Krisenkommunikation: Rhetorische Tricks haben kurze Beine

Mindestens genau so wichtig wie politische Entscheidungen ist die Wortwahl, mit der sie kommuniziert werden.

gouvernement.lu

„Ech si fest dovun iwwerzeegt, dass kee Primaner méi riskéiert, wann en an d’Schoul geet wéi wann en doheem géif bleiwen“. Es sagt viel über die aktuelle Masse an zu verarbeitenden Informationen aus, dass dieser Satz von Bildungsminister Claude Meisch bisher nicht auf stärkeren Gegenwind gestoßen ist. Zu hören war er am vergangenen Montag in einem Interview auf Radio 100komma7. Der Satz ist dermaßen weit von der wissenschaftlichen Realität entfernt, dass es nicht einmal einer Überprüfung bedarf, um ihn als Bluff zu entlarven. Der Satz mag im Affekt gesagt worden sein und könnte in dem Sinne als Ausrutscher eingeordnet werden. Nur reiht er sich leider in eine Liste an fragwürdigen Behauptungen des Ministers ein.

Teilweise liegt das auch an sich widersprechenden Aussagen. Meisch hat mittlerweile genauso oft behauptet, dass es bei der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts keine hundertprozentige Sicherheit gäbe, wie das Gegenteil davon. Das erklärt sich dadurch, dass der Minister jeweils auf andere Situationen reagiert: Geht es darum, die generelle Lage, in der wir uns befinden zu beschreiben, hebt er die Unsicherheit hervor. Geht es jedoch um die Besänftigung von Schüler*innen, die Angst vor der Rückkehr in die Schulklassen haben, sagt er plötzlich Sätze wie „Mir hunn alles gemaach, fir dass de Schoulbesuch sécher ass“. Rein theoretisch könnten beide Kommunikationsstrategien das Vertrauen innerhalb der Bevölkerung steigern. Werden sie jedoch kombiniert, entsteht der gegenteilige Effekt.

Ebenso kontraproduktiv sind Aussagen, die im direkten Widerspruch zur Realität stehen. Auf Unsicherheiten von Seiten der Primaner*innen reagierte Meisch vor zwei Wochen, indem er die Möglichkeit bekannt gab, sich vor der Wiederaufnahme des Unterrichts auf Covid-19 testen zu lassen. Es griffen allerdings nur 40 Prozent der Schüler*innen auf das Angebot zurück. Statt daraufhin einzuräumen, dass die Maßnahme nicht zur Erreichung des angestrebten Ziels, nämlich Sicherheit, beizutragen vermochte, beteuerte Meisch anschließend dennoch, dass alle sich sicher fühlen könnten. Dadurch vermittelt er den Eindruck, dass er sich für eine Kommunikationsstrategie entscheidet, unabhängig davon, ob sie durch die Faktenlage gestützt wird oder nicht.

Größtmöglicher Spielraum

Ein ähnlicher Umgang lässt sich auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen feststellen. Am 30. April erklärte Meisch auf RTL Radio, dass es wichtig sei, Forschungsergebnisse bezüglich der Infektiösität kleiner Kinder abzuwarten, bevor eine abschließende Entscheidung über den Cycle 1 getroffen werden könne. Anlässlich der Pressekonferenz am Dienstag auf Resultate einer entsprechenden wissenschaftlichen Vorpublikation der Berliner Charité angesprochen, reagierte Meisch ausweichend. Es sei nicht an ihm, diese Ergebnisse zu bewerten, sie würden es jedenfalls nicht ermöglichen, abschließend festzustellen, wie sich Covid-19 in Schulen und Betreuungsstrukturen verbreite. Es gäbe zahlreiche Studien, die zu einem anderen Ergebnis gekommen seien, nämlich dass Kinder deutlich weniger infektiös sind als Erwachsene.

Am Donnerstag dem 30. April war ihm scheinbar noch keine Studie über die Infektiösität von Kindern bekannt, am darauffolgenden Dienstag Morgen allerdings derart viele, dass er die der Charité als von der Regel abweichend einordnen konnte. Was an seiner Reaktion aber noch viel befremdlicher ist, ist der Verweis auf die „abschließende Feststellbarkeit“. Wer entscheidet, wann ein Phänomen „abschließend festgestellt“ worden ist? Das ist weder Ziel der Wissenschaft, noch kann dies von einer einzelnen Studie geleistet werden. Mit der Formulierung gibt Meisch sich selbst den größtmöglichen Spielraum: Wird eine seiner Entscheidungen durch eine wissenschaftliche Publikation hinterfragt, kann er stets darauf hindeuten, weitere Studien zu dieser Thematik abwarten zu wollen, bevor er Konsequenzen zieht. Bestätigt eine Studie allerdings das Vorgehen des Bildungsministeriums, kann er diese zur „abschließenden Bestätigung“ erklären.

Stutzig machte auch sein Gebrauch des Begriffs „Wunder“ anlässlich der Pressekonferenz am Dienstag. „Mir musse léieren mam Virus ze liewen déi nächst Zäit, ausser et geschitt nach awer e Wonner. Wonner sinn ëmmer nees méiglech a kënnen och d’Mënschen ëmmer nees iwwerraschen.“ Unabhängig davon, ob er mit „Wunder“ die frühzeitige Entdeckung eines Impfstoffs oder das plötzliche Verschwinden des Virus meint: Passend ist dieses Wort in keinem der Fälle. Schon alleine deshalb, weil es unangenehm an einen Satz erinnert, den der US-amerikanische Präsident Donald Trump im Februar in Bezug auf das Virus verlautbarte: „It’s going to disappear. One day it’s like a miracle, it will disappear“.

Mit seiner Kommunikationsstrategie setzt Meisch zurzeit jedenfalls seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel.


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