Für das Projekt „Ugegraff“ schaffen 50 Künstler*innen eine Ausstellung, die während ihrer Vernissage (fast) vollständig zerstört wird. Schritt für Schritt werden die Werke nun neu zusammengesetzt. Ein Projekt über häusliche Gewalt, oder: wenn Kunst Gewalt spiegelt.

Die zerstörte Kunst der Ausstellung «Ugegraff» wird in Workshops wieder rekonstruiert. (Fotos: Melanie Czarnik)
Es ist der Abend des 25. September. Im Eingangsbereich des Musée national de la résistance et des droits humains (MNDR) in Esch wimmelt es vor Menschen. Wenn man hineinkommt, öffnet sich das imposante Gebäude in eine Halle, die über eine Treppenempore auf eine zweite Ebene führt. Gegenüber des Eingangs, auf der ersten Etage der Empore, blickt einen das Porträt eines Mädchens mit dunklen, traurigen Augen an. Normalerweise ist das große Wandbild in der Halle das einzige Kunstwerk in diesem Raum. Heute ist das anders: 50 Kunstschaffende haben am Projekt „Ugegraff“ mitgewirkt. Einige der Künstler*innen, unter ihnen der Kurator Uyi Nosa-Odia, bekannt als UNO, und die Wandbildkünstlerin Alex McKell sind heute hier. Doch es sind nicht nur Kunstliebhaber*innen anwesend, auch Polizist*innen haben sich aufgestellt, Vertreter*innen von Femme en détresse und der Minister für Innere Angelegenheiten, Léon Gloden (CSV), sind Besucher*innen dieser außergewöhnlichen Vernissage. Für den Anlass wurden die Werke der Ausstellung in der gesamten Halle aufgestellt und aufgehängt.
Der Anfang der Eröffnung verläuft wie üblich mit Ansprachen und einladendem Umtrunk. Dann geht es los: Plötzlich lösen sich Personen aus dem Publikum, gehen auf das Porträt des Mädchens zu, ehe jemand reagieren kann, haben sie schon angefangen die Leinwand zu zerschneiden. Sie kleben dem gemalten Kind schwarzes Tape über den Mund und reißen es aus dem Rahmen. Auch den anderen Kunstwerken geht es an den Kragen. Egal ob Skulptur, Gemälde oder Keramik, es wird zerstört, übermalt und zerschnitten. „Warum schaut ihr nur zu? Warum tut ihr nichts? Warum versucht ihr nicht, es zu stoppen?“, ruft der Kurator in den Raum. Doch die meisten Besucher*innen sind erstarrt, werden zu scheinbar hilflosen Zuschauer*innen der Gewalt. Selbst die Polizist*innen rühren sich nicht – das hat einen plausiblen Grund: Die Zerstörung ist geplant und einer der zentralen Punkte der Ausstellung. „Ugegraff“ heißt das Kunstprojekt, das häusliche Gewalt in den Fokus nimmt und Gewalt durch Kunst spürbar macht.
Ein Tabu, um ein Tabu zu brechen
„Luxemburg ist klein, ziemlich ‚anständig‘, sozial oft besser als viele Orte, an denen ich zuvor lebte“, sagt der in Nigeria geborene Künstler UNO im Gespräch mit der woxx. Nachdem auf ihn aus politischen Gründen ein Anschlag verübt wurde, kam UNO vor sieben Jahren nach Luxemburg. „Umso schockierender war zu sehen, dass das Thema auch hier verbreitet ist. Da wurde mir klar: Es ist ein menschliches Problem, kein nationales – ein internationales.“ Vor allem ist es auch ein männliches Problem, ein Aspekt, auf den UNO später noch eingehen wird. Die Kunst, die ihn schon sein Leben lang begleitet, hat ihm auch in Luxemburg ein Zuhause geschaffen. Als Freund*innen ihm ihre Erlebnisse mit häuslicher Gewalt schilderten, hat ihn das nachhaltig geprägt. „Ich hatte das Gefühl, als Künstler reagieren zu müssen, und wollte zunächst die Tabuisierung angehen.“ Er recherchierte weiter zum Thema, dann formte sich um die Covid-Zeit herum eine Idee. „In der Öffentlichkeit wird kaum über das Thema gesprochen, also fragte ich mich: Wie kann man Gespräche anstoßen, ohne Betroffene erneut zu traumatisieren? Dann kam mir der Gedanke, es mit einem anderen Tabu zu spiegeln.“ Die Zerstörung von Kunst als Vernissage-Performance, als visuelle Präsentation, was Gewalt bewirkt, wie viel sie zerstört und wie ihr begegnet wird.
„Die Idee war gut, die Umsetzung war besser“, sagt Liane Felten, Präsidentin des Vereins Lëtz Art, den UNO gegründet hat, um kulturelle Vielfalt und soziale Integration in Luxemburg durch Kunst- und Gemeinschaftsprojekte zu fördern. Seit 2019 wurden durch ihn schon diverse Kunstprojekte umgesetzt, unter anderem auch „Ugegraff“. Anfangs war es als Soloprojekt geplant, doch schnell öffnete UNO das Konzept. Es sollte so groß wie möglich sein, um eine breite Zielgruppe zu erreichen. „Fünfzig Kunstschaffende haben sich für Ugegraff zusammengetan, alle möglichen Kunstformen sind dabei, von Malerei über Fotografie und bildende Kunst bis hin zu Performance-Künstler*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen. So etwas hat es noch nie gegeben“, sagt Felten.
Niemand wusste, was während der Vernissage genau passieren würde, nicht einmal der Kurator selbst. Er ließ den fünf Performance-Künstler*innen alle Freiheit nach Belieben zu wüten. Nach dem ersten Schock war es für einige Zuschauer*innen zu viel, sie verließen das Museum. Andere halfen bei der Zerstörung, wurden Teil der Kunstaktion, wieder andere entschieden sich für einen anderen Weg, der sich erst dann offenbart, wenn man die Ausstellung im Kellergeschoss des MNDR betritt. Denn die Ausstellung endete nicht mit ihrer Eröffnung – ebenso bedeutend und eindrucksvoll ist, was seither geschehen ist und bis zu ihrem Abschluss am 20. Dezember noch geschehen wird.
Es wird nie mehr, wie es war …

Der Künstler und Kurator Uyi Nosa-Odia, alias UNO, während der Vernissage mit einer soeben zerstörten Keramik. (Foto: Tetiana Popyk)
Samstag, der 4. Oktober: Wer die Treppe in den Ausstellungssaal hinabsteigt, dem bietet sich ein Bild der Verwüstung. Mitten im Raum liegt, man muss es so sagen, ein Haufen zerstörter Kunst: Leinwandfetzen, Keramikscherben, Holzreste, eine kaputte Gitarre, mittendrin ein verloren wirkender Kinderschuh; es handelt sich um all die Materialien, die zuvor in stundenlanger Arbeit angefertigt und innerhalb einer halben Stunde zerschlagen wurden. Die Künstler*innen wussten zwar, dass sie Kunst gestalten, die zerstört werden würde, dieser Anblick jedoch wird für sie wie für die Besucher*innen nur schwer zu ertragen sein.
Jedem Ausstellungsstück ist dennoch ein Platz gewidmet, die meisten sind leer, ein Bild des Originals ist der jeweiligen Beschreibung angefügt. Es finden sich dort auch die wenigen Kunstobjektive, die zwar beschädigt, aber nicht vollständig zerstört wurden. Zwei Gemälde stehen nahezu unversehrt an ihrem angestammten Platz. Verwundert wandert der Blick vom Bild zur Beschreibung: „Dieses Kunstwerk wurde gerettet, weil jemand aus dem Publikum es während der Performance versteckt hat“, steht dort. Sie sollen nicht alleine bleiben. Heute findet der erste von vielen geplanten Rekonstruktions-Workshops statt. Menschen sind eingeladen, ins Museum zu kommen und unter Anwesenheit einer der Künstler*innen die Werke wieder zu restaurieren. Was daraus entstehen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch komplett offen. Fünf Personen sind gekommen, um zusammen mit Alex McKell, die Wandbildkünstlerin, die auch bei der Vernissage dabei war, zu retten, was zu retten ist.
Anfangs umkreisen die Teilnehmenden, allesamt Frauen und weiblich gelesene Personen, den Haufen in der Mitte. Zögerlich greifen sie nach Stücken. Legen sie wieder nieder mit einer respektvollen Vorsicht, die versucht das Geschehene wieder gut zu machen. Nach und nach findet jede ihr Projekt und dann geht es darum, die passenden Teile zu suchen oder aus einem Mosaik aus verschiedenen Werken etwas völlig Neues entstehen zu lassen. Immer wieder findet sich auch in diesem Teil des Projekts die Analogie zur Gewalterfahrung. „Es gibt immer etwas, das zerbricht nach solch einer Erfahrung. Und dann ist die Frage: Findet man noch alle Stücke, kann man sie wieder zusammensetzen? Genau darum geht es auch in den Workshops“, hatte Liane Felten in dem Gespräch mit der woxx gesagt. Die Energie und Atmosphäre des Workshops selbst zu erleben, ist etwas völlig anderes. Eine Teilnehmerin widmet sich dem Bild des Mädchens. Nach und nach sammelt sie alle Leinwandstücke zusammen. Das schwarze Tape löst sich erstaunlich einfach vom gemalten Mund und findet sogleich Verwendung, um die einzelnen Teile zu kitten. Es wird nie mehr, wie es war, doch es wird anders ganz.
Wiederaufbau
„Das Geräusch reißender Leinwand und zerbrechender Keramik war so unangenehm und unnatürlich, ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen“, sagt McKell, die den ersten Rekonstruktionsworkshop leitet, über die Nacht der Vernissage. „Das Chaos und die Zerstörung, die zurückblieben, waren traurig, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Gemälde jemals wieder zusammengesetzt werden könnten.“ Vielleicht hat sie sich auch deshalb bereit erklärt, an diesem Teil des Projekts aktiv mitzuwirken. Sie steht den Teilnehmenden bei Fragen mit Rat und Tat zur Seite und beschließt während des Workshops selbst auch das Werk einer ihr unbekannten Künstlerin wieder neu zu erschaffen. „Das repräsentiert auf sehr bereichernde Weise die Idee, sich selbst zu heilen, indem man anderen bei ihrer Heilung hilft“, sagt sie. „Einige Teilnehmende entschieden sich, ein Bild originalgetreu wiederherzustellen, andere verbanden mehrere Werke miteinander – was die Botschaft unterstreicht, dass man manchmal andere Bruchstücke nutzen kann, um das Ganze wiederherzustellen. Selbst wenn die Narben dadurch sichtbarer werden, sind sie Ausdruck von Widerstandskraft und Stärke.“
Auch für Margaux hat die Teilnahme am Workshop eine heilende Erfahrung. „Meine Mutter war als Kind Opfer von Gewalt durch meine Großeltern. Solche Themen rühren daher oft an familiäre Erinnerungen“, erzählt sie. Mit Akribie und Geduld setzt sie die einzelnen Scherben einer Keramik wieder zusammen. Sie probiert verschiedene Techniken aus, damit alles hält und nicht wieder einstürzt: hier ein wenig Kleber, dort etwas Tape. „Diese materielle Rekonstruktion verweist auf eine psychologische oder immaterielle Wiederherstellung“, kommentiert Margaux und beschreibt das Gefühl, das sich durch den gesamten Workshop zieht – den Mut zur Heilung.
Zurück in seinem Office im House of Entrepreneurship auf dem Kirchberg erzählt UNO, was noch weiter geplant ist. Mehr Workshops zum einen, er will das Thema durch das Projekt in Schulen bringen und Workshops für Gewaltbetroffene leiten. Zum anderen soll das Filmmaterial der Vernissage zu einem Dokumentarfilm verarbeitet werden, um die dichte Atmosphäre, die Schockstarre angesichts der Gewalt, aber auch die anschließende Heilung über die Ausstellung hinaus erfahrbar zu machen. Begleitend zur Ausstellung gibt es bereits jetzt eine YouTube-Interviewreihe mit den Künstler*innen des Projekts. Am Ende des Gesprächs muss UNO noch eine Frage beantworten, die er in eben dieser Reihe selbst jedem männlichen Künstler stellt: Wie fühlst du dich als Mann in diesem Projekt?
Uno nickt ernst und wählt seine Worte mit Bedacht. Ihm sei bewusst, dass die meisten Betroffenen Frauen und Kinder sind, die meisten Täter Männer. „Ich kenne die Grenzen meiner Perspektive als Mann, aber ich akzeptiere auch meine Rolle. Diesmal war meine Rolle, das Projekt zu schaffen und zu organisieren, um das Thema mehr in die Öffentlichkeit zu bringen.“ Kunst hat für ihn immer auch eine soziale Rolle, eine Botschaft. Er wolle mit diesem Projekt alle Menschen ansprechen, die Institutionen, wie das Museum eine darstellt, für alle öffnen, denn soziale Probleme ließen sich nur gemeinsam lösen. Den Weg ins Musée de la résistance gehe er in letzter Zeit regelmäßig. Nicht nur weil er ganz in der Nähe selbst mal ein Atelier gehabt hat und der Platz vor dem Museum sein Lieblingsort in Esch sei. Er schaue sich regelmäßig die Veränderung seiner Ausstellung an. Den Prozess der Heilung.
Stiege er heute, am 7. November, nochmal die Treppen zum Ausstellungsraum hinab, sähe er die Scherben, die er während der Vernissage noch in Händen hielt (siehe Bild), wiedergeboren als Keramik; er sähe das Bild des Mädchens, wieder ganz, in den Augen dieselbe Spur von Traurigkeit, aber man meint auch einen Funken Hoffnung wahrzunehmen.

