„In Kolumbien haben wir keine Zukunft“

von | 15.11.2017

Ein Jahr ist es her, dass die kolumbianische Regierung ein Friedensabkommen mit der Guerilla Farc unterzeichnet hat. Doch die brutale Repression gegen Kokabauern gefährdet den brüchigen Frieden. Angesichts der mafiaartigen Praktiken der Paramilitärs hält der Staat hingegen still – Gründe dafür sind Angst und Korruption.

Auf der Flucht: die ehemalige kolumbianische Staatsanwältin María Nancy Ardila. (Foto: Knut Henkel)

Staatsanwältin María Nancy Ardila hat lediglich ihren Job gemacht – und das haben bereits zwei ihrer Familienmitglieder mit dem Leben bezahlt. Im Süden Kolumbiens  hatte sie, beinahe zufällig, stockende Ermittlungen gegen eine paramilitärische Bande wieder aufgenommen, die in der Region Caicedonia den Drogenhandel kontrolliert. Ardila war erfolgreich: Im Oktober 2014 wurden 24 Mitglieder der Gang festgenommen. Aus dem Gefängnis heraus schwor die Bande jedoch, die gesamte Familie der Staatsanwältin auszulöschen.

„Am 20. Januar 2015 haben sie meinen Bruder Elio Fabio umgebracht“, sagt Ardila. „Vier Monate später drang ein bewaffnetes Kommando in mein Haus in Caicedonia ein, wo mein zweiter Bruder Jhon Jairo Ardila mit meiner Mutter am Mittagstisch saß, und hat ihn ebenfalls erschossen. Danach erhielt ich einen Anruf, dass ich auch den Tod meiner restlichen Familie miterleben werde.“ Seither lebt die 48-Jährige, die mittlerweile frühpensioniert ist, in einem Versteck, wo unser Korrespondent Knut Henkel sie getroffen hat.

Waffenruhe in Gefahr

Vom kolumbianischen Staat wird Ardila kaum unterstützt. Grund dafür sei auch „die omnipräsente Korruption, die es auf allen Ebenen des Justizsektors gibt“, sagt sie, und „Angst ist ebenfalls ein Grund für Straflosigkeit“.

Ihre Einschätzung für die Zukunft Kolumbiens ist entsprechend pessimistisch; daran ändert auch das Friedensabkommen mit der Guerilla Farc von November vergangenen Jahres nicht viel. „Zwar sind die Todeszahlen gesunken, nicht aber die der Morde an Menschenrechtsaktivisten, an politischen und sozialen Aktivisten“, sagt die ehemalige Staatsanwältin. Der jüngste Fall, der in Kolumbien viel Aufsehen erregt hat: ein Massaker, das von staatlichen Sicherheitskräften an Kokapflückern in der Region von Tumaco begangen worden ist. Die Guerillaorganisation ELN hat angesichts dessen jüngst vor einem Bruch der mit der kolumbianischen Regierung vereinbarten Waffenruhe gewarnt.

Ardila selbst wartet darauf, das Land mit ihrer Familie verlassen zu können, um in Sicherheit zu sein: „In Kolumbien haben wir keine Zukunft.“

Das vollständige Interview mit María Nancy Ardila gibt es am kommenden Freitag in der woxx.

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