Schlüsselfiguren der Politik der Dreißigerjahre: Albert Wehrer

webexclu201601renee_wehrerWehrer, geboren 1895, war der Sohn eines „Besitzers“. In Jugendjahren hatte er als Mitglied der „Nationalunio’n“ nationalistischem Gedankengut angehangen und sich dabei anscheinend auch nicht an den antisemitischen Äußerungen dieses Vereins gestört. Ab 1919 taucht sein Name auch in den Spalten der Zeitung „D’Natio’n“ auf. Kurze Zeit später wurde er Mitglied des Zentral-Komitees und dessen Sekretär.

Wehrer zeigte auch inhaltliches Engagement, indem er Vorträge zu den „Grundprinzipien des Nationalismus“ hielt. In diesen bezog er sich auf Männer des 19. Jh., wie den demokratischen Nationalisten Mazzini oder den katholischen Nationalisten Déroulède, aber auch auf rechtskonservative, antisemitische Autoren wie den royalistischen Katholiken Maurras und den rechtsnationalistischen Barrès sowie den deklariert antisemitischen Journalisten und Politiker Léon Daudet. Von diesen Autoren übernahm er auch implizit den Rückgriff auf Rassentheorien oder ein essentialistisches Verständnis von Vaterlandsliebe: „La patrie est dans notre âme, dans notre sang. On ne peut ni ne doit l’arracher.“ Wehrer bekannte sich zu einem „positivistischen“ Nationalismus, der die Pflichten des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft vor seine individuellen Rechte stellt, und zur „triple supériorité de l’Ordre, de l’Autorité et de la Hiérarchie.“ Wehrer scheint sich um 1923 von der „Nationalunio’n“ abgewendet zu haben, die ihm vielleicht zu radikal geworden war, und tat sein früheres Engagement als „Jugendsünden“ ab. Er warf Lucien Koenig vor, die „Nationalunio’n“ auf einen faschistischen, an Mussolini orientierten Kurs bringen zu wollen.

Beruflich war Wehrer zunächst Rechtsanwalt, dann Attaché im Außenministerium und kurze Zeit Richter. Seit 1930 war er Regierungsrat im Außenministerium. Wehrer wurde schnell zu Bechs rechter Hand und schrieb zahlreiche Reden für ihn. Ab Februar 1938 bekleidete er den, gesetzlich gar nicht vorgesehenen, Posten eines „Generalsekretärs der Regierung“. So wurde die Zusammenarbeit eines äußerst konservativen Politikers mit einem äußerst konservativen Beamten noch gestärkt. In seiner Freizeit ging Wehrer mit dem belgischen Rechtskatholiken Pierre Nothomb auf die Jagd.

Als Ende 1938 die Niederlande die Initiative ergriffen, um gemeinsam mit anderen europäischen Staaten eine kohärente Flüchtlingspolitik zu verwirklichen, schrieb Wehrer an Bech: „Avons-nous un intérêt à nous joindre à une action internationale? Pour le moment une tendance semble exister à ne plus permettre l’entrée de réfugiés juifs. Une action internationale pourrait nous forcer à rouvrir quelque peu nos frontières et à perdre notre indépendance dans la question.“

1938 wurde Albert Wehrer, neben seinem Amt als Generalsekretär, Luxemburger Geschäftsträger in Berlin. Als solcher war er weit stärker als seine Vorgänger mit der Übermacht des deutschen Nachbarn konfrontiert. Es ist deshalb nachzuvollziehen, dass er sich vielleicht noch mehr als diese aus strategischen Gründen dem Regime gegenüber freundlich verhielt.

Doch wie ist angesichts dessen Wehrers persönliche Distanz zum Naziregime einzuschätzen? Wehrer führte seit 1932 für Luxemburg die Wirtschaftsverhandlungen mit dem Deutschen Reich und erhielt möglicherweise im Zusammenhang mit dieser Aktivität das „Verdienstkreuz vom deutschen Adler, 1. Stufe“. 1938 nahm er als Luxemburger Gesandter am NSDAP-Parteitag teil, 1939 saß er mit Hitler zu Tisch. Als ein Jahr zuvor Konsul Sturm als stellvertretender Geschäftsträger am Reichsparteitag teilnahm, schrieb er an Bech, es seien von 52 in Berlin akkrediterten Missionen nur vier nicht vertreten: „die päpstliche Nuntiatur, die Botschaft der Sowjetrepubliken, die Gesandtschaften von Norwegen und Peru“.

Luxemburgs „low profile“-Strategie gegenüber Deutschland erwies sich am 10. Mai 1940 definitiv als illusorisch. Durch die Entscheidung der Regierung, ins Exil gehen, zerbrach auch die Entente zwischen Bech und Wehrer. Wehrer, der zum Vorsitzenden der „Landesverwaltungskommission“ geworden war, klammerte sich weiterhin an die Hoffnung, dass die Großherzogin zur Rückkehr zu bewegen sei und Deutschland die Entscheidung, Luxemburg als „feindliches Land“ zu betrachten, rückgängig machen würde. In einem Brief an den Konsul Tony Kellen schrieb er am 2. August 1940, er sei „ohne irgendwelche Instruktionen für den Fall der Abreise der Regierung“ gewesen. „Unsere Beziehungen zu den deutschen Truppen, die seit dem 10. Mai das Land besetzen, sind korrekt und gut. Auch mit den Herren, mit denen wir direkt in Verwaltungssachen zu tun haben, haben wir gute Beziehungen und gemeinsames Vertrauen. So hoffen wir, dass wir über die schweren Zeitendes Krieges hinaus in eine glückliche Zukunft hineinkommen.“


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