Das neue Catch Music Festival vereint klassische Musiker*innen und soll Kammermusik von ihrem angestaubten Image befreien. Mitinitiatorin Cathy Krier und Teilnehmerin Kelly Ge sprechen ĂŒber ein Projekt, das mit Hierarchien brechen und Grenzen ĂŒberwinden soll.

Die 19-jĂ€hrige Kelly Ge ist eines der jungen Nachwuchstalente, das beim Catch Music Festival die Chance erhĂ€lt, sich mit etablierten Musiker*innen die BĂŒhne zu teilen und klassische Musik in ein anderes Licht zu rĂŒcken. (© Catch Music Festival)
âKlassische Musik hat mit einem verstaubten Image zu kĂ€mpfen, was sehr schade istâ, sagt Cathy Krier, Konzertpianistin und Professorin am Konservatorium der Stadt Luxemburg im GesprĂ€ch ĂŒber das Catch Music Festival. âMan sollte sich unter klassischer Musik nicht nur vier alte Herren vorstellen, die herumsitzen und gelangweilt vor sich hin dudeln.â Sie und die Mitorganisatorinnen des Festivals â Stephanie Schulze, MichĂšle Schneider und Laurence Koch â bieten jetzt eine Alternative: Bei der ersten Auflage des Catch Music Festival, das vom 12. bis zum 14. Mai in der Ăglise Marie Reine de la Paix in Bonneweg stattfindet, treffen Nachwuchstalente auf erfahrene Musiker*innen des klassischen Genres. Sie prĂ€sentieren ihre liebsten StĂŒcke sowie kanonische Werke der Kammermusik, etwa Ludwig van Beethovens âQuintette Ă ventâ oder Claude Debussys âPetite suite pour piano Ă quatre mainsâ. Der Kern des Projekts liegt im Dialog zwischen den Generationen, den Musiker*innen und den sozialen Schichten.
âUnsere Idee war es, etwas aufzubauen, wo es um das Zusammenspiel geht, um Kammermusik, um das Teilen â denn es ist auch das, was toll ist, wenn man Musik macht: dass man sie mit anderen Menschen teilen kannâ, erklĂ€rt Krier. Gleichzeitig wollen die Organisatorinnen LĂŒcken schlieĂen, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben. Krier und Kelly Ge, MusikschĂŒlerin von Laurence Koch und Interpretin beim Catch Music Festival, loben die Förderung junger Musiker*innen in Luxemburg, dennoch gibt es Handlungsbedarf. Krier fĂŒhrt an, dass es fĂŒr junge Menschen immer weniger Möglichkeiten durch private Initiativen gibt, um regelmĂ€Ăig Konzerte zu spielen. Durch die Pandemie seien diese komplett weggebrochen. Das Festival soll neue RĂ€ume schaffen.
Es geht bei dem Projekt aber auch darum, Hierarchien aufzubrechen. âWenn man Kammermusik macht, dann ist das ein Dialog und einen guten Dialog kann man nur fĂŒhren, wenn alle auf Augenhöhe sind. Wir waren bereit, so zu denken, und haben die Kollegen, die fest im Beruf etabliert sind, angefragt, die auch bereit sind, diese Sichtweise einzunehmenâ, sagt Krier. Obwohl in jedem Ensemble mindestens eine erfahrene Musikerin oder ein etablierter Musiker vertreten ist, die oder der das Konzert ein wenig leiten kann, soll der Austausch frei von MachtverhĂ€ltnissen sein. In der Welt der klassischen Musik ist das eher ungewöhnlich. âWenn man sich entscheidet, ein Instrument zu studieren, geht man zu einem Mentor. Man belegt Einzelkurse und es gibt eine starke Hierarchie â er ist eben der MaĂźtre, der Meister. Auch Orchester sind hierarchisch unterteilt: Es gibt den Konzertmeister, das erste Pult, die weiteren Pulte, die ersten und die zweiten Solisten und so weiterâ, fĂŒhrt Krier aus.
Kelly Ge hört ihr bei ihren AusfĂŒhrungen zu. Die 19-JĂ€hrige spielt Geige, seit sie drei ist. Die Teilnahme am Festival freut sie, den Austausch mit Musikstudent*innen und professionellen Musiker*innen nennt sie eine einmalige Chance. Sie steht unter anderem mit Ralph Szigeti, Bratschist und StimmfĂŒhrer am Orchestre philharmonique royal de LiĂšge, auf der BĂŒhne. Die Nachwuchstalente sind fĂŒr Krier jedoch genauso eine Bereicherung fĂŒr die alten Hasen der Branche: âSie haben eine andere Art und Weise mit dem Festival umzugehen, eine andere Begeisterung, weil es fĂŒr sie etwas Neues ist â und das kann auch fĂŒr uns inspirierend sein.â
Neues Publikum erschlieĂen
Neben dem Austausch innerhalb der Szene suchen die Musiker*innen des Catch Music Festivals aber auch den Kontakt zu einem Publikum, das bei klassischen Konzerten nicht unbedingt die Reihen fĂŒllt. Unter dem Titel âCatch@Quartierâ spielen sie Konzerte fĂŒr Schulklassen aus Bonneweg. Auf dem Programm steht Vox Balaenae von George Crumb. âDas ist ein interessantes StĂŒck, weil es mit verstĂ€rkten Instrumenten und in blauem Licht gespielt wird, die Musiker sind maskiert und wir imitieren WalgesĂ€nge, indem die Instrumente entsprechend bearbeitet wurden â dadurch sieht man, dass man mit klassischen Instrumenten viel weiter gehen und Dinge tun kann, von denen Menschen denken, sie seien nur mithilfe eines Computers möglichâ, erklĂ€rt Krier die Auswahl. Ge stimmt ihr zu und meint: âMenschen, die sagen, dass sie klassische Musik nicht mögen, haben ihre Vielfalt noch nicht entdeckt. Das Argument, dass sie langweilig und eintönig ist, höre ich oft. Ich finde nicht, dass das zutrifft. Es gibt nicht nur âdie eineâ klassische Musik. Ich finde es schade, dass Klassik im Vergleich zu Pop und anderen Genres im Hintergrund steht.â
Auf die Frage, ob der Zugang zu klassischer Musik auch etwas mit der sozialen Schicht zu tun habe, antwortet Krier mit dem Verweis auf ein weiteres Nebenprojekt des Festivals: âWir haben Kontakt mit dem sozialen CafĂ© Le Courage in Bonneweg aufgenommen, wo wir ebenfalls ein kurzes Konzert spielen werden.â Das Bistro Le Courage, ein Dienst der Caritas und der Stadt Luxemburg, beschreibt sich auf Facebook als geschĂŒtzten Ort fĂŒr Menschen, die sonst nirgendwo unterkommen. âWir wollen, dass das Festival offen ist fĂŒr alle, doch man muss sich natĂŒrlich die Frage stellen, was die Menschen wollen: Wo fĂŒhlen sie sich wohl? In welchem Kontext sind sie bereit, sich auf die Musik einzulassen?â, sagt Krier.
Sie sieht Musiker*innen nicht nur als KĂŒnstler*innen, sondern auch als Vermittler*innen ihrer eigenen Disziplin. âWenn wir wollen, dass die Menschen klassische Musik toll finden, dann mĂŒssen wir ihnen auch zeigen, dass sie das istâ, betont sie. âWir können nicht hinter unserem Pult stehenbleiben und warten, dass die Menschen zu uns kommen. Wir mĂŒssen uns ĂŒberlegen, wie wir ihr Interesse wecken können und wie wir eine Verbindung herstellen können.â Mit der ersten Auflage des Catch Music Festivals gehen die Organisatorinnen, die Nachwuchstalente und die erfahrenen Musiker*innen einen Schritt in diese Richtung.

