Öffentlicher Transport: Tamtam um Tram

Die Tram in Luxemburg-Stadt bleibt ein Politikum. Streit gibt es darüber, welche Linien und Verbindungen als Nächstes gebaut werden sollen. Es scheint, als ginge Lydie Polfer (DP) als Siegerin aus der Debatte hervor.

Wer bestimmt die Mobilitätspolitik in der DP – und in Luxemburg? Es sieht so aus, als würde Lydie Polfer (rechts) und nicht etwa Yuriko Backes (links) den Ton angeben. (Foto: © MMTP)

Die Echternacher Springprozession, die Emaischen, die Oktave und der Trockenmauerbau sind nur einige Einträge auf der Liste des immateriellen Kulturerbes in Luxemburg. Vielleicht muss diese in wenigen Jahren um einen weiteren Eintrag namens „Das Streiten um eine Straßenbahn in der Hauptstadt“ erweitert werden. Im Jahr 2024 geht es zwar nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie, doch das Thema Tram sorgt weiterhin für Gesprächsstoff.

Stein des Anstoßes war die Veröffentlichung des Mobilitätsplans von Luxemburg-Stadt Ende März (siehe woxx 1782). Scharf kritisiert wurde darin von Déi Gréng, Déi Lénk, aber auch ProVelo der Fakt, dass die eigentlich geplante „Abkürzung“ durch die Avenue de la Porte-Neuve vorerst nicht realisiert werden sollte. Die sei aber nötig, um umsteigefreie Verbindungen und einen hohen Takt zu gewährleisten, hieß es von Kritiker*innen. Bürgermeisterin Lydie Polfer und Verkehrsschöffe Patrick Goldschmidt (beide DP) hielten dem entgegen, die Bürger*innen der Viertel Limpertsberg und Kirchberg bräuchten eine direkte Autoverbindung in das Stadtzentrum, daher sei nicht angedacht, der Tram eine Direktverbindung zwischen Glacis und Stadtzentrum zu spendieren.

Am vergangenen Freitag riefen Luxemburg-Stadt, Mobilitätsministerium und Luxtram zu einer gemeinsamen Pressekonferenz, auf der sie das weitere Vorgehen vorstellen und erklären wollten. Dabei wurden die aktuellen Ausbaupläne ein weiteres Mal präsentiert: Im Juli 2024 soll der letzte Teil der Tramstrecke im Süden der Stadt eröffnet werden, dann fährt die Straßenbahn bis zum Stade de Luxembourg. Anfang nächsten Jahres sollen auch die Bauarbeiten im Norden beendet sein, womit die Tram dann auch zum Flughafen fährt. Damit wäre das initial vorgesehene Netz beendet, zwei Erweiterungslinien sind bereits geplant.

Einerseits wird das Viertel Kirchberg durch eine weitere Linie erschlossen, mit welcher etwa die Europaschule und das Wohnquartier Laangfur ans Straßenbahnnetz angeschlossen werden. Die Trasse soll, so der Plan, später über das Viertel „Kuebebierg“ bis zur bestehenden Haltestelle Luxexpo führen. Die zweite bereits geplante und in ein Finanzierungsgesetz gegossene Linie führt vom Hauptbahnhof zum Bahnhof Hollerich. Später soll diese Linie auch das Parkhaus Bouillon und die sogenannte „Porte de Hollerich“ erreichen.

Der nationale Mobilitätsplan 2035 sah die Abkürzung durch die Avenue de la Porte-Neuve vor. Nun liegt deren Planung und Bau jedoch auf Eis. (Illustration: MMTP)

Polfer macht Mobilitätspolitik

Das entsprechende Finanzierungsgesetz für die beiden ersten Teilstücke der Erweiterungen wurde am 6. Februar einstimmig vom Parlament angenommen. Doch bereits damals gab es Vorzeichen dafür, dass die nächsten Erweiterungen für Diskussionen sorgen würden. Das Gesetz für die Linien in Kirchberg und Hollerich wurde noch vom ehemaligen Mobilitätsminister François Bausch (Déi Gréng) ins Parlament eingebracht und entspricht somit dessen Visionen und Mobilitätsplan PNM 2035. Das Vertrauen, dass die CSV-DP-Koalition diesen Plan tatsächlich ohne Änderungen umsetzt, war bei Déi Gréng wohl nicht sonderlich groß, denn ihr Abgeordneter Meris Šehović brachte eine von LSAP und Déi Lénk unterstützte Motion ein, mit der die Regierung unter anderem aufgefordert wurde, die geplante Erweiterung der Tram zum Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) und die Abkürzung durch die Avenue de la Porte-Neuve umzusetzen. Als das Parlament darüber diskutierte, empfahl die hauptstädtische Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) ihrer Fraktion, nicht dafür zu stimmen. Daraufhin entbrannte ein kurzes Wortgefecht zwischen ihr und François Bausch, der auf die Wichtigkeit der „Abkürzung“ hinwies. Beachtenswert sind an diesem Verhalten zwei Dinge: Es scheint, als ob Polfer in ihrer Partei den verkehrspolitischen Ton angibt und nicht etwa die Mobilitätsministerin Yuriko Backes oder die Präsidentin der parlamentarischen Mobilitätskommission, Corinne Cahen. Außerdem deutete sich hier bereits der heutige Konflikt über die Abkürzung an.

Noch bevor auf der Pressekonferenz vom letzten Freitag erklärt wurde, warum diese vorerst nicht gebaut wird, wurden die künftigen Prioritäten der Erweiterungen vorgestellt. Vor allem soll eine zweite Nord-Süd-Achse die Stäreplaz mit dem Bahnhof Hollerich und dem Stadion verbinden. Die Idee ist nicht neu, auch im PNM 2035 ist sie zu finden – allerdings erst für nach 2035. Davor sollte im „empfohlenen Betriebskonzept“ für 2035 lediglich die Cloche d’Or mit dem Bahnhof Hollerich verbunden werden. In der Powerpoint-Präsentation der Pressekonferenz wurde zwar die Grafik aus dem PNM 2035 benutzt, jedoch ohne anzugeben, dass es sich um eine Vision handelt, die eigentlich über das Zieljahr 2035 hinausgeht. Nun soll bereits Ende 2025 ein Finanzierungsgesetz zu dieser Linie eingereicht werden.

(Foto: Luxtram/Ministère de la Mobilité et des Travaux publics)

„Es gibt noch keine Vorstudien zu dieser Stecke. Es wird eine sehr komplizierte Trasse, und es würde mich wundern, wenn so schnell ein Projekt auf die Beine gestellt werden sollte. Ich halte es nicht für unmöglich, aber für mich wirkt das eher wie ein Ablenkungsmanöver“, so François Bausch gegenüber der woxx am Telefon. Er sei der Meinung, man könne diese Strecke nicht innerhalb von zehn Jahren bauen – aktuell handele es sich nur um einen Strich auf einer Karte.

Am vergangenen Freitag erklärten die nunmehr Verantwortlichen dann auch, weswegen sie die „Abkürzung“ durch die Avenue de la Porte-Neuve nicht weiterverfolgen: Die Tram müsse dann einen kurzen Schlenker durch den Park nehmen, dem würden alte, schützenswerte Bäume zum Opfer fallen und das wolle man nicht. Auf der technischen Zeichnung deutlich zu sehen: Es gibt auf der Straße größtenteils weiterhin zwei Spuren in jede Richtung, eine für Busse, eine für den motorisierten Individualverkehr.

Bäume für Autos opfern

„Es wurden andere Varianten erstellt, die andere Möglichkeiten aufzeigen. Man könnte zum Beispiel den Autoverkehr in nur eine Richtung leiten, das würde auch das Viertel Limpertsberg vom Durchgangsverkehr befreien“, so Bausch, der Lydie Polfer vorwirft, nach den Bürger*innen aus Limpertsberg und Kirchberg nun die Parkbäume zu missbrauchen. „Man könnte die Bushaltestelle durch die Tramhaltestelle ersetzen und die Busse auf der Autospur fahren lassen. Ein anderer Kompromiss könnte sein, die Busse für ein kurzes Stück auf der Tramspur fahren zu lassen. Die vier Bäume müssen nur gefällt werden, wenn man will, dass alles so bleibt, wie es heute ist – Autos, Busse und eben zusätzlich eine Tram.“ Laut dem ehemaligen Mobilitätsminister ist es also eine Frage der politischen Prioritätensetzung, und vor allem die Frage, wie viel Raum das Auto in Luxemburg-Stadt haben soll.

Der designierte Direktor von Luxtram, Helge Dorstewitz, gab im Interview mit Radio 100,7 an, es handele sich um neun Bäume, die gefällt werden müssten. Er sehe keine Priorität für die Strecke durch die Avenue de la Porte-Neuve. Das auch, weil die Erweiterung der Tram auf der Route d’Arlon Richtung CHL nicht vor 2035 eröffnet werden sollte, da dort unter anderem einige Wohnprojekte noch nicht bereit seien. Das widerspricht eigentlich dem Zeitplan, der auf der Pressekonferenz am vergangenen Freitag vorgestellt wurde: Das entsprechende Finanzierungsgesetz soll nämlich bereits Ende dieses Jahres im Parlament eingebracht werden. In den Protokollen der parlamentarischen Mobilitätskommission liest man außerdem, dass sich das „Comité politique“, das sich um diese Trasse kümmert, im Januar nicht treffen konnte – unklar bleibt, ob hier jemand absichtlich auf die Bremse tritt.

Bausch ist überzeugt, dass der Takt schlechter wird, wenn die Abkürzung nicht gebaut wird. Ohne diese müssten Reisende aus dem Westen bei der Stäreplaz umsteigen. „Wer aus dem Kanton Redingen nach Kirchberg muss, verliert dann wegen Warte- und Umsteigezeiten eine Viertelstunde gegenüber der heutigen Situation. Ich kann die Ministerin Backes nur warnen: Wenn sie weiterhin Frau Polfer nachgibt, wird sie später den Zorn der Menschen abkriegen!“, so Bausch gegenüber der woxx.

Tram mit Taktgefühl

Auch Dorstewitz ging bei Radio 100,7 auf die Takte ein: Es sei ohnehin immer nur ein Takt von sechs bis acht Minuten in den Außenbezirken geplant gewesen. Auf Nachfrage der Journalistin musste er allerdings zugeben, dass dies auch Reisende treffen könnte, die beim Lycée Bonnevoie umsteigen – eine Haltestelle, die laut dem PNM 2035 noch von einem hohen Takt profitieren sollte. Auch der Mobilitätsplan der Stadt Luxemburg warnt vor einer Verschlechterung der Frequenz. So schneide die Tram aktuell noch gut ab: „In Bezug auf die Reisegeschwindigkeit erhält die Tram selbst in Spitzenstunden die Note C auf einer Skala von A (sehr gut) bis F (Überlastung). Bis Stufe D ist die Verkehrsqualität (Level of Service LOS) annehmbar. Diese sollte auch zu den Stoßzeiten nicht unterschritten werden.“

Den Bau der schnellen Tram nach Esch und später nach Belval sowie des neuen Remisezentrums auf Cloche d’Or stellt – noch – niemand in Frage. Eher gibt es neue Begehrlichkeiten, denn Politiker*innen aus Monnerich fordern eine Haltestelle für ihre Gemeinde. Die schnelle Tram soll ab 2028 zwischen Cloche d’Or und Leudelingen fahren, ab 2030 bis nach Foetz, 2032 bis zur „Metzeschmelz“ in Esch-Alzette und 2035 bis Belval. Zu dem Mammutprojekt gehören nicht nur über 17 Kilometer Straßenbahn mit 13 neuen Stationen, sondern auch eine neue Spur für die Autobahn A4, ein Express-Fahrradweg und mehrere Neubauten von Autobahnkreuzen.

In einer Pressemitteilung bekräftigte Yuriko Backes (DP), das Projekt, das die beiden wichtigsten ökonomischen Zentren des Landes verbinde, „zu 100 Prozent“ zu unterstützen: „Mit der gemeinsam mit der Stadt Luxemburg festgelegten Priorisierung wird unsere Hauptstadt auch bereit sein, die Schnellstraßenbahn auf einer neuen Achse entlang der Route d’Esch zu integrieren, um das Stadtzentrum und Kirchberg direkt zu erreichen.“ Damit unterstrich die Mobilitätsministerin allerdings auch den Willen, die – laut Bausch – komplizierte Trasse durch die Route d’Esch bis 2035 umzusetzen.

Bisher wurde die Geschwindigkeit der „schnellen Tram“ immer mit etwa 100 Stundenkilometern angegeben. Das scheint sich unter der CSV-DP-Regierung geändert zu haben: „über 70 km/h“ ist in der entsprechenden Pressemitteilung zu lesen. Möglicherweise ein weiterer Fakt, der zu mehr Streit über Takte, Linienführungen und die Straßenbahn allgemein führen wird.


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