Im Kino: The Power of the Dog

Der neue Streifen der neuseeländischen Filmemacherin Jane Campion hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Handwerklich ist das Psychodrama durchweg herausragend, das Drehbuch lässt jedoch zu wünschen übrig.

Phil und George sind sehr verschieden, die Zusammenarbeit auf der Farm klappt jedoch gut. (Fotos: © Netflix)

Montana, 1925: George (Jesse Plemons), der mit seinem Bruder Phil (Benedict Cumberbatch) eine Rinderfarm betreibt, lernt eine Frau namens Rose (Kirsten Dunst) kennen und heiratet sie. Letztere zieht zusammen mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) auf die Farm – eine Entscheidung, die, wie die Zuschauer*innen an dieser Stelle schon ahnen, in einer Tragödie enden könnte.

George und Phil lernten Rose und Peter am gleichen Abend kennen. Und zwar als Gäste eines von der Mutter und ihrem Sohn betriebenen Restaurants. Harmonisch läuft das Kennenlernen nicht ab: Phil macht sich erst vor versammelter Runde über Kellner Peters selbstgebastelte Papierblumen und dann über dessen Lispeln lustig. In Phils Augen ist Peter kein richtiger Mann, er reagiert darauf mit so viel Wut wie Grausamkeit. Köchin Rose bekommt das alles natürlich mit. Kaum hat der letzte Kunde das Restaurant verlassen, begibt sich George in die Küche, um eine bitter weinende Rose zu trösten.

Die Heirat der beiden kommt für die Zuschauer*innen genau so unerwartet wie für Phil und auch der Rest der Erzählung ist kaum vorhersehbar: Zu Beginn ein Film über zwei rivalisierende Brüder, geht es in „The Power oft he Dog“ anschließend um Rose, die sich in einem neuen Leben zurechtfinden muss, um in der zweiten Hälfte gänzlich den cholerischen, homofeindlichen Phil in den Fokus zu stellen.

Während dieser sich auf wenig nachvollziehbare Art allmählich mit Peter anfreundet – und sei es auch nur, um aus ihm einen „richtigen Mann“ zu machen –, rücken die anderen Figuren zunehmend in den Hintergrund: Rose wird auf die Rolle der elendig Leidenden reduziert, George kommt ab einem gewissen Punkt fast gar nicht mehr vor. Nicht, dass er nicht mehr auf der Farm arbeiten würde, nur interessiert sich Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion irgendwann nicht mehr für diese Figur.

Dass Peter Papierblumen bastelt, ist Phil ein Dorn im Auge.

Zugegebenermaßen birgt die Beziehung zwischen Peter und Phil das größte Spannungspotenzial. Was da zwischen ihnen ist, lässt sich bis zuletzt nicht ganz ausmachen. Das Ende, das an dieser Stelle nicht verraten werden soll, suggeriert, dass Campion sich mit ihrem Film gegen toxische Männlichkeit und Homo-
feindlichkeit positionieren wollte. Dass George und Rose im Vergleich zu Phil nur schemenhaft und karikatural daherkommen, wirkt angesichts dessen jedoch wie eine wenig nachvollziehbare Entscheidung.

Dass Campion Phil mehr als irgendeine andere Figur in wunderschönen Bildern zeigt – wie er reitet, sich im Fluss wäscht oder im Gras liegt – bestärkt den Eindruck, dass sie Sympathien für diesen Menschen wecken will. Dazu trägt auch Benedict Cumberbatch bei, der hier eine der besten Leistungen seiner bisherigen Schauspielkarriere abliefert. Auch die anderen Schauspieler*innen sind gut, nur gibt Campion ihnen enttäuschend wenig zu tun.

Auch wenn inhaltlich nicht ganz rund, hat Campion mit „The Power of the Dog“ doch ein handwerklich beachtliches Werk geschaffen. Es lohnt sich, den Film auf der großen Leinwand zu sehen, bevor er ab Dezember nur noch auf Netflix gestreamt werden kann.

Im Kinepolis Kirchberg und Utopia. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx : XX


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