Die in Berlin lebende Künstlerin Jil Gaertner vereint Film, Fotografie und figurative Kunst. Unruhige Gemälde wechseln sich mit kontemplativen Fotografien ab. Ein Gespräch über zwischenmenschliche Beziehungen, Trauer und Heilung durch Kunstschaffen.

Jil Gaertner im Berliner Produktionsstudio „Killyourdarlings“. (Copyright: Layla Behme)
woxx: Jil, zusammen mit der Künstlerin Lina Hédo haben Sie vergangenes Jahr „de Salon“ gegründet, ein Kollektiv, das Künstler*innen in Luxemburg eine Plattform bietet. Planen Sie dieses Jahr eine erneute Ausstellung?
Jil Gaertner: Ja, denn die erste Auflage war sehr erfolgreich. Dieses Mal soll „de Salon“ drei bis vier Wochen dauern. Uns ist es wichtig, dass luxemburgische und in Luxemburg lebende Künstler*innen einen Ort haben, an dem sie zusammenarbeiten, ihre Werke ausstellen und sich sowohl untereinander als auch mit dem Publikum austauschen können. Dank der Finanzierung der „Œuvre nationale“ können wir die Künstler*innen auch bezahlen, was ein wichtiger Punkt für Lina und mich ist. Die Organisation des Salons ist enorm zeitaufwändig. Letztes Jahr habe ich sechs Monate lang Tag und Nacht daran gearbeitet. Trotzdem war ich glücklich, weil es genau das ist, was ich machen will. Ich will so leben, dass ich mich erfüllt fühle.
„Die Serie verbildlicht einen Heilungsprozess.“
Neben dem Organisieren des Salon, machen Sie ein Master in Film und narrative Medien und arbeiten gerade in einer Videoproduktionsfirma. Nebenher malen Sie aber auch. Was zieht sie an dem Medium der Acrylfarbe an, wenn es darum geht, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen?
Ich denke, das liegt an dem Prozess an sich. Die Acrylfarbe ist für mich persönlich das einfachste Medium – einfacher als Ölfarbe, etwa. Acryl braucht meines Erachtens nicht viel Vorbereitung – ich kann einfach loslegen, ohne mich zu viel mit der Technik beschäftigen zu müssen. Im Gegensatz zu einer Fotografie oder einem Film – in dem bestimmte Momente schnell festgehalten werden – kann ich mir bei der Acrylfarbe so viel Zeit lassen, wie ich möchte. Mit der Malerei habe ich wieder angefangen, als ich in Berlin war. Damals habe ich oft nachts einen Pinsel in die Hand genommen und sehr schnell gemalt, weil ich fühlte, dass ich musste. Ein Gemälde war in ein, zwei Tagen fertig und ich habe mir nie Gedanken über das Endergebnis gemacht. Das hat sich in den letzten Monaten aber verändert. Es geht mir aber nicht um das Bild an sich. Vielmehr benutze ich das Medium des Malens so wie andere Leute die Meditation oder den Sport: um Gefühle zu kanalisieren und Erlebnisse aufzuarbeiten. In den Momenten erfüllt mich das Malen. Seinen eigenen Malstil zu finden, ist eine Form von Selbstfindung. Jeder Pinselstrich ist persönlich. Man kann ihn selbst bestimmen.
Wie hat sich die Art und Weise, wie Sie malen, in den letzten Monaten verändert?

Die Künstlerin ist seit einigen Jahren in der Film- und Werbebranche tätig, nebenher malt und fotografiert sie auch.Momente rund um das Essen kommen in Gaertners Werke öfters vor. Hier in der ersten Ausstellung von „de Salon“, einem Kollektiv, das die Künstlerinnen Gaertner und Lina Hédo vergangenes Jahr ins Leben gerufen haben. (Copyright: Samantha Wilvert)
Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich auf die woxx-Backcover setzen möchte. Es war mir klar, dass ich die verschiedenen Medien, mit denen ich arbeite, zeigen wollte. Doch bei dem letzten Backcover, auf dem ich ein gemaltes Bild zeigen wollte, habe ich gezögert. Ich hatte seit langer Zeit nicht mehr gemalt und fand es auf einmal schwierig, einen Moment zu finden, den ich einfangen und durch das Malen verarbeiten wollte. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten Jahren an mir gearbeitet und mich als Mensch weiterentwickelt habe. Der Drang nach dem Malen ist weniger geworden. Ich habe verstanden, dass ich gerade einen Wandel durchmache. Früher habe ich dann gemalt, wenn ich mich unruhig gefühlt habe. Diese Unruhe verspüre ich jetzt nicht mehr. Ich habe viele Ängste abgelegt und gelernt, dass es nicht immer unbedingt schnell gehen muss.
Für dieses Bild, das auf dem letzten Backcover erscheinen wird, haben Sie sich eine Szene aus einem Restaurant ausgesucht. Momente rund um das Essen als soziale Aktivität kommen in Ihrer Kunst öfters vor. Wieso?
Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, dann drehen sich die stärksten Erinnerungen immer ums Essen. Ich koche sehr gerne für andere, gehe auch sehr gerne mit Freunden ins Restaurant. In diesen Momenten fühle ich mich geborgen. Das liegt auch an meiner Familie: Mein Vater war Koch, die Familie meiner Mutter legt großen Wert darauf, dass wir alle zusammenkommen und an einem Tisch essen. Die leeren Teller und Gläser, die jeder nach einer Mahlzeit unbewusst irgendwo abstellt, ergeben dabei meiner Meinung nach immer ein so schönes Bild, dass ich es einfangen möchte. Bei dem Restaurant, das auf dem Backcover zu sehen sein wird, hatte ich ein ganz ähnliches Gefühl: Es handelt sich um einen kleinen pakistanischen Familienbetrieb in Berlin. Ich saß dort mit einem Freund und habe eine Frau bemerkt, die sich mit der Kellnerin unterhalten hat. Keine der beiden hat die Sprachen der anderen gesprochen, und doch haben sie versucht, einander zu verstehen. Diesen kulturellen Austausch wollte ich einfangen.
„Ich will so leben, dass ich mich erfüllt fühle.“
Auf den anderen drei Backcovers sind eine Skizze, einzelne Filmszenen und ein Foto zu sehen. Wie hängen alle vier zusammen?
Die Serie verbildlicht einen Teil meines Heilungsprozess. Als ich mich das erste Mal mit der Backcover-Serie auseinandergesetzt habe, habe ich damit angefangen, aufzuschreiben, was mir gerade durch den Kopf gegangen ist, einzelne Sätze und Gedankenfetzen. Dabei ist unbewusst diese Skizze entstanden. Sie zeigt einen bestimmten Moment, einen Raum, vor ein paar Jahren, in dem mir bewusst wurde, dass ich meinen Vater wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen würde. Ich bin damals zusammengebrochen. Die Zeit durch die ich damals habe gehen müssen, habe ich seitdem mit Hilfe der Kunst verarbeitet, etwa in einem Essay-Film, von dem ich auch einige Szenen zeige. Der Film erzählt, wie ich nach meinem Abitur von zuhause weg und nach Berlin geflüchtet bin, um mich nicht mit dem Schmerz des Verlustes auseinandersetzen zu müssen. Auch das dritte Backcover, das Foto, fängt einen Moment ein, in dem ich eine Freundin in den Niederlanden besucht habe, um kurz mal aus Luxemburg raus zu kommen. Sobald ich es sehe, erinnere ich mich wieder genau an diesen einen Moment am Strand und wie ich mich damals fühlte. Ich war mir erst sehr unsicher, ob ich die Skizze zeigen sollte. Sie zeigt eine raue und unbearbeitete Ästhetik. Ich habe ein bisschen Angst, dass die Leute das nicht verstehen. Doch damit fing meine Gedankenspur an, und ich finde, dass sie deshalb genau so wichtig wie die anderen drei ist.
Das letzte Bild zeigt das Ende des Heilungsprozesses.
Ja, der rote Faden zieht sich durch alle vier Backcover. Das Restaurant und der Austausch zwischen der Frau und der Kellnerin zeigen unbewusst die Ruhe, die ich mittlerweile verspüre und sich in der Art und Weise, wie ich Kunst mache, widerspiegelt.
Nach einem Studium in Medien- und Kommunikationsmanagement und mehreren Praktika in der Film- und Werbebranche absolviert Jil Gaertner gerade ein Master-Studium in „Intermedia Design“ mit Fokus auf narrative Medien. „Ich will von allem einen Einblick kriegen“, so Gaertner, die sich bewusst zwischen Kunst, Projektleitung und Film bewegt. Um hiesigen Künstler*innen eine Plattform zu bieten, hat die in Berlin lebende luxemburgische Künstlerin zusammen mit der Künstlerin Lina Hédo das Kollektiv „de Salon“ ins Leben gerufen. Was steht als nächstes an? „Eine Film-Dokumentation über eine mittlerweile vierzig Jahre lange Brieffreundschaft“, erzählt Gaertner. Mehr Informationen auf: www.jilgaertner.lu

