Konzert: Make Pop Great Again

Diesen Samstag tritt Adriano Lopes Da Silva alias Chaild zum ersten Mal als Main-Act in den Rotondes auf. Gerade in den letzten Monaten war der junge luxemburgische Popmusiker und Komponist immer wieder als Supporting-Act zu sehen, aber sein musikalisches Projekt hat bereits eine kreative Größe erreicht, die einen „abendfüllenden“ Auftritt weit mehr als nur legitimiert.

Pop ist für Chaild definitiv kein Schimpfwort… (Foto: Davide Picci)

Verhärteter könnten die Fronten nicht sein. Sie verlaufen zwischen (auf verbaler Ebene) gewaltbereiten Pop-Hassern und jenen, die allergisch darauf reagieren, wenn man es wagt, ihnen etwas auf dem Plattenteller zu präsentieren, das sie nicht schon in Dauerschleife im Radio gehört haben. Trotzdem bleibt zuweilen unklar, was der oder die jeweils andere überhaupt unter dem Begriff versteht. Für Adriano Lopes Da Silva ist Pop zum einen jenes Genre, das ihn in den 21 Jahren seines bisherigen Lebens begleitet hat. Zum anderen traut er der Musikrichtung aber auch mehr zu als vielleicht so manch andere*r: „Ich mag Pop mit Konsistenz, das heißt reiche Melodien, die dich derart in ihren Bann ziehen und einen Ohrwurm verursachen, der dich nicht mehr schlafen lässt.“

Zwar hat Lopes Da Silva gerade erst begonnen, in Großbritannien „Performing Arts“ zu studieren, mit Komposition sowie Songwriting beschäftigt er sich jedoch schon weitaus länger und übernimmt demnach zahlreiche Schritte in der Entstehung seiner Tracks selbst. Seiner Auffassung nach kritisieren oftmals Menschen dieses Genre, die glauben, dabei handele es sich weder um „richtige“ Musik noch um etwas Künstlerisches, was er wiederum für absolut unzutreffend hält. „Richtig guten Pop zu machen, ist ebenso komplex wie das bei anderen Musikrichtungen auch der Fall ist.“

Es stellt sich durchaus die Frage, ob Luxemburg der richtige Ort für intelligenten Pop ist. Hiesige Urheber*innen von außerordentlich populären Songs glänzen häufig mehr durch den Schweiß auf der Stirn, der im Bierzelt oder auf dem Weinfest entsteht, wenn Massen ihre Plattitüden mitgrölen, als durch raffiniert formulierte Zeilen. Auf der anderen Seite rangieren dann jene, die sich den Sub-Sub-Subgenres verschrieben haben, bei denen der Underdog-Status Pflicht ist, um die Glaubhaftigkeit zu wahren. In einem derartigen Umfeld (und dies bezieht sich durchaus auch auf das Publikum) ist es schwer damit Anhänger*innen zu gewinnen.

Die Überzeugungskraft von Chaild liegt wohl in dem nur scheinbaren Dualismus von totaler Inszenierung und Natürlichkeit. Er liebt es eigenen Aussagen zufolge, sowohl sich zu schminken und seine Kostüme selbst zu entwerfen als auch verträumte Kulissen für seine Videos zu erschaffen. Und dennoch hat seine gewaltige, unverwechselbare Stimme rein gar nichts Gekünsteltes. Sie ist eindringlich, berührt und erlaubt kein Weghören. Wenn er die Bühne betritt und anfängt zu singen, hat es etwas selten Gehörtes, man möchte fast sagen „sanft Betörendes“. Dies gilt nicht nur für seinen Auftritt auf dem letzten Food for Your Senses Festival, bei dem allein durch den Soundcheck Heerscharen an neugierigen Hörer*innen zur Sens’Area strömten, sondern auch für seinen Auftritt auf dem letzte Woche stattgefundenem Sonic Visions.

Eigentlich denkt man ja, dass es bei allem Respekt vor Radioheads „Creep“ irgendwann durch totale Übersättigung unmöglich wird, den Song noch zu ertragen. Sowohl im Original als auch in der abertausendsten Coverversion. Chaild beweist jedoch das Gegenteil in einem auf Youtube veröffentlichten Video – das letzte Woche hochgeladen wurde. Dort sowie auf anderen Plattformen sind ebenso eigene Songs von ihm zu finden, die er sicherlich am Samstag präsentieren wird. Und spätestens, wenn er dann die Bühne für sich hat, kann es kaum mehr heißen: „What the hell am I doing here?
I don‘t belong here.“

Samstag, den 23.11. um 20 Uhr, Rotondes.

 


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