Tierversuche: Das geht auf keine Kuhhaut

Tierversuche für kosmetische Inhaltsstoffe sind in Europa verboten, werden über die Chemikalienverordnung aber trotzdem angeordnet. Die Europäische Bürger*inneninitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ will dem ein Ende bereiten. Angeblich will dies auch die EU-Kommission. Die jedoch ist mitverantwortlich für das fortdauernde Problem – und das seit vielen Jahren.

Einige Unterstützer*innen von „Save Cruelty Free Cosmetics“ stellen die Nützlichkeit von Tierversuchen allgemein in Frage, nicht nur im kosmetischen Bereich. (© Ärzte gegen Tierversuche)

Auf der Packung der Gesichtscreme prangt ein Häschen. Mit gutem Gewissen schmiert man sich die Creme auf Nase und Wangen, denn das Produkt ist „Cruelty Free“. Für die eigene Pflegeroutine mussten also weder Hasen noch Mäuse oder Ratten leiden. Nach einem Blick ins Internet mischt sich unter den Duft der Lotion allerdings die Gewissheit, dass Kosmetik vielleicht doch nicht ganz so tierfreundlich ist, wie gedacht.

Im August letzten Jahres starteten die „European Coalition to End Animal Experiments“ (ECEAE) und weitere Tierrechtsverbände die Europäische Bürger*inneninitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ (EBI). Darin fordern die betreffenden Organisationen die Einhaltung und Stärkung des Kosmetik-Tierversuchsverbots, die Umgestaltung des EU-Chemikalienrechts ohne Tierversuche sowie die Erarbeitung eines konkreten Plans zum europaweiten Ausstieg aus Tierversuchen. Noch bis Ende August 2022 kann man diese Forderungen mit einer Unterschrift unterstützen. Werden auf diese Weise bis Fristende eine Million Unterzeichnungen gesammelt und dabei zugleich in mindestens sieben EU-Ländern bestimmte Schwellenwerte erreicht, muss sich die EU-Kommission mit den Forderungen auseinandersetzen.

All das, obwohl in der Europäischen Union Tierversuche für kosmetische Fertigerzeugnisse seit 2004 und für kosmetische Inhaltsstoffe seit 2009 verboten sind. Seit 2013 gilt zudem ein Handelsverbot für alle Kosmetikprodukte, die an Tieren getestet wurden. Die Tierrechtler*innen brauchen aber nicht etwa Nachhilfeunterricht in EU-Recht, sondern verweisen mit ihrer Initiative auf die Widersprüche zwischen den Verboten und der Chemikalienverordnung Reach, die seit Juni 2007 ebenfalls gilt. Laut der Verordnung dürfen innerhalb Europas nur noch chemische Stoffe in den Verkehr gebracht werden, die vorher geprüft und registriert worden sind. Das gilt zur Zeit auch für Stoffe, die unter anderem in der Kosmetik verwendet werden. Somit ermöglicht die Reach-Verordnung weiterhin Tierversuche für kosmetische Inhaltsstoffe. Die Organisation und Kontrolle des Verfahrens übernimmt die Europäische Chemikalienagentur (Echa). Die Echa rät zur Vermeidung von Tierversuchen, gibt hierfür sogar Tipps, etwa zum Datenabgleich oder zur Weitergabe von Informationen zu alternativen Testverfahren. Gleichzeitig ordnet sie aber auch Tierversuche an, wie ein rezentes Beispiel zeigt.

Schlupfloch Chemikaliengesetz

Ein Beispiel ist die Herstellung von Sonnencreme. Darüber kam es im Jahr 2018 zum Konflikt: Die Echa trug dem deutschen Unternehmen „Symrise“ Studien an Ratten und Hasen auf, um die Toxizität des chemischen UV-Filters Homosalat zu prüfen. Es handelt sich hierbei um einen Stoff, der ausschließlich in der Kosmetik eingesetzt wird. „Symrise“ ging gegen die Anordnung vor, argumentierte mit dem Tierleid, bestehenden Tierversuchsverboten für Kosmetik und verwies auf die befürchtete Schädigung des Firmenimages. Ohne Erfolg: Die Beschwerdekammer der Echa lehnte die Aufhebung der verordneten Tierversuche ab und begründete ihre Entscheidung mit dem Schutz der Arbeiter*innen, die während der Produktion mit der Substanz in Berührung kommen. Der Europäische Gerichtshof, der daraufhin über den Fall beriet, gab der Echa im Juli 2021 Recht.

Im Jahr 2018 legte die EU-Kommission ihren letzten Jahresbericht über Tierversuche zu Forschungszwecken vor. Damals wurden über das ganze Jahr verteilt insgesamt 10,6 Millionen Tiere für die Forschung verwendet. 18 Prozent der Tierversuche fanden, wie im Fall von „Symrise“, zu regulatorischen Zwecken statt, zur Prüfung chemischer Substanzen. Tierversuche sind in der EU in vier Stufen klassifiziert: mild, moderat, schwer und „non-recovery“. In ihrem Dossier „Making the use of animals in science more transparent“ definiert die EU Tierversuche der Kategorie „schwer“ als Tests, die starke Schmerzen, Leiden, Not und moderate Langzeitfolgen bei den verwendeten Tieren verursachen. 2018 wurden auf EU-Ebene 1,06 Millionen Tierversuche dieser Kategorie zugeordnet, darunter acht Prozent der Versuche zur Regulierung chemischer Stoffe. In den Statistiken der EU ist nicht aufgeschlüsselt, wie oft letztere bei der Kosmetikherstellung durchgeführt wurden.

Allein die Möglichkeit, dass ein Zusammenhang zwischen beiden Feldern bestehen kann, ist für Tierrechtler*innen ein Skandal. Tilly Metz spricht der woxx gegenüber von einer Inkohärenz zwischen zwei Gesetzgebungen. „Einerseits besteht das Verbot der Tierversuche für Elemente, die in Kosmetikprodukten sind, andererseits sind wir verpflichtet die Personen, die mit diesen Substanzen in Berührung kommen, zu schützen.“ Es brauche eine Überarbeitung.

Die Reach-Verordnung wird laut Metz ab Ende 2022 umformuliert. Bis dahin bieten die inkohärenten Gesetzgebungen vor allem Großkonzernen weiterhin Schlupflöcher, wie die Tierrechtsaktivistin Michèle Dressel im Gespräch mit der woxx betont. „Als große Firma kannst du es dir zur Zeit noch aussuchen: Du kannst dich hinter dem Chemikaliengesetz verstecken, wenn du noch Tierversuche machst, oder mit vermeintlich tierversuchsfreier Kosmetik werben“, so die Medienbeauftragte bei „Ärzte gegen Tierversuche“. Sie unterstützt die Bürger*inneninitiative: „Das Gesetz muss so wasserdicht sein, dass so etwas nicht mehr möglich ist – Punkt. Ohne Schlupfloch, ohne Grauzone.“ Für kleinere Naturkosmetikhersteller*innen sei diese Situation belastend, sie stünden unter Druck, weil sie alles auf Kosmetik ohne Tierversuche gesetzt hätten.

Understanding Animal Research, CC BY 2.0

Metz betont, dass solche Schlupflöcher eigentlich nicht vorhanden sein dürfen. Sowohl in der Reach-Verordnung als auch in der EU-Direktive zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere von 2010 werde unmissverständlich festgehalten, dass das Ziel der EU „der progressive und endgültige Ausstieg aus den Tierversuchen“ sei. Die Abgeordnete plädiert für die strikte Anwendung dieser Texte und erinnert an eine Resolution des EU-Parlaments, die im September 2021 verabschiedet wurde: Darin wird ein europäischer Aktionsplan zur Abschaffung von Tierversuchen gefordert. Des Weiteren wird die Echa dazu aufgerufen, eine Strategie zur Reduzierung und Ersetzung von Tierversuchen zu erarbeiten. Sie soll zudem unverzüglich gezielt in Methoden zur Prüfung der Toxizität investieren, die ohne Tiere auskommen.

Die Inkohärenz zwischen der Reach-Verordnung und den Verboten von Tierversuchen in der Kosmetik besteht inzwischen seit über zehn Jahren. Tilly Metz bestätigt, dass nicht zuletzt die Lobbyarbeit der betreffenden Unternehmensbranchen dahintersteckt. „Natürlich geht es um Geld, da brauchen wir uns nichts vorzumachen“, sagt sie. „Ich werde auf Twitter heftig attackiert, wenn ich mich gegen Tierversuche ausspreche.“ Sie bestätigt auch, dass die Inkohärenz der beiden Gesetze am politischen Willen, entschlossen gegen Tierversuche vorzugehen, zweifeln lässt: „Die EU-Direktive zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere ist von 2010. Wir sagen also seit zwölf Jahren, dass unser Ziel der Ausstieg aus dem Tierversuch ist.“ Die Praxis sehe indes anders aus: „Die Zahlen zeigen, dass jährlich nach wie vor Millionen von Tieren für Tierversuche verwendet werden.“

Alternativen und Wimperntusche

Metz weiß viele Alternativen zu Tierversuchen in der Medizin aufzuzählen. Deren Effizienz wird vom „Animal Experimentation Ethics Committee“ (AEEC) der Universität Luxemburg allerdings relativiert. Besonders in der Grundlagen- und präklinischen Forschung sei es zur Zeit unmöglich, komplett auf Tierversuche zu verzichten, versichert das Komitee auf Nachfrage der woxx. Zugleich bestätigt man, dass es durchaus Forschungsmethoden ohne Tierversuche gibt, zum Beispiel in vitro oder durch Computeranwendungen. Das „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ und das „Department of Life Sciences and Medicine“ der Universität Luxemburg seien bei der Entwicklung von Alternativen ganz vorne mit dabei. „Trotzdem können alle verfügbaren Modelle, die einen lebenden Organismus nachbilden, nie die Komplexität eines kompletten, lebenden Säugetiers nachstellen, geschweige denn die Entstehung und die Entwicklung von Krankheiten“, so das AEEC.

Das Komitee gewährleiste, dass die Tierversuche an der Universität Luxemburg mit der nationalen Gesetzgebung zum Schutz von Tieren, die für Forschungszwecke verwendet werden, und dem Tierschutzgesetz übereinstimme, versichert man beim AEEC. Laut einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums wurden 2020 in Luxemburg insgesamt 5.457 Tiere für Forschungszwecke genutzt. Der Großteil waren Mäuse (87,50 Prozent) und wurden zur medizinischen Grundlagenforschung (72,62 Prozent) verwendet. Luxemburg verfolge, so das AEEC, in Sachen Tierversuche das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine). Hiernach sollen Tierversuche nach Möglichkeit durch andere Methoden ersetzt, die Anzahl von Tests an Tieren reduziert und das Leid von Labortieren vermieden werden.

Für Michèle Dressel und Tilly Metz sind Argumente wie die vom AEEC schwer nachvollziehbar. Sie fragen sich, inwieweit Erkenntnisse, die durch Tierversuche gewonnen werden, überhaupt auf den Menschen übertragen werden können. Das Thema wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Im Hinblick auf Kosmetik stellt das bestehende Verbot von Tierversuchen klar: Sie sind verzichtbar. Schlussendlich stellt sich die Frage, wie wichtig die Stoffe sind, für die die Echa Tierversuche einfordert, weil es keine alternativen Prüfungsverfahren gibt. Könnte, zumindest im kosmetischen Bereich, auf ihren Einsatz verzichtet werden? Das sind Fragen, die auch Tilly Metz umtreiben, die sich trotz aller Widrigkeiten weiter gegen Tierversuche einsetzen will: „Brauchen wir für Wimperntusche noch so viel Innovation, die Leiden verursacht? Das ist eine entscheidende Frage.“

Auf forum.lu gibt es ein Interview mit Michèle Dressel über die EBI „Save Cruelty Free Cosmetics“ mit Fokus auf die Bürger*inneninitative, geführt von Isabel Spigarelli.

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