig“, auf die er offensichtlich stolz ist. Auch wenn Sergio nur vorgibt, ein Bewohner zu sein, so sind die Verbindungen, die er knüpft, und die Emotionen, die er fühlt, doch real. Über das Leben in einem Altersheim erfahren die Zuschauer*innen nicht mehr, als sie sich ohnehin vorstellen konnten: Solche Strukturen können einen gewissen Gemeinschaftssinn stiften, wenn Besuch durch Verwandte oder Freund*innen von außen jedoch ausbleibt, stellt sich schon mal das Gefühl ein, ungeliebt und vergessen zu sein. In der Zeit, in der er im Heim lebt, hat Sergio ein offenes Ohr für sein Umfeld und versucht zu helfen, wo er kann. Die Interaktionen können berühren, herzzerreißend oder aber auch schreiend komisch sein.

Mehr als um irgendetwas anderes geht es in „The Mole Agent“ darum, was ein einziger Mensch bewirken kann und wie ihm dieses Mitgefühl zu neuer Lebensfreude verhelfen kann. Trotz einiger Schwächen lohnt sich der Kinobesuch auf jeden Fall.

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Bewertung der woxx : XX


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