Ölkatastrophen durch rostende Schiffwracks: Schwarze Tränen in der Arte-Mediathek

Ein Thema, das 2017 in einem Dokumentarfilm behandelt wurde, könnte es bald auch in die Nachrichten schaffen: Die Doku „Vergessene Wracks – Schwarze Tränen der Meere“ zeigt einen Wettlauf gegen die Zeit, bei dem kaum eine Regierung antritt.

Luftaufnahme eines Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg. (FOTOS: WDR/© Längengrad Filmproduktion/Michael Kern)

Die Kamera ist nah dran, als das Forschungsteam um Benedykt Hac vom Marineinstitut Danzig eine Bodenprobe mithilfe eines Greifers aus der Danziger Bucht entnimmt. Auf ihrem Grund liegen die Überreste des deutschen Lazarettschiffs Stuttgart. Seit 1999 ist das fast vergessene Wrack wieder im Gespräch – und zwar als wachsende ökologische Bedrohung für die Region. Bereits unter Wasser zeigt die Kamera, wie sich aus dem Sediment im Greifer dickflüssige dunkle Tropfen formen, die nach oben steigen. Sie sind, was die Forscher*innen als schwarze Tränen des Meeres bezeichnen. An Deck wird klar, dass das Ausmaß der Verschmutzung eine ökologische Katastrophe ist. Seit Jahren weitet sich die verseuchte Fläche am dortigen Meeresboden aus, die Giftgrenzwerte werden um das Tausendfache überschritten. Die Lösung ist eine Geldfrage, aber nicht nur für die polnischen Behörden.

Weltweit gibt es mehr als 8.500 rostende Wracks, deren Schweröl auszulaufen droht. Einige haben bereits einen Teil ihrer Treibstoffladung verloren, wie viel noch in den Schiffsbäuchen gelagert ist, lässt sich nur schätzen. Dies tat die Biologin Dagmar Schmidt Etkin für die US-Behörden. Ihr Ergebnis: 2,5 bis 20,5 Millionen Tonnen. Zum Vergleich kann man auf die fatale Ölkatastrophe der Exxon Valdez 1989 zurückblicken – hier liefen etwa 37.000 Tonnen Öl vor Alaska aus, also nur ein Bruchteil der Menge, die nun auszutreten droht. Die Dokumentation rekonstruiert mit Archivmaterial schlüssig, wie es zu den weltweit tickenden Zeitbomben vor den Küsten kommen konnte. Drei Viertel der gezählten Wracks stammen aus dem Zweiten Weltkrieg. Da also der Großteil dieser Wracks aus dem gleichen Zeitraum von nur sechs Jahren Seekrieg stammt, beginnt für die meisten die kritische Phase der Korrosion zum gleichen Zeitpunkt. Die immer dünner werdenden Schiffswände können dann bereits bei leichtem Druck brechen. Der Handlungsspielraum wird immer knapper. Die Filmemacher*innen zeigen Lösungen auf und dokumentieren die komplizierten Vorgänge, mit denen Öl aus einem Wrack gepumpt werden kann. Was technisch in allen Tiefen möglich ist, ist jedoch kostenintensiv. Pro Schiff fallen mehrere Millionen Euro an. Bei so vielen Wracks lautet die Antwort der meisten Behörden, das Problem sei „zu groß und zu teuer“. Dabei sind die Kosten und Folgen einer Ölpest weitaus höher. Abzuwarten ist fatal, denn in wenigen Jahren könnten Interventionen unmöglich sein.

Ein Greifer des Forschungsteams entnimmt eine Probe des Meeresbodens, die so viel Öl enthält, dass sich dicke Tropfen bilden – die schwarzen Tränen des Meeres. (FOTO: WDR/© Längengrad Filmproduktion/Michael Kern)

Der 50-minütige Film stellt neben dem Wrack der Stuttgart vor Danzig auch Fallbeispiele vor, die vor den USA und Norwegen liegen und lässt Expert*innen verschiedenster Bereiche zu Wort kommen. Norwegen ist bisher das einzige Land welches einige der Wracks vor seinen Küsten hat auspumpen lassen. Die Filmemacher*innen nehmen die Zuschauer*innen mit unter Wasser, in verstaubte Geheimdienstarchive und ins Labor. Dort sorgen chemische Analysen für böse Überraschungen. Die Ölprobe aus einem der deutschen Schiffe ist das Giftigste, was sie dort je untersucht haben. Die Treibstoffprobe war durch ihren besonderen Gestank aufgefallen. Zurückzuführen sind diese Ergebnisse auf Engpässe an Rohöl während des Krieges in Deutschland, wegen derer Öl aus Kohle hergestellt wurde. Das Resultat ist ein besonders gefährlicher Giftcocktail, der bei einem Leck kaum zu neutralisieren wäre.

Am meisten schockiert an der aufschlussreichen Doku, wie unbekannt diese Umweltbedrohung im Gegensatz zu vielen anderen ist. Man muss heute kein*e Klimaaktivist*in sein, um von Mikroplastik gehört zu haben, aber von dieser immer akuter werdenden Gefahr ahnt, wie die Doku selbst angibt, kaum jemand etwas. Der Film ist somit ein interessanter und wichtiger Beitrag zum Umweltschutz und erhielt deshalb auch im gleichen Jahr beim NaturVision Filmfestival 2017 in Ludwigsburg den NaturVision Sonderpreis „Die Stadt und das Meer“.

Vergessene Wracks – Schwarze Tränen der Meere. In der Arte-Mediathek. 
Verfügbar bis zum 15. Oktober 2020.

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