Wer wird gehört und wer nicht? Sprache beeinflusst unsere Teilhabe an Bildung, Gesundheitsversorgung und gesellschaftlichem Leben. Doch nicht alle Sprachen gelten als gleich wertvoll. Im vergangenen Monat trafen sich in Luxemburg Aktivistinnen, Medienmacherinnen und Forscher*innen aus Europa und Lateinamerika, um gemeinsam über das Thema „Language Inequality“ zu sprechen. Die woxx hat die Radio Ara-Journalistin Franziska Peschel getroffen, die das Projekt für Luxemburg begleitet.

Franziska Peschel begrüßte im Juni für Radio Ara Projektpartner*innen aus Argentinien, Dänemark, Spanien, Mexiko und Kolumbien. (Foto: Radio Ara)
woxx: Franziska, du hast das Projekt „ReDes_Ling“ von Anfang an begleitet. Was ist das genau für ein Projekt und wie ist es entstanden?
Franziska Peschel: ReDes_Ling steht für „Resistir la Desigualdad Lingüística“, was auf Spanisch so viel bedeutet wie „Widerstand leisten gegen sprachliche Ungleichheit“. Es ist ein EU-gefördertes internationales Projekt mit Partnerorganisationen, die einerseits aus dem akademischen Bereich und andererseits eher aus aktivistischen Community-Organisationen stammen. Konkret nehmen Organisationen aus Spanien, Luxemburg, Dänemark, Kolumbien, Argentinien und Mexiko daran teil. Der Ursprung des Projekts liegt bei der Autonomen Universität von Madrid. Dort gibt es schon seit längerem einen Lehrstuhl, der zu „Language Inequality“ forscht. Dort gab es ein Vorgängerprojekt namens EquiLing. ReDes_Ling baut nun darauf auf.
Alles dreht sich um „Language Inequality“, also die Ungleichheit, die durch Sprache und mit Sprache entsteht, oder wie würdest du das beschreiben?
(Sie lacht) Das hast du sehr schön formuliert. Im Grunde ist es das: Es geht darum, die verschiedenen Formen zu erforschen, in denen sprachliche Ungleichheit existiert. Darunter fällt zum Beispiel Diskriminierung aufgrund von Sprache, aber auch, dass Menschen aufgrund von Sprachbarrieren weniger Zugang zu allem Möglichen haben. Hier in Luxemburg ist ein ganz gutes Beispiel das Bildungssystem und höhere Bildung. Es ist immer noch so, dass Kinder aus nicht-luxemburgischen Familien eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, in ein „Lycée classique“, und damit auch später in Universitäten, zu kommen. Das ist ein sehr typisches lokales Beispiel für Language Inequality. In anderen Regionen der Welt sieht das Problem ein bisschen anders aus. Während Sprachungleichheit in Luxemburg vor allem durch Migration bedingt ist, ist es beispielsweise in Lateinamerika oft umgekehrt. Dort haben Kolonialisierer*innen die bestehenden indigenen Sprachen verdrängt. Menschen aus indigenen Sprachgesellschaften haben weniger Zugang zu Informationen und auch zu staatlichen Einrichtungen. Aber sie werden auch anders ganz klar diskriminiert und politisch verfolgt. Auch Stereotype und Klischees sind Formen von Language Inequality. In Spanien zum Beispiel geht es nicht nur um andere Sprachen, sondern auch um unterschiedliche Dialekte innerhalb einer Sprachfamilie. Bestimmte Dialekte haben einen niedrigeren Stellenwert als Standardspanisch und Menschen, die diese Dialekte sprechen, werden oft als dumm wahrgenommen und entsprechend behandelt. Das ist dann auch dieses Bäuer*innen-Stereotyp, das bestimmten Dialekten anhaftet.
Du hast eben gesagt, dass im Gegensatz zu Luxemburg bei anderen Projektpartner*innen Ungleichheiten durch Kolonialisierung entstanden ist. In Luxemburg gibt es in meiner Wahrnehmung als Migrantin, noch eine andere Form von sprachlicher Ungleichheit, die nicht nur auf eine bestimmte Sprache, oder Sprachdialekte basiert, sondern auf eine notwendige Sprachvielfalt. Für eine staatliche Stelle, beispielsweise, müssen Angestellte alle drei Amtssprachen beherrschen. Würdest du sagen, dass das die besondere Situation hier in Luxemburg ausmacht?
Ja, dass die drei offiziellen Sprachen Voraussetzung oder zumindest vorteilhaft sind, ist natürlich eine eigene Schwierigkeit, besonders für Menschen, die nicht in diesem System aufwachsen und keine außerordentliche Begabung für Sprachen haben. Aber ich würde sagen, dass sich alle Projektpartner*innen irgendwie in besonderen Situationen befinden. Migration ist natürlich nicht nur in Luxemburg ein Thema. Auch in Argentinien, Dänemark oder Spanien spielt sie eine große Rolle. Und für viele Menschen im Norden Argentiniens, etwa, hat sprachliche Ungleichheit verheerendere Auswirkungen als in Luxemburg. Dort erleben indigene Gruppen politische Verfolgung. Das Leben der Menschen ist bedroht und das ist hier zum Glück nicht der Fall.
Anders als in Luxemburg, wo die ursprüngliche Sprache auch staatlich gefördert wird, sieht die Situation ja in Argentinien aus.
Genau, im Projekt sind Sprecher*innen von drei indigenen Sprachen mit dabei. Sie kommen aus der Region El Chaco im Norden von Argentinien. Dort gibt es drei offiziell anerkannte indigene Sprachen, Wichí, Qom und Mocoví. Die haben einige zigtausend Sprecher*innen, aber fast keinen Zugang zu Bildung in ihren Sprachen. In Schulen wird erwartet, dass die Kinder Spanisch sprechen, wodurch natürlich sehr viele ausgeschlossen werden, denn in den Familien, in denen sie aufwachsen, wird kein Spanisch gesprochen. Das Ergebnis: Viele können gar nicht zur Schule gehen. In Argentinien gibt es auch noch andere indigene Sprachen. Und auch innerhalb der anerkannten Sprachen gibt es verschiedene Dialekte. Das ist eine große sprachliche Vielfalt, die auf politischer Ebene gar nicht berücksichtigt wird.
In Luxemburg ist Radio Ara die Partnerorganisation für das Projekt. Wie seid ihr da reingekommen?
Die Universität in Madrid ist auf uns zugekommen. Uns wurde gesagt, dass sie zuvor das linguistische Institut der Uni Luxemburg angefragt hatten und diese sie auf uns verwiesen haben. Radio Ara eignet sich gut als Projektpartner, weil wir hier in Luxemburg mit sehr vielen Sprachen aktiv daran arbeiten, Language Inequality zu reduzieren. Dadurch, dass wir zurzeit 17 Sprachen on Air haben, eröffnen wir den Zugang zu Informationen für Menschen, die keine der offiziellen Sprachen sprechen, und repräsentieren diese in den Medien. Das sind zwei wichtige Aspekte: einerseits der Zugang zu Informationen, um zu verstehen, was im Land los ist, andererseits, das Gefühl gesehen, gehört und wahrgenommen zu werden und die Möglichkeit, eigene Standpunkte zu vertreten.
Gibt es nach anderthalb Jahren schon Ergebnisse aus dem Projekt, wie gegen sprachliche Ungleichheit vorgegangen werden kann, vielleicht auch auf systemischer Ebene?
Das Hauptziel des Projektes ist, zu erforschen, welche Formen Language Inequality annimmt, und dann konkrete Aktionen zu entwickeln, um dieser entgegenzuwirken. Schon jetzt engagieren sich viele der Projektpartner*innen, um gegen Language Inequality vorzugehen. Zum Beispiel haben welche in Argentinien ein Verlagshaus gegründet, um Autor*innen, die auf Wichí schreiben, Gehör zu verschaffen. Viele arbeiten mit Dolmetscher*innen. Die sind auch aktiv am Projekt beteiligt. Ester Saiz von der Autonomen Universität in Madrid forscht zu der Rolle von Dolmetscher*innen in Bezug auf sprachliche Ungleichheit. Eine staatlich geförderte Übersetzungshilfe ist etwas, das man systemisch einführen könnte, zum Beispiel in Krankenhäusern und bei Ärzt*innen, oder vor Gericht und bei anderen behördlichen Stellen. In Luxemburg bietet Asti Übersetzungsdienste bei Veranstaltungen an. Auf der anderen Seite spielen Bildungsaktivitäten eine große Rolle. In Samstagsschulen könnte man Kindern in El Chaco Spanisch beibringen, damit sie Zugang zu Bildung bekommen. Gleichzeitig setzt sich unsere Partnerorganisation vor Ort bereits dafür ein, dass interkulturelle und zweisprachige Bildung im Schulsystem verankert wird. Theoretisch haben die Kinder ein Recht darauf, dass sie in ihrer Sprache und in ihrer Kultur gefördert werden, aber dies wird nicht umgesetzt. Zweisprachige Bildung ist eine Möglichkeit, mit der man Kindern Zugang zu Bildung geben kann und sie in ihrer Muttersprache und kulturellen Herkunft stärkt, ohne dass sie sich der dominierenden Kultur und Sprache anpassen müssen. Gerade in Language-Inequality-Fragen spielt die Identität und kulturelle Zugehörigkeit eine wichtige Rolle.
Wird in Zukunft künstliche Intelligenz als Übersetzungstool übernehmen, oder glaubst du, dass Sprache gerade in Kontext wie Gesundheit einen echten Menschen als Dolmetscher*in braucht?
Als erster Schritt können die Tools sehr nützlich sein und sie eignen sich auch generell als Infrastrukturmaßnahme. Aber wenn wir über Bereiche wie das Gesundheitssystem oder auch Gerichtsverhandlungen sprechen, braucht es einen Menschen, der übersetzt. Personen, die sich in einem neuen Land befinden, in dem sie die Sprache nicht sprechen, oder in einem Land, in dem ihre Sprache und Identität unterdrückt werden, befinden sich oft in einer vulnerablen Situation. Der Job von Dolmetscher*innen geht weit über die reine Übersetzung hinaus. Es geht auch darum, einer Person das Gefühl zu geben, „da ist jemand, der mich versteht, der weiß, was ich brauche“. Das ist etwas, das eine KI nicht bieten kann. Ein Mensch aber schon. In unserem Projekt ist auch die Linguistin Martha Karrebæk von der Universität in Kopenhagen beteiligt. Zwar ist ihre Forschung zur Rolle von Übersetzer*innen bei Gerichtsverhandlungen in Dänemark kein direkter Bestandteil von ReDes_Ling, doch sie bringt diese Expertise mit ins Projekt ein. Dabei hat sie gezeigt, dass Übersetzen vor Gericht weit über die reine Sprachübertragung hinausgeht. Gerade dort wird eine Sprache verwendet, die man normalerweise nicht spricht. Das heißt, zusätzlich zu der reinen Sprache-zu-Sprache-Übersetzung passiert auch eine Übersetzung von der Rechtssprache in die Umgangssprache. Zudem hat sie herausgefunden, dass Übersetzer*innen den Menschen auch andere Hilfestellungen geben, zum Beispiel Hinweise dazu, wie man sich vor Gericht verhält. Auch im Gesundheitssystem sind Menschen meistens in einer verletzlichen Position, oftmals sind das ja auch persönliche Ausnahmesituationen. Um nicht benachteiligt zu werden, wären solche Hilfeleistungen sehr nützlich und wichtig.
ReDes_Ling ist insgesamt auf vier Jahre angelegt. Weißt du schon, wie es danach weitergeht?
Im vergangenen Monat in Luxemburg lag der Fokus darauf, wie Communication Technologies genutzt werden, um Language Inequality zu reduzieren. Und ein Gespräch mit Peter Gilles, der als Linguist an der Uni Luxemburg am Projekt Lux-ASR zur automatischen Spracherkennung für Luxemburgisch arbeitet, zeigte uns, dass solche Tools auch in El Chaco anwendbar wären. Die Entwicklung eines KI-Übersetzungs-Tools kann im Rahmen dieses Projekts allerdings nicht gemacht werden. Da braucht es ein eigenes Projekt als Nachfolge. Aber das sind Ideen, die sich aus dem heutigen Projekt entwickeln. Innerhalb des Projektes gibt es auch Arbeitsgruppen mit anderen Fokuspunkten. Eine Gruppe arbeitet zum Beispiel daran, wie Kunst als Mittel genutzt werden kann, um Language Inequality zu reduzieren. In der verbleibenden Zeit werden also noch andere Schwerpunkte gesetzt werden.
Franziska Peschel ist Journalistin mit Fokus auf soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und Gleichstellung. Für Radio Ara begleitet sie das EU-Projekt ReDes_Ling, das sich weltweit mit sprachlicher Ungleichheit befasst. Gemeinsam mit Partnern aus Europa und Lateinamerika wird untersucht, wie Sprachbarrieren den Zugang zu Rechten, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe einschränken. Vergangenen Monat lag der Fokus beim Projekttreffen in Luxemburg auf der Frage, wie Kommunikationstechnologien wie Radio und KI-Tools dabei helfen können, diese Hürden zu überwinden. Die Ergebnisse aus Luxemburg und weitere Projektinhalte werden in fünf Radioepisoden auf www.radioara.org/show/challenging-language-inequality vorgestellt.

