Pandemien vorbeugen, statt nur bekämpfen

Die Gesellschaft versucht die Auswirkungen der Coronakrise in den Griff zu bekommen. Das Leben ist eingeschränkt, der Gesundheit wird oberste Priorität zugemessen. Schadensbegrenzung ist die Devise. Doch wie man in die jetzige Lage gekommen ist, bleibt in der öffentlichen Debatte außen vor.

Die landwirtschaftliche Revolution veränderte alles – ein Monument aus der Grabkammer des Sennudem im alten Ägypten. (The Yorck Project (2002): 10.000 Meisterwerke der Malerei)

Warum entstehen Infektionskrankheiten und wie verhindert man deren Verbreitung? Wie stärkt man sein Immunsystem auf ganz natürliche Art und Weise, um ein Schutzschild vor neuen Erregern und deren Gefahren aufzubauen? Welches sind aktuell die größten gesundheitlichen Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht, und wie bekommen wir diese langfristig in den Griff? Diese Fragen sollten in der derzeitigen Gesundheitskrise eigentlich eine besondere Bedeutung haben, trotzdem stehen sie nicht im Zentrum der Debatte. Die wirksame Vorbeugung von Erkrankungen wie Covid-19 wird kurzfristigen, reaktiven Überlegungen untergeordnet: wo und unter welchen Umständen sollten Masken getragen werden, wie groß ist ein sicherer Abstand zwischen Personen, und wann kommt der lang ersehnte Impfstoff?

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die stets auf die nächste Krise wartet. Ob Finanz-, Klima- oder Coronakrise – die nächste Überraschung kommt bestimmt. Dabei wird immer offensichtlicher, dass viele der Faktoren, die zu diesen Entwicklungen beigetragen haben, von der menschlichen Zivilisation ausgehen und ihren Ursprung in einer besonderen Art des Wirtschaftens haben, wie etwa spekulatives Marktverhalten, ressourcenintensiver Konsum, oder die gnadenlose Ausbeutung von Tieren. Im Folgenden sollen einige wesentliche Verhaltensformen aufgezeigt werden, die ihren Beitrag zur Entstehung und zum Fortbestehen der Coronakrise leisten.

Der Kontakt mit Tieren

Die Wissenschaft ist sich in ihrer großen Mehrheit darüber einig, dass das Coronavirus seinen Ursprung im Kontakt mit Tieren hatte – ob mit der Fledermaus, einem Schuppentier, oder einer anderen Art: Es ist nicht die erste, und wird nicht die letzte Infektionskrankheit dieser Art sein, sofern sich manches nicht ändert. Einige dieser durch Tiere verursachten Krankheiten sind leidlich bekannt: Tuberkulose, Malaria, AIDS, Pest, Masern, Pocken, Cholera, Ebola, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Rinderwahn (BSE), und jetzt SARS-CoV-2 (Corona). Diese Krankheiten beziehungsweise ihre Erreger haben alle ihren Ursprung in der Nutzbarmachung von Tieren. Das Masernvirus bildete sich zum Beispiel aus der mittlerweile ausgerotteten Rinderpest heraus.

Seitdem Menschen vor ca. 10.000 Jahren sesshaft wurden, Landwirtschaft zu betreiben begannen und damit auch die Ressourcen für eine flächendeckende Tierhaltung mobilisierten, waren die häufigsten Todesursachen nicht mehr unbedingt Verhungern, natürliche Feinde oder Kriegsführung. Der Historiker Yuval Noah Harari stellt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ dar, dass es „genau solche ausrottenden Pandemien waren, die uns seit Anbeginn der Agrarrevolution mehrheitlich die Lebensgrundlage genommen haben, als unmittelbare Konsequenz unserer neu entdeckten Art des Wirtschaftens“. Das gesundheitsgefährdende Potenzial des Coronavirus ist dabei nicht annähernd so groß wie jenes von einigen der bereits genannten Erreger, so einschneidend die nun beobachteten Krankheitsverläufe und gesellschaftlichen Maßnahmen für die Gesundheit und Existenz bestimmter Personengruppen auch sein mögen.

Dass die Industriezweige der Tierhaltung auch nach einer bereits ausgebrochenen Pandemie eine perfekte Brutstätte für eine starke regionale Verbreitung von Krankheitserregern darstellen, hat der Schlachtbetrieb Tönnies aus Deutschland eindrucksvoll bewiesen.

Die Gesundheit der Tiere müsste eigentlich mit der der Menschen zusammen gedacht werden, um der Problematik gerecht zu werden. Doch eine solche ganzheitliche Herangehensweise ist nicht in Sicht. So soll ein neues Luxemburger Label für Lebensmittel eine transparentere Ausweisung von Herkunft, Qualität und Nachhaltigkeitskriterien ermöglichen. Bei dessen Vorstellung teilte der federführende Landwirtschaftsminister Romain Schneider (LSAP) auf Nachfrage der woxx mit, dass ein Indikator für Lebensmittel, die Pandemien begünstigen, nicht geplant sei. Zwar erkannte Schneider die Problematik an, scheint jedoch keinen Handlungsbedarf zu sehen. Er versicherte lediglich, dass die „luxemburgische Tierhaltung nicht in einem solch großen Maße vonstattengeht wie anderswo, also ist die Gefahr vermindert“. Angesprochen auf den wenig förderlichen Einfluss tierischer Produkte für die allgemeine Gesundheit blieb ihm nur die Feststellung, dass diese Thematik nicht in den Aufgabenbereich seines Ministeriums falle.

Die Rolle des Immunsystems

Zu hoher Fleischkonsum ist der Gesundheit nicht zuträglich. Mit anderen tierischen Produkten verhält es sich ähnlich. Das gemeinnützige Projekt „nutritionfacts.org“ hat zusammengetragen, wie der Konsum von zu viel Fleisch, Milch und Eiern, sowie vieler industriell hergestellter Produkte, der ausschlaggebende Grund für aktuelle, weitverbreitete gesundheitliche Beschwerden ist. Hinzu kommen giftige Stoffe wie Pestizide, die in die Umwelt freigesetzt wurden. Sie üben im direkten Vergleich zur Ernährungsweise zwar einen geringeren, aber dennoch merklichen Einfluss auf unsere Gesundheit aus. Zusammen mit weiteren gesundheitsschädigenden Verhaltensmustern, die später noch Erwähnung finden, sind sie Ursache für ein geschwächtes Immunsystem. Daraus resultiert eben auch eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten wie Corona.

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes, Krebs, Autoimmunkrankheit und Übergewicht sind hingegen Krankheitsbilder, die ebenfalls vielfach aus unserem Verhalten resultieren, aber im Zuge der Coronakrise an Aufmerksamkeit verloren haben. Leiden, die vor ein paar Jahrhunderten vor allem den Königinnen und Königen zugeschrieben wurden, haben nun Einzug in die Mitte der Gesellschaft gefunden.

Zum ersten Mal hat es eine Spezies geschafft, zu viel zu konsumieren und nicht mehr um jede Nahrungseinheit kämpfen zu müssen. Im Zuge der industriellen Revolution können nun viele vom Überfluss profitieren. Heute sind es sogar tendenziell ärmere Menschen, die zu ungesünderen Lebensmitteln greifen, da diese oft ein erschwingliches Geschmackserlebnis bieten. Zum Konsum tierischer Produkte kam die Verarbeitung von pflanzlichen Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse und Getreide zu Gütern wie Zucker, Öl oder Mehl. Man begann, den natürlichen Salzgehalt von Lebensmitteln durch abgebautes Salz anzureichern, womit die Konzentration ein gesundheitsschädigendes Ausmaß annahm.

Hinzu traten „Erfindungen“ wie die Zigarette, koffein- und alkoholhaltige Getränke und harte Drogen. Stress, sowie Schlaf- und Bewegungsmangel leisten ihr Übriges. Das Resultat ist ein seit dem Zweiten Weltkrieg festzustellender epidemischer Ausbruch der erwähnten Zivilisationskrankheiten, die heutzutage die gesundheitlichen Auswirkungen von Infektionskrankheiten bei Weitem übersteigen. Chronische Beschwerden, die ihren Ursprung in einer bestimmten Lebensweise haben, sind so vielfach für gesundheitliche Beeinträchtigungen und frühzeitiges Sterben in industriellen Gesellschaften verantwortlich.

Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Da wir in ein hochkomplexes Ökosystem verwoben und von diesem abhängig sind, sollten sie das Leben aller Lebewesen ermöglichen. Heutzutage gibt eine Person in Luxemburg laut Statec durchschnittlich nicht einmal mehr 10 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, vor ein paar Jahrzehnten war es noch fast ein Drittel. Die Wertschätzung von Lebensmitteln hat dabei unabhängig von der Einkommensentwicklung abgenommen, wie am vermehrten Einkauf von Billigprodukten zu sehen ist. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

Kein Bezug zur Natur

„Wir leben in einer künstlichen Welt. Die einen leben künstlicher als die anderen. Die meisten Menschen aber haben keinen Bezug mehr dazu, wo ihre Lebensmittel oder sonstigen Konsumprodukte ihren Ursprung haben“, fasst es Mathieu Wittmann von natur&ëmwelt gegenüber der woxx zusammen. Dieses unreflektierte Verhalten führe dann auch zur „Begünstigung von Pandemien anhand von Eingriffen in Wildtierbestände, zum Beispiel durch die Rodung von Urwald für den Anbau von Tierfutter“. Auch Vorhaben wie der nun verworfene Bau einer Joghurt-Fabrik in Bettemburg, die „in keinem Punkt rechtfertigbar war“, trügen zu dieser Entwicklung bei, so Wittmann: „Fage hätte durch die Abhängigkeit zur Tierindustrie indirekt Pandemien begünstigt. Die hergestellte Produktpalette wäre im Allgemeinen weder der Gesundheit, der Ethik, noch der Umwelt zuträglich gewesen. Generell beschwört man mit solchen Vorhaben ein Klima herauf, das nicht mehr auszuhalten sein wird. Habitate werden unbewohnbar, Tierarten sterben aus. Ignorieren wir die rückläufige Entwicklung vieler Arten, wird unserer Spezies früher oder später wohl ein ähnliches Schicksal ereilen.“

Menschen sind ihrer Biologie gemäß dazu programmiert, Lusterlebnisse aufzusuchen, Schmerzen zu vermeiden, und Energie zu sparen. In ihrem erkenntnisreichen Buch „Die Lustfalle“, das 2003 erschien, haben der Psychologe Douglas J. Lisle und der Mediziner Alan Goldhamer das Zusammenspiel dieser drei Komponenten als „Motivations-Triade“ herausgearbeitet. Diese ist mitverantwortlich für das Verhalten aller Lebewesen. Sie bringt uns heute im Zuge unserer technologischen Innovationen aber immer wieder in die Bredouille. Da wir unsere ursprüngliche Umwelt zunehmend verändert haben, können wir unseren Instinkten in vielen Bereichen des Lebens nicht mehr vertrauen. Mehr Kalorienzufuhr in Form von tierischen Produkten und verarbeiteten Lebensmitteln wären vor einiger Zeit noch ein Segen gewesen, ging es doch um den Kampf ums Überleben. Heute sind wir aber an einem Punkt angelangt, wo ein immer Mehr keinen praktischen Sinn mehr ergibt. Geben wir uns mit dem bereits erzielten Wohlstand nicht zufrieden, könnte es bald abermals ums Überleben gehen.

Die langfristigen gesellschaftlichen Folgen der Coronakrise sind noch nicht abzusehen. Angesichts ihres Hintergrundes bleibt aber die Frage, ob wir weiterhin nur Symptombehandlung betreiben wollen oder uns an die Ursachenbekämpfung heranwagen. Dafür muss nicht nur jede und jeder für sich das eigene Verhalten überdenken. Es gilt auch Hand an die grundlegenden Funktionsweisen unseres Wirtschaftssystems zu legen.


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