Queere Personen in Luxemburg wünschen sich von der Regierung mehr Mut. Das ist ein Resultat einer aktuellen Studie des LEQGF, die dem Alltag von LGBTIQA+-Personen nachspürte.

Foto: Marek Studzinski/ Unsplash)
Vergangenen Mittwoch stellte das „Laboratoire d’études queer sur le genre et les féminismes“ (LEQGF) die Ergebnisse seiner ersten qualitativen Studie zur Lebensrealität von LGBTIQ+-Personen in Luxemburg vor. Im Rahmen des sogenannten LGBTIQ+-Panels wurden Erfahrungen, Erwartungen und Wünsche von queeren Menschen ab 16 Jahren gesammelt, die in Luxemburg leben, arbeiten oder studieren. Herzstück der Studie bildeten Fokusgruppen mit jeweils drei bis acht Teilnehmenden, die je nach Bedarf auf Luxemburgisch, Französisch oder Englisch stattfanden. Zwischen März 2024 und Januar 2025 wurden insgesamt 14 solcher Gesprächsrunden organisiert. Sie widmeten sich unterschiedlichen Themenfeldern und Zielgruppen – von queeren Expats über Eltern und Grenzgänger*innen bis hin zu Menschen aus ländlichen Regionen sowie jüngeren und älteren Community-Mitgliedern.
Die Fragen, mit denen die Gespräche eröffnet wurden, waren laut der Soziologin Enrica Pianaro, die gemeinsam mit der Philologin Sandy Artuso die Studie präsentierte, bewusst grundlegend: Wie erleben LGBTQ+-Personen ihren Alltag in Luxemburg? Was wünschen sie sich, um hier besser leben zu können? Und welche Mechanismen wirken hemmend oder unterstützend auf ihre Lebensrealität ein, sei es in der Politik, in der Gesellschaft oder innerhalb der Communities selbst? Abgesehen von diesem groben Rahmen erhielten die insgesamt 52 Teilnehmenden viel Raum, eigene Themen einzubringen und über Erfahrungen zu sprechen, die sie im Alltag beschäftigen.
Fehlender Ehrgeiz
In der Analyse kristallisierten sich verschiedene Themenfelder heraus, die sich durch viele der Fokusgruppen zogen und die Teilnehmenden besonders beschäftigten. Dazu gehörten Fragen rund um Coming-out und Sichtbarkeit, intersektionale Erfahrungen, interkulturelles Zusammenleben, die Situation in der Arbeitswelt, Erfahrungen im Bildungsbereich, queere Räume sowie Stigmatisierung, Ausgrenzung und Gewalt. Auch Politik und Aktivismus wurden als eigener Themenkomplex benannt.
Zwar empfanden viele Teilnehmende die Situation in Luxemburg insgesamt als vergleichsweise sicher. Gleichzeitig kritisierten sie jedoch eine anhaltende politische Stagnation bei LGBTIQA+-Rechten. Als Beispiele wurden die weiterhin fehlende Anerkennung von Co-Elternschaft sowie ausbleibende Fortschritte bei der rechtlichen und sozialen Situation von trans und nichtbinären Menschen genannt. In der Vergangenheit sei einiges erreicht worden, doch aus Sicht vieler Betroffener habe sich seit einigen Jahren wenig bewegt. Auch strukturelle Defizite wurden angesprochen. In der Fokusgruppe zum ländlichen Raum berichteten Teilnehmende etwa, dass die Gesprächsrunde selbst das einzige queere Angebot gewesen sei. Außerhalb der Hauptstadt konzentrierten sich kaum Strukturen: „Nach der Schließung vom ‚Letz Boys‘ gibt es im ganzen Land gar keine queeren Cafés mehr“, betonte Sandy Artuso. Die daraus resultierende Erwartung an die Politik fasste sie mit zwei Worten zusammen: „Mehr Ehrgeiz.“ Luxemburg sei ein Land, das oft große Erklärungen abgäbe, aber am Ende nicht viel umsetze. „Man wartet immer erst ab, was die Nachbarländer tun, statt selbst Initiative zu ergreifen.“
Besonders in den Fokusgruppen der Personen mit Migrationshintergrund wurde eine fehlende intersektionale Perspektive kritisiert. Zwar existieren in Luxemburg zahlreiche Programme für bestimmte Zielgruppen – etwa Migrant*innen, ältere Menschen oder Jugendliche –, diese seien jedoch meist stark cis-heteronormativ geprägt und ließen queere Lebensrealitäten weitgehend außen vor. Auch in der anschließenden Diskussionsrunde wurde dieses Problem mit Blick auf politische Strukturen aufgegriffen: Während das Leben nicht in klar getrennten Kategorien funktioniere, sei staatliche Finanzierung häufig genau entlang solcher Ressortlogiken organisiert. So berichtete eine Person, dass bei einer vom Familienministerium finanzierten Studie der Begriff „Diversität“ gestrichen worden sei, weil er nicht in das zuständige Ressort passe. Intersektionalität tauche zwar zunehmend als Schlagwort auf, spiegele sich bislang jedoch kaum in konkreten Aktionsplänen oder Förderprogrammen wider.

