Klangkunst: Hundert Tage Radio

Was kann Radio eigentlich? Das Kunstprojekt „Radio Art Zone“ nimmt sich hundert Tage Zeit, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Kunst und Mittagspause aus dem Radio: Hundert Künstler*innen beteiligen sich an dem Projekt „Radio Art Zone“, genauso wie etliche Privatpersonen, die das Team zum Mittagsessen treffen. (© Radio Art Zone)

„Tausendundeine Nacht“ war gestern, heute gibt es im Rahmen des Escher Kulturjahres hundert Tage Radiokunst, ohne Unterbrechung: Vom 18. Juni bis zum 25. September werden im Süden Luxemburgs auf UKW 87,8 MHz experimentelle Radiosendungen übertragen – und das den ganzen Tag über. Hinter dem Projekt „Radio Art Zone“ stecken das Duo Sarah Washington und Knut Aufermann sowie internationale Radiosender und das luxemburgische Radio Ara.

„Sarah Washington und ich haben gesagt: Lass uns jeden Tag an einen anderen Künstler oder eine andere Künstlerin vergeben – hier habt ihr 22 Stunden Sendezeit, was möchtet ihr damit machen? Welche Kunst übers Radio senden in dieser Zeit?“, erklärt Aufermann das Konzept in einem Interview mit dem Journalisten und Rundfunkhistoriker Wolfram Wessel. Als das Duo vor vier Jahren mit der Planung begann, sollte das Projekt ein ganzes Jahr laufen. Das scheiterte an der Finanzierung. Inzwischen ist Aufermann glücklich darüber, immerhin kam eine Pandemie dazwischen, die sie damals nicht hätten voraussehen können.

Von der Zeitansage zum Mittagstisch

Im Laufe des Gesprächs mit Wessel hebt der künstlerische Leiter ein paar Beiträge hervor, die einen Vorgeschmack geben. Der deutsche Radiomacher und Musiker Felix Kubin greift in seiner Arbeit beispielsweise eine Kuriosität vergangener Tage auf: die Zeitansage per Telefon. „Ich weiß nicht, ob es die noch gibt, aber früher, wenn man die genaue Uhrzeit wollte, hat man eine Nummer angerufen und dann kam die Zeitansage“, verrät Aufermann. „Kubin hat sich gesagt, ich nehme 22 Stunden am Stück live auf, nehme die Leute mit in mein Leben. Jede Minute sage ich dazu dann die Zeit. Für zehn Minuten macht das keinen Sinn, aber über einen ganzen Tag verteilt, ist das natürlich ein ziemlich wahnwitziger Ansatz.“ Ein Drittel der Sendungen kommt live aus Esch, der Rest wird als Stream in Echtzeit aus anderen Ecken der Welt übertragen. Allgemein seien die künstlerischen Arbeiten „wirklich ganz unterschiedlich“.

Vermutlich genauso unterschiedlich wie die Gerichte, die es am Mittagstisch gibt: Zwei Stunden Sendezeit gehen täglich für den Programmpunkt „À table“ drauf. Hier setzen sich die Radiomacher*innen jeden Tag an einen anderen Tisch in Esch und Umgebung, um von dort aus zu senden. In dem Moment steht nicht die Kunst, sondern der Austausch beim Essen und Trinken im Mittelpunkt. Bisher trudelten 20 Einladungen beim Team ein. „Wir haben Einladungen in private Küchen oder auch zum Grillen in einen der tollen Escher Schrebergärten bekommen. Manche kommen auch zum Kochen zu uns in die neue Künstlerresidenz Bridderhaus“, geht Aufermann auf Nachfrage der woxx näher auf die Gastgeber*innen ein. „Dann haben sich Leute aus anderen kulturellen Projekten gemeldet, mit denen wir auch zusammenarbeiten.“ Darunter fallen das Batiment4, die Escher Kulturfabrik oder das DKollektiv aus Düdelingen, aber auch gastronomische Lokale wie das Escher Kafé oder die Mesa aus Esch. Wer will, kann sich unter „À table“ auf der Website von „Radio Art Zone“ informieren und sich nach wie vor per Mail (kitchen@radioart.zone) als Gastgeber*in bewerben.

Mit „Radio Art Zone“ wollen Aufermann und Washington vor allem eins: die Vielseitigkeit des Radios vorführen. Das in Zeiten, in denen viele Menschen zum Musik hören auf Apps zurückgreifen und Neuigkeiten im Podcastformat bevorzugen. In diesem Kontext ist eine Frage unumgänglich: Spielt das Radio als Medium überhaupt noch eine Rolle? Aufermann verweist darauf angesprochen auf ein Zitat seiner Kollegin Washington: „In times of stress and disaffection, its [the radios] intrinsic value of fostering human connection …“ Über die Geschichte der Technologie hinweg ließe sich beobachten, dass jede Neuentwicklung auf vorangehende Praktiken aufbaue und diese ergänze, statt sie zu ersetzen. Radio bleibe ein einflussreiches Medium im gesellschaftlichen Bewusstsein. Für Aufermann hingegen ist das konventionelle Radio inhaltlich verarmt. Das würde allerdings wenig über das Medium als solches aussagen, denn „Radio kann so viel sein“.

Unter diesem Motto beginnt „Radio Art Zone“ an diesem Samstag, dem 18. Juni, mit einer Eröffnungsveranstaltung in der neuen Künstler*innenresidenz „Bridderhaus“ in Esch. Ab 16 Uhr gibt es die erste öffentliche Führung durch die Räumlichkeiten, um 18 Uhr beginnt im Hinterhof und im Studio die „Radio Art Zone“-Party mit einem Live-Auftritt des Klangkünstlers Andy Armstrong. Für alle, die nicht im Luxemburger Minett wohnen oder auf Reisen sind: „Radio Art Zone“ ist auch als Livestream im Internet zu hören, Teile des Programms werden von Radiosendern in Europa, Nord- sowie Südamerika ausgestrahlt. Eine Liste teilnehmender Medien und Künstler*innen ist auf der Internetseite zum Projekt (radioart.zone) verfügbar. Unter dem Reiter „Press“ gibt es dort übrigens das ganze Interview mit Knut Aufermann nachzulesen sowie ein Gespräch mit Sarah Washington, geführt vom Musikjournalisten und Multimediakünstler Ilia Rogatchevski, auf Englisch.

Radio Art Zone, vom 18. Juni bis zum 25. September auf UKW 87,8 MHz, im Internet und in Auszügen auf Radiosendern weltweit. Auftaktveranstaltung an diesem Samstag, dem 18. Juni, im „Bridderhaus“ (Rue Léon Metz, 1) in Esch. Ab 16 Uhr.

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