Stream des Staatsschauspiels Dresden: Jemand Lust auf Dostojewski im Wohnzimmer?

Das Staatsschauspiel Dresden stellt am Samstag eine Aufzeichnung der Inszenierung von Dostojewskis „Erniedrigte und Beleidigte“ zum Streamen bereit. Das Stück wurde gefeiert und ausgebuht. Genauso wie sein Regisseur Sebastian Hartmann.

Dostojewskis Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ diente dem Regisseur Sebastian Hartmann als Inspiration – in seiner Inszenierung ist die Geschichte angeblich nur eine von vielen Ebenen. (Fotos: Sebastian Hoppe)

Haben Sie am Samstagabend schon was vor? Wenn nicht, lohnt sich ein Ausflug nach Dresden. Digital, versteht sich. Das dortige Staatsschauspiel lässt Freikarten für Sebastian Hartmanns Theaterstück „Erniedrigte und Beleidigte“ springen, oder anders ausgedrückt: Das Stück steht am Samstag ab 18 Uhr zum kostenfreien Streaming auf der Website des Staatsschauspiels zur Verfügung – und das für 72 Stunden.

Das Theaterstück geht auf Fjodor M. Dostojewskis 1861 erschienenen, gleichnamigen Roman und die Hamburger Poetikvorlesungen des Dramatikers Wolfram Lotz zurück. Um was es in Dostojewskis Roman geht: Der fiktive Autor Iwan Petrowitsch trifft auf den Zyniker Fürst Walkowski, dessen Familie schon bald in Konflikte gerät. Es kommt zu Liebeswirrungen, die instrumentalisiert werden, und dem sozialen Abstieg der Familie, wie es das Staatsschauspiel auf seiner Website prägnant zusammenfasst. Alle Figuren sind von ihrem verletzten Selbst und der Sucht nach Genugtuung getrieben. Das Stück, das im März 2018 in Dresden Premiere feierte, schaffte es 2019 beim Theatertreffen in Berlin unter die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison im deutschsprachigen Raum.

Der Trailer zum Theaterstück lässt vermuten: Freude daran hat, wer es laut, nackt und wild auf der Bühne mag. Die Schauspieler*innen schreien, wälzen sich nackt auf der Bühne, küssen und umarmen sich, schütten sich einen Eimer Wasser über den Kopf. „Am Ende stehen sie, nass und verschmiert und redlich geschafft, in einem in Dresden lange nicht dagewesenen Gebrodel aus Beifall und Jubel einerseits sowie Buhrufen und frustriert wirkenden Herauseilern andererseits“ auf der Bühne, wie es in einer Rezension des Theaterkritikers Matthias Schmidt auf nachtkritik.de heißt. Der Rezensent selber ist begeistert von dem Stück, nennt es „sehr sehenswert“, am Ende sogar eine neue „Sehenswürdigkeit“ Dresdens. Der Verweis auf die Buhrufe macht allerdings stutzig. Auch der Spiegel-Journalist Sebastian Hoppe spricht in seiner Fotostrecke zum Stück von Buhrufen und Applaus. Wer sich ein wenig in den Karriereverlauf des Regisseurs Sebastian Hartmann einliest, wundert sich nicht über die gemischten Reaktionen zwischen „Furchtbar!“ und „Wunderbar!“.

Hartmann, der bereits in mehreren deutschen Theatern arbeitete und in der freien Szene Stücke inszenierte, polarisiert. In mehreren Beiträgen zu seinem Karriereverlauf wird besonders eine Inszenierung hervorgehoben: die von Eugène Ionescos „Das große Massakerspiel oder Triumph des Todes“ am Schauspiel Frankfurt. Der Schauspieler Thomas Lawinky hatte während der Inszenierung 2006 den Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Gerhard Stadelmeier, beschimpft und ihm seinen Notizblock aus der Hand gerissen. Die Provokation des Publikums, der Aufruf zur Partizipation waren Teil der Inszenierung, doch löste der Angriff des Schauspielers Diskussionen über die Grenzen des Theaters und die Freiheit der Kulturjournalist*innen aus. Generell sei Hartmann für „schwierige, raue Stoffe bekannt“ und seine Abende würden als „schwierig und spröde“ gelten, schreibt Deutschlandfunkkultur in einem Beitrag.

Wer lässt sich also am Samstag auf das Experiment Hartmann ein? Die Aufführung online zu sehen, hat immerhin gleich mehrere Vorteile: Die Schauspieler*innen können einem weder den Notizblock noch den Drink aus der Hand reißen und man kann sich unbemerkt aus dem Raum schleichen, wenn einem das, was auf der Bühne geschieht, dann doch zu viel des Guten ist.

„Erniedrigte und Beleidigte“ läuft am Samstag ab 18 Uhr als Stream auf der Website des Staatsschauspiels Dresden. Das Stück dauert circa 2 Stunden und 45 Minuten.

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