Umfrage des SEW: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Das SEW/OGBL versucht mit einer weiteren Umfrage den Druck auf Claude Meisch zu erhöhen. Zu diesem Zweck scheut sich die Lehrer*innengewerkschaft nicht, Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen.

© Mohamed Mahmoud Hassan / publicdomainpictures.net

Personalmangel, unzureichende Infrastrukturen, schwer in die Praxis umzusetzende Reformen und ein Minister, der sich zu wenig mit den Bedenken auseinandersetzt – in der luxemburgischen Bildungslandschaft läuft ohne Zweifel so einiges schief und das Syndikat fir Erzéiung a Wëssenschaft (SEW) wird nicht müde, auf die zahlreichen Schwachstellen hinzuweisen. Nachdem im Juni die Ergebnisse einer Umfrage vorgestellt wurden, die eine schlechte Stimmung der Lehrkräfte im Fondamental bescheinigten, wurden am heutigen Mittwoch die Resultate ihrer Kolleg*innen des Secondaire präsentiert.

Dort ist die Stimmung besser, wenn auch nicht wesentlich. Lehrkräfte und Referendar*innen im Secondaire sind zufriedener und haben weniger Probleme mit den Schulleitungen als ihre Kolleg*innen im Fondamental. Es gibt aber auch Bereiche, wo die Reaktionen auf beiden Ebenen gleichermaßen schlecht sind: Die empfundene Belastung ist hoch, der Einfluss des Berufes auf die Gesundheit schlecht und die Nützlichkeit des Referendariats wird von der Mehrheit gering eingeschätzt.

Insgesamt ist jedoch fraglich, ob sich das SEW mit der Umfrage selbst einen Dienst erwiesen hat. Patrick Arendt sprach darüber, wie kontraproduktiv es sei, wenn Eltern, Lehrkräfte und Erzieher*innen sich, wie so oft, gegenseitig die Schuld an bestehenden Problemen zuschieben. Die Probleme seien immerhin einzig und allein auf unzureichende Ressourcen und mangelnden politischen Willen zurückzuführen.

Auf Nachfrage der woxx, ob Fragen wie „Gëtt de Beruff vum Enseignant vun der Gesellschaft respektéiert?“ oder „Hunn d’Enseignaten am Allgemengen d’Vertraue vun den Elteren?“ nicht ebenfalls zu einer Verhärtung der Fronten beitragen würden, kam eine eher unbefriedigende Antwort: So könne man es auch interpretieren, das sei aber nicht die Absicht hinter diesen Fragen gewesen. Man habe es den Befragten so leicht wie möglich machen wollen und deshalb bewusst Fragen gestellt, die sich eindeutig positiv oder negativ beantworten ließen, so Arendts Erklärung.

Über die angestrebte Simplistik mag man sich wundern, verlangt es doch keine unwesentliche Denkleistung von den Teilnehmenden, den Unterschied zwischen „Fillt dir iech an ärem Beruff unerkannt“ und „Fillt dir iech an ärem Beruff respektéiert“ auszumachen. Das ist nur eines von vielen Beispielen für die vielfältig interpretierbaren Fragen und Antwortmöglichkeiten, die wir ebenfalls bereits im Artikel „Eine Frage des Respekts“ thematisiert haben.

Davon abgesehen sind einige der abgefragten Bereiche dermaßen komplex, dass ein Multiple-Choice-Fragebogen ihnen nicht im geringsten gerecht werden kann. Es ist klar, dass es der Gewerkschaft darum ging, ein Stimmungsbild zu liefern und nicht, eine wissenschaftliche Studie anzufertigen. Doch es wird hingenommen etwaige Ressentiments zwischen den einzelnen Akteuren zu verhärten, nur um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Immerhin kann nicht nur Meisch nachlesen, dass sich Lehrkräfte von Eltern, Schüler*innen, Medien und Gesellschaft nicht respektiert fühlen – jede*r einzelne kann das. Derart pauschalisierend formuliert wird potenziell jede*r in unserer Gesellschaft einer negativen Einstellung Lehrkräften gegenüber beschuldigt, ohne sich in irgendeiner Weise dagegen wehren zu können.

Ähnlich einzuordnen ist die Aussage Arendts, Eltern müssten wieder in die Verantwortung gezogen werden. Sie müssten unbedingt wieder mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und die Verantwortung nicht einfach an die Schule und Maisons Relais abgeben. Als die woxx nachhakte, wie diese Forderung zu verstehen sei, ruderte Arendt zurück: Durch Arbeitszeitverkürzung müsste Eltern die Chance gegeben werden, sich verstärkt mit ihren Kindern zu beschäftigen. Die leicht veränderte Formulierung hatte zum Resultat, dass nicht mehr die Eltern, sondern die politischen Verantwortlichen kritisiert wurden. Einen solchen nuancierteren Sprachgebrauch wird sich das SEW angewöhnen müssen, wenn es sich keine unnötigen Feind*innen machen will.


Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.