Sexualerziehung: Wenn „Vulva“ sagen geübt werden muss

Vordergründig ein Projekt zur Sexualerziehung von Kindern, liefert „Wat äntweren?“ Eltern die Grundlagen, um überhaupt einmal offen über Genitalien, Gefühle, Sex und Beziehungsformen zu sprechen.

„Darf ich nackt spazieren gehen?, „Wieso haben manche Kinder zwei Mütter?“, „Muss ich Oma einen Kuss geben, obwohl ich nicht will? – das sind Fragen, die sich viele Kinder irgendwann stellen. Mit „Wat äntweren“ hat das Planning Familial kürzlich ein Pilotprojekt gestartet, das helfen soll Kindern altersgerechte Antworten auf ihre Fragen zu geben.

Anlass zur Initiative gab eine Feststellung der Equipe d’éducation sexuelle et affective (Esa): Wenn Eltern sich erkundigten, wie sie mit ihren Kindern über Sex reden können, kamen immer wieder dieselben Themen auf. Daraus entstand die Idee, ein kostenloses, im Internet verfügbares Angebot pädagogischer Anleitungen auszuarbeiten. Zu diesem Zweck hat die Esa die zwanzig am häufigsten gestellten Themen herausgefiltert: Sie reichen von „Sex“, „Liebe“ und „Grenzziehungen“ bis hin zu „gleichgeschlechtlichen Beziehungen“ und „Geschlechterstereotype“. Auf jedem Blatt findet sich neben Begriffsdefinitionen, Tipps und weiterführende Quellen auch eine Auflistung, welche Themen in welchem Alter angesprochen werden können. Das Ganze ist in französischer und luxemburgischer Sprache auf watantweren.lu verfügbar.

Wie der Titel des Projekts bereits andeutet, steht das Ziel, von den Fragen der Kindern auszugehen, an vorderster Stelle – so zumindest die offizielle Information. Beim Durchlesen der Blätter entsteht zeitweilig ein etwas anderer Eindruck: Die Herausforderung scheint nicht die Sexualerziehung von Kindern zu sein, sondern vielmehr das Coaching der Eltern. So ist etwa eine ganze Seite der Begründung gewidmet, wieso es überhaupt wichtig ist, mit Kindern über Sexualität zu sprechen. Im Dokument „Wat ass Sex?“ wird gleich zu Beginn erklärt, wie damit umgegangen werden kann, wenn Kinder Begriffe wie „Sex“ unvermittelt benutzen. Hier wird geraten: „Keng Panik: Wann Äert Kand d’Thema Sex uschwätzt, da just, well et Iech genuch vertraut, dass Dir drop äntwert“. An mehreren Stellen wird Eltern nahegelegt, das Aussprechen von Begriffen wie „Erektion“, „Vulva“ und „Ejakulation“ vor dem Spiegel zu üben, falls ihnen dabei unwohl ist. Zielgruppe der Blätter scheinen demnach Menschen zu sein, denen es allein schon bei der Vorstellung, über sexuelle und affektive Gesundheit zu sprechen, eiskalt den Rücken runterläuft. Ob diesen mit einer solchen Anleitung geholfen ist, sei dahingestellt.

Auf jedem Blatt ist denn aber auch ein kleiner Teil der tatsächlichen Kommunikation mit dem Kind gewidmet. Hier wird dann etwa geraten, ehrlich auf Fragen des Nachwuchses zu antworten, auch wenn man je nach Alter des Kindes vielleicht noch das eine oder andere Detail weglässt. Es könne hilfreich sein, erst durch eine Gegenfrage den Wissensstand des Kindes in Erfahrung zu bringen, so einer der Tipps. In jedem Fall solle darauf geachtet werden eine Vertrauensbasis aufzubauen und die Privatsphäre der Kleinen zu respektieren.

Die Arbeit an „Wat äntweren?“ ist noch nicht abgeschlossen: Die aktuell 20 Dokumente sollen in den kommenden Jahren konstant um weitere ergänzt werden. Zurzeit ist geplant, Themen wie Inter- und Transgeschlechtlichkeit sowie Scheidung ins Repertoire aufzunehmen. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Leichte Sprache Klaro ist vorgesehen.


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