Kulturfestival „Multiplica“: Glücksspiel, Wald und Marathon

In den Rotondes gibt es Follower*innen zu gewinnen, digital einen berühmten Wald zu entdecken, und Wikipedia kriegt sein Fett weg. Das und mehr am ersten Wochenende des Kulturfestivals „Multiplica“.

Die Installation „Get Popular Vending Machine“ von Dries Depoorter spuckt Rubbellose aus. Der Hauptgewinn: 25.000 Follower*innen für das eigene Instagram- oder Twitter-Konto. (Copyright: Dries Depoorter)

Wie viel kosten 25.000 Follower*innen auf Instagram? Was hat der Hambacher Forst mit Brüssel zu tun? Und wie rassistisch ist Wikipedia? Auf diese und andere Fragen gibt es am kommenden Wochenende beim Kulturfestival „Multiplica“ in den Rotondes Antworten. Im Mittelpunkt des Festivals, das an vier über das ganze Jahr verteilten Wochenenden stattfindet, steht die Digitalisierung – und das, was sie mit uns macht.

Rubbellose und Geldgewinne der Loterie Nationale sind Schnee von gestern, denn auf Plattformen wie Instagram oder Twitter gilt eine andere Währung: Follower*innen. Bei der Loterie Nationale kosten die Lose zwischen einem und zehn Euro. Der Künstler Dries Depoorter verspricht hingegen für nur einen Euro Aussichten auf den Jackpot – 25.000 Follower*innen für das eigene Instagram- oder Twitter-Konto. Sein Glücksspielautomat „Get Popular Vending Machine“ ist keine abwegige Fantasie: Es gibt Menschen, die Geld für Follower*innen ausgeben. Auf Websites wie „follower24“ oder „followerpilot“ kann sich jede*r für ein paar Euro fiktive Anhänger*innen kaufen. Auch Likes und Kommentare gibt es gegen Geld. Warum? Mehr Sichtbarkeit verhilft einem gegebenenfalls zu Werbepartnerschaften mit Unternehmen. Ein Geschäftsmodel, das nach Medienangaben seit den 2000er-Jahren besteht. Man spricht von „Influencer-Marketing“. Der Automat reiht sich in Depoorters künstlerisches Gesamtwerk ein. Hauptthemen seiner Arbeiten sind künstliche Intelligenz, Überwachung und soziale Netzwerke. Wer sein Glück versuchen will: Die „Get Popular Vending Machine“ wartet vom 26. Februar bis zum 11. April in den Rotondes auf Follower-Jäger*innen.

Auf die Jagd – nach Klimaaktivist*innen  – 
geht im Hambacher Forst niemand mehr. Anfang 2020 einigten sich Bund, Länder und Energiekonzerne darauf, dass der Wald zwischen Köln und Aachen erhalten bleibt. Aktivist*innen hatten den Wald seit 2012 besetzt, nachdem er ursprünglich zum Kohleabbau gerodet werden sollte. Der Künstler und Umweltaktivist Joanie Lemercier widmete dem Hambacher Forst 2019 die audiovisuelle Installation „La Forêt de Hambach et le Sublime Technologique“. Der Brüsseler entführt das Publikum vom 26. bis zum 28. Februar mit seiner digitalen Inszenierung in den Wald und erinnert an die Verantwortung der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Umweltzerstörung.

Ähnlich politisch und gesellschafts-
kritisch geht es beim „Edit-a-thon: Focus sur les afro-descendant·e·s au Luxembourg“ am 27. Februar zu. In einem Online-Atelier auf Zoom fühlen die Teilnehmer*innen Wikipedia auf den Zahn: Sie ergänzen bestehende Einträge zu Black, Indigenous and People of Colour (BIPOC) und legen neue Artikel für die Personengruppen an. Der Grund? Die freie Enzyklopädie ist im Hinblick auf die Repräsentierung von BIPOC lückenhaft und nicht neutral, wie unter anderem die Anwältin Alice Backer seit 2015 aufdeckt. Die New Yorkerin gründete die Bewegung „AfroCROWD“. Ihr Ziel: Die Geschichte und Kultur von BIPOC auf Wikipedia sichtbar machen. Hinter dem Edit-a-thon in Luxemburg stecken neben den Rotondes weitere Organisationen und Gesichter: Finkapé, Rosa Paardenkooper von „Art + Feminism“, das Centre d’éducation interculturelle (IKL) und die Association de soutien aux travailleurs immigrés (Asti). Der Startschuss zum Bearbeitungsmarathon fällt um 14 Uhr. Die Veranstaltung endet um 16 Uhr. Technische Vorkenntnisse sind nicht nötig, dafür aber eine Anmeldung über die Website der Rotondes. Wer mitmachen will, muss mindestens 16 Jahre alt sein. Das Atelier ist mehrsprachig: Eine technische Anleitung gibt es, abhängig von der Publikumszusammensetzung, auf Luxemburgisch, Französisch oder Englisch. Der Austausch während der Bearbeitung der Einträge wird ebenfalls an die Sprache(n) der Teilnehmer*innen angepasst.

Das gesamte Festivalprogramm für das kommende Wochenende ist auf der Website der Rotondes verfügbar. Hier gibt es außerdem Informationen zu den weiteren Veranstaltungen, die für April, Oktober und Dezember angesetzt sind.

Multiplica. Rotondes und Online, vom 26. bis zum 28. Februar. Informationen zu den Öffnungszeiten des Veranstaltungsorts auf rotondes.lu.

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