Lesung: Eine Zigarette zu Krieg und Zerstörungswut

In Lola Arias Eventserie „My Documents. Share your Screen“ teilen Künstler*innen ihre Recherchen und Leidenschaften mit dem Publikum. Das Projekt läuft seit Ausbruch der Corona-Krise online, in Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main. Dieses Wochenende an der Reihe: Der libanesische Künstler Rabih Mroué mit der Lesung „Make Me Stop Smoking“.

Die Lesung „Make Me Stop Smoking“ von Rabih Mroué hat weniger mit Zigaretten zu tun als mit Zerstörung, Krieg und Krisen im Libanon. (Copyright: Rabih Mroué)

„In ‚Make Me Stop Smoking‘ rekons
truiert Rabih Mroué die radikal heterogene Landschaft des Libanon, zerstört von Krisen und Kriegen. Er tut dies anhand zahlloser anonymer und persönlicher Dokumente, Videos, Fotos, Zeitungsausschnitte und Augenzeugenberichte“, schreibt das Team des Mousonturm auf seiner Website. „Er befragt die Zusammenhänge und Wahrhaftigkeiten von Archivmaterial, während er zugleich die Stichhaltigkeit einer rekonstruierten ‚Realität‘ verhandelt.“ Libanon, Krieg, politische und gesellschaftliche Krisen sind Leitmotive in Mroués Gesamtwerk. Es umfasst Theaterstücke, Installationen und Videos. Die Lesung, die er an diesem Wochenende auf der Plattform Zoom darbietet, ist einer der vielen Momente in Mroués Schaffen, in dem er die Lage im Nahen Osten beleuchtet.

„I have lived my entire life in Beirut and all my works are actually mainly related to the history of Lebanon“, sagt Mroué im Interview mit dem San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA). „I was raised during the civil war and of course it influenced my entire life and my entire work. So most of my works are kind of a reflection on war, on post-war.“ Mroué will das Publikum mit seinen Arbeiten zu Skepsis und kritischem Nachdenken über Kriegsdarstellungen bewegen.

Ein Jahr nachdem der Bürgerkrieg in Syrien ausgebrochen war, präsentierte Mroué 2012 die Videoarbeit „The Pixelated Revolution“. Im Gespräch mit dem SFMOMA erinnert er sich an den Ausgangspunkt der Arbeit. Damals sagte ein Freund zu ihm: „The Syrian protestors are recording their own death.“ Sein Freund spielte auf ein bestimmtes Phänomen an: Aktivist*innen und Zivilist*innen nutzen ihre Handys und Aufnahmegeräte, um die Geschehnisse, die Angriffe in Echtzeit zu dokumentieren. Oft fangen sie mit ihrer Kamera einen fatalen Moment ein – nämlich den letzten Augenkontakt mit ihren Mörder*innen. Der Tod, sagt Mroué im oben erwähnten Gespräch, geschieht dann, wenn die Kamera auf dem Boden liegt und das Bild schwarz wird. In seiner Videoarbeit greift er dies auf.

Inzwischen lebt und arbeitet Mroué in Beirut und Berlin. Der Regisseur, Schauspieler, bildende Künstler und Autor ist Mitbegründer des Beirut Art Center (BAC) und Mitherausgeber des Journals „The Drama Review“ – ein akademisches Magazin, das Performances jeder Art in ihrem politischen, sozialen, ökonomischen und ästhetischen Kontext analysiert. Mroué ist des Weiteren regelmäßig als Regisseur an den Kammerspielen München tätig. Seine Werke waren unter anderem in New York bei der „Triennial of Photography and Video“ des Museum of Modern Art (MoMa) und im Centre Pompidou in Paris zu sehen. Auch der Mousonturm zeigte bereits mehrere seiner Arbeiten.

Egal ob auf der Bühne, in Videos oder Performances: Der libanesische Künstler Rabih Mroué beschäftigt sich intensiv mit der Bildsprache des Krieges und der politischen Situation im Nahen Osten. (Copyright: Rabih Mroué)

„Make Me Stop Smoking“ wird an diesem Wochenende im Rahmen der Lecture-Performances „My Documents. Share your Screen“ übertragen. Die Veranstaltungsreihe findet seit 2012 an wechselnden Standorten statt. Lola Aria, Schriftstellerin, Film- und Theaterregisseurin, hat das Konzept entwickelt und kuratiert die Events. Sie lädt Künstler*innen unterschiedlichster Genres zu Vorträgen und Performances ein. Bei den Veranstaltungen wird es persönlich: Die Künstler*innen gewähren Einblick in ihre Recherchen, erzählen von ihren Obsessionen und von ihrem Arbeitsprozess.

Mit Ausbruch der Corona-Krise verschob Aria das Ganze ins Netz. Zusammen mit dem Künstlerhaus Mousonturm, Kampnagel Hamburg, Kaserne Basel und den Münchner Kammerspielen produziert sie eine „häuslich-virtuelle Corona-Version“ der Veranstaltungsreihe. Die Organisator*innen suchen nach „Infizierungen der anderen Art“, nach ansteckenden Ideen und Geschichten, nach der Verbreitung von Wissen. Insgesamt sechs Künstler*innen teilen ihren Bildschirm über die Konferenzplattform Zoom mit dem Publikum.

Der Vortrag von Rabih Mroué ist auf Englisch. Die Anmeldung zu den Veranstaltungen am 22. und 23. Mai erfolgt online. Informationen hierzu und zu den anderen Events des Mousonturms gibt es unter mousonturm.de. Nach der erfolgreichen Anmeldung zum Event erhalten die Teilnehmer*innen den Link zur Veranstaltung.

„Make Me Stop Smoking“ von Rabih Mroué, an diesem Freitag, dem 22. und diesem Samstag, dem 23. Mai, um 20 Uhr auf Zoom. Dauer: 40 Minuten Lesung, anschließend Gesprächsrunde.

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