Jagd auf Mufflons: Sympathische Schädlinge

Wildschafe werden im Raum Echternach zunehmend zum Problem – und sollen deswegen bejagt werden. Der Umgang mit invasiven Arten ist nicht einfach.

Mufflons sind in Luxemburg nicht einheimisch. Weil sie im Wald bei Echternach viel Schaden anrichten, wird nun eine administrative Jagd auf sie organisiert. (Foto: CC-BY-SA wikimedia/Rufus46)

„D’Muffele passe bei Iechternach wéi d’Sprangprozessioun – och si hopse gäre ronderëm“. In einem Video der Piratepartei, das mit der Löwenzahn-Titelmusik unterlegt wurde, wird mit einfachen Worten im Stile der „Sendung mit der Maus“ der Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng) und dem Echternacher Bürgermeister Yves Wengler (CSV) unterstellt, die Mufflons im Raum Echternach aus nicht nachvollziehbaren Gründen töten zu wollen. Es ist die gleiche verkürzte Kritik an der Jagd, mit der die Piratepartei seit Monaten versucht, Stimmung zu machen. Ein Thema, bei dem die Emotionen leicht hochkochen und dessen Komplexität oft unterschätzt wird.

Drei parlamentarische Anfragen zu dem Thema hat der Piratepartei-Abgeordnete Marc Goergen bereits gestellt, eine im Oktober, eine im Dezember und eine weitere am Mittwoch. Immer ging es um die Jagd auf Mufflons im Raum Echternach. Am 20. Januar wurde die Antwort auf die zweite Frage veröffentlicht. Darin verteidigte die Umweltministerin ihre Entscheidung, eine administrative Jagd auf die Mufflons anzuordnen.

Das Mufflon ist keine einheimische Art in Luxemburg. Die Wildschafe, deren männliche Widder charakteristische, schneckenförmig gebogene Hörner tragen, stammen eigentlich aus dem Hochgebirgsraum. Das Europäische Mufflon kommt überhaupt nur auf den Mittelmeerinseln Korsika und Sardinien vor. Die Frage, ob die Art im Rest Europas ausgerottet wurde oder ob es sich bei den Tieren auf den Inseln um eine verwilderte Rasse von Hausschafen aus der Jungsteinzeit handelt, ist bisher nicht geklärt.

Zur Jagdfreude importiert, 
nun ein Problem

In drei verschiedenen Gebieten in Luxemburg gibt es dennoch Mufflons: im Ourtal, im nördlichen Obersauergebiet und im Raum Echternach. Die Tiere sind nicht selbstständig von ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet nach Luxemburg gekommen, sondern wurden importiert. Seit 1905 gab es Mufflons im Grünewald, nämlich im Jagdgehege des Großherzogs.

1969 wurden Exemplare aus diesem Gehege von der Forstverwaltung in das staatliche Gehege bei Kaundorf im Ösling gebracht. Diese wurden 1970 freigelassen. Wie die Mufflons nach Echternach kamen, ist nicht bekannt, vermutlich wurden sie jedoch von Jäger*innen ausgesetzt, die sich andere Jagdtrophäen wünschten. Die Umweltministerin spricht in ihrer Antwort von einem „illegalen Aussetzen der Mufflons [im Raum Echternach] um die Jahrtausendwende“.

Es gebe keine Grundlage, die Muff
lons in Luxemburg zu erhalten, da es sich um eine nicht einheimische, gar invasive Spezies handele, so die Argumentation des Umweltministeriums. Europaweit gilt das Mufflon laut einem wissenschaftlichen Artikel von 2017 als eine der 100 schlimmsten invasiven Spezies. Die Tiere sind von der EU nicht als invasiv gelistet, weil sie in einigen Mitgliedsstaaten heimisch sind.

Die Einschätzung als eine der „schlimmsten“ invasiven Spezies liegt vor allem daran, dass Mufflons für Waldschäden verantwortlich sind. Die Tiere fressen Rinde und Knospen junger Bäume, was die natürliche Verjüngung des Waldes beeinträchtigt.

In einem Bericht von 2018 stellte die Natur- und Forstverwaltung im Gemeindewald von Echternach Schäden von beinahe 32.000 Euro fest. Da die Mufflons sich weiter ungestört vermehrten, haben die Schäden weiter zugenommen – bisher gibt es jedoch keine Schätzung, wie hoch der weitere Schaden ist. In einem Interview mit Radio 100,7 bestätigte der Experte Roger Schauls vom Mouvement écologique die Einschätzung, dass die Muff-
lons in Echternach das Überleben des Waldes gefährdeten.

Kein artgerechter Lebensraum

Der Wald in Echternach sei außerdem kein artgerechter Lebensraum für die Tiere, da sie auf dem weichen Boden ihre Hufe nicht abnutzen könnten und so Gelenkprobleme bekommen könnten, so Schauls. Das Herumspringen der Mufflons, das die Piratepartei in ihrem Video beschreibt, findet in Echternach eher nicht statt.

Zwischen 200 und 300 Mufflons sollen im Wald bei Echternach leben. Dass es so viele Tiere sind, liegt vor allem daran, dass der ansässige Jagdpächter den Abschussplan, in dem die Natur- und Forstverwaltung eine Mindestanzahl geschossener Tiere vorgibt, nicht eingehalten hat. Im Raum Echternach wurden laut den Statistiken der Natur- und Forstverwaltung in den letzten Jahren jeweils rund 20 Exemplare geschossen, in den umliegenden Jagdrevieren lagen die Abschusszahlen meist im niedrigen einstelligen Bereich. Insgesamt sind die Zahlen in den letzten Jahren rückläufig.

Die große Anzahl der Tiere und der hohe Schaden im Wald sorgen nun dafür, dass die Gemeinde Echternach eine administrative Jagd anfragte. Diese soll im Februar 2020 als „Ansitz- und Pirschjagd“ erfolgen, eine von der Piratepartei kritisierte Treibjagd soll es also nicht geben. Eine Alternative zur Jagd gibt es laut der Umweltministerin nicht. Die Tiere einzufangen, ist in Luxemburg nämlich illegal, im Jagdgesetz ist explizit vorgeschrieben, dass Mufflons nur mit Schusswaffen getötet werden dürfen.

Für andere invasive Spezies gilt das allerdings nicht: Im Aktionsplan für die Eindämmung des Waschbären sind Fallen vorgesehen. Dieser Unterschied ist laut Auskunft der Natur- und Umweltverwaltung dadurch zu erklären, dass Waschbären im Gegensatz zu Mufflons EU-weit als invasive Spezies gelten. Luxemburg musste deswegen Managementpläne erstellen, für diese gelten wiederum andere Regeln als für die klassische Jagd. Um Mufflons einzufangen zu können, wäre demnach eine Gesetzesänderung vonnöten – und außerdem ein Plan, was anschließend mit den Tieren passieren soll.

Der Wolf als Alternative?

In seiner zweiten parlamentarischen Anfrage fragte Goergen, warum nicht auch im Ösling eine administrative Jagd auf die „sympathischen Tierchen“ organisiert werde. Die Antwort der Ministerin Dieschbourg: Sie müsse sich bei ihren Entscheidungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und sich nicht von Emotionen leiten lassen. Sollte es in anderen Teilen des Landes ebenfalls zu starken Schäden durch Mufflons kommen, würden auch dort Jagden organisiert werden.

Eine andere Alternative gäbe es allerdings: Der Wolf. Das Raubtier hat in anderen Teilen Europas in geringer Zeit große Mufflonpopulationen so gut wie ausgerottet. Das, weil die Tiere im Flachland nicht auf Felsen flüchten können und damit zu langsam sind. Ob die Piratepartei es wohl besser fände, wenn Wölfe die Arbeit der staatlichen Jäger*innen übernehmen würden? Immerhin kritisieren manche Jagdgegner*innen die Jagd mit Hunden besonders stark. Die Frage muss sich im Moment allerdings niemand stellen, weil der Wolf bisher immer nur auf der Durchreise in Luxemburg war.

Die Mufflons werden demnach Anfang Februar in einer staatlich organisierten Jagd geschossen werden. Es ist übrigens das erste Mal, dass die Maßnahme einer solchen „Chasse administrative“ zum Einsatz kommt. Laut den Bestimmungen im Jagdgesetz muss der*die betreffende Jagdpächter*in für die Kosten aufkommen. Das abzüglich des Geldes, das der Staat für die erlegten Mufflons erhält. Die werden nämlich öffentlich verkauft.

Sowohl die Jagd als auch das Management invasiver Spezies haben einige Gemeinsamkeiten: Es handelt sich um komplexe Themen, bei denen es viele Grauzonen und wenig einfache Antworten gibt. Außerdem sind es immer Sachverhalte, die die Menschheit durch ihr Einmischen zu verantworten hat. Invasive Arten werden willentlich oder unwillentlich eingeschleppt, die Jagd ist notwendig, weil natürliche Prädatoren ausgerottet wurden. Angesichts der vielen Tiere – unter denen ja auch Schafe sind –, die jeden Tag getötet werden, um auf den Tellern zu landen, ist es vielleicht auch ein wenig scheinheilig von der Piratepartei und anderen Akteur*innen, lediglich gegen die Jagd zu argumentieren. Das auch vor dem Hintergrund, dass der „Weideschuss“ auch bei Rindern als tierfreundlichste Methode der Tötung gilt.

Welchen Umgang wir als Gesellschaft damit finden, dass im Naturschutz immer abgewägt werden muss und Kompromisse notwendig sind, wird für die nächsten Jahre enorm wichtig sein. Mit der fortschreitenden Klimakrise werden diese Fragen immer dringlicher werden.


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