Kulturpolitik: Filterblase

Groß war sie angekündigt worden, die „Rede vom Theater“ des Dramaturgen und Dramatikers Olivier Garofalo – aber leider verpasste der von Gemeinplätzen nur so strotzende Redetext viele Gelegenheiten, bei denen die wirklichen Probleme der hiesigen Theaterszene und Kulturpolitik hätten benannt werden können.

Man kann Garofalo seinen Wunsch nun wirklich nicht übelnehmen: „Die luxemburgische Theaterszene ist in meinen Augen prädestiniert, auf der Bühne im Modus der Ästhetik interkulturelle Konzepte zu entwickeln, die zukunftsweisend für das europäische Theater sein könnten. Luxemburg mit seiner regen Theaterszene, flankiert durch die Forschung der Theaterwissenschaften an der Universität Luxemburg, könnte federführend, impulsgebend, innovationsauslösend sein“, so formuliert er es am Anfang seiner Rede.

Wieso ist bloß vorher noch niemand auf diese brillante Idee gekommen?

Da kann man eigentlich nur noch antworten: „Let’s make it happen!“. Oder sich die Frage stellen: Wieso ist eigentlich noch niemand zuvor auf diese brillante Idee gekommen? Zumal der restliche Text von Gemeinplätzen nur so strotzt. Zum Beispiel: Das Theater soll nicht nur unter dem Blickwinkel der Rentabilität betrachtet werden, sondern als lebendiger Ort der Verständigung unter den verschiedenen Gemeinschaften, die unsere Gesellschaft bilden. Schön und gut, nur ist die Kulturfinanzierung, besonders seit das zuständige Ministerium sich in liberaler Hand befindet, immer mehr in Richtung Liberalisierung, Privatisierung und Mäzenatentum gerutscht. Kunstschaffen wird vornehmlich als Design wahrgenommen – als Produkt, mit dem man für den Standort Luxemburg werben kann. Wenn es so weitergeht, wird man vor jedem Theaterstück Sponsorenwerbung über sich ergehen lassen müssen. Auf diese beunruhigende Entwicklung aber geht der Autor nicht ein.

Und doch ist diese gerade dabei, die hiesige Kulturlandschaft – nicht nur das Theater – nachhaltig zu prägen. Da kann Garofalo noch so sehr tönen, dass „das Theater doch der letzte öffentliche Ort ist, an dem nicht rentabel gewirtschaftet, sondern gespielt wird“ – Fakt ist, dass die gesamte Kulturpolitik der letzten Jahre unter der Maxime steht, die Häuser und Truppen „rentabel“ zu machen. Zweifellos ein unmögliches Unterfangen, aber der schwelende Konflikt, den es verursacht, findet keine nennenswerte Beachtung.

Genauso steht es mit dem Vorsatz, vermehrt Jugendliche an das Theater heranzuführen. Garofalos Forderung, Theater als Schulfach zu etablieren, ist ebenso fromm wie naiv – denn jedem, der etwas Einblick hat, ist klar, dass die hiesige Schulpolitik mehr Wert auf Effizienz und Anpassung an die Industrie legt als auf Kreativität.

Aber die Weltfremdheit – oder die Luxemburg-Fremdheit – Garofalos nimmt noch andere Züge an, wenn er über Interkulturalität als Allheilmittel gegen gesellschaftliche Missstände und die allgemeine Theatermüdigkeit spricht. Als ob es keine Versuche gegeben hätte, Stücke und Produktionen mit dieser Zielrichtung auf die Bühne zu bringen. Und als ob es reichen würde, ein Stück auf Portugiesisch aufzuführen, um soziale Barrieren zu durchbrechen. „It’s the Economy, stupid!“, hätte man Lust, ihm zu entgegnen. Denn Garofalo verliert kein Wort darüber, dass das größte Problem nicht darin besteht, verschiedene Kulturen anzuziehen und ihre Verbundenheit auf der Bühne darzustellen. Das wirkliche Problem besteht darin, dass das Theater in Luxemburg immer noch mit dem Bürgertum verwurzelt ist, dass andere Klassen – seien es Stockluxemburger oder Einwanderer (oder sogar Grenzgänger) – einfach keinen Zugang zum Theater finden, weil sich dieses nach wie vor in seiner Filterblase befindet. Es gibt sicher keine magische Nadel, um diese zum Platzen zu bringen – aber dieser Essay beißt sich in den eigenen Schwanz und gibt nur seichte Empfehlungen, die Kulturschaffende in Luxemburg schon tausendmal gehört haben. Anstatt die Missstände anzuprangern, hat Garofalo sich den Politikerdiskurs zu Eigen gemacht – aber vielleicht ist das ja eine Karriere-Voraussetzung in diesem Land.


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