UNI LETZEBUERG: Der vergessliche Rektor

von | 24.02.2011

An der Uni werden neue Gehaltstabellen eingeführt. Gekürzt wird zwar nur in zwei Kategorien, dafür jedoch deutlich gravierender als es zunächst den Anschein hatte. Der Vorgang zeigt: Die Lohnpolitik an der Uni bleibt alles andere als transparent.

Von Richard Graf und Danièle Weber

FĂĽr Collaborateurs scientifiques und Assistant-chercheurs,
die in Forschungsprojekten arbeiten,
gibt die Uni in Zukunft weniger Geld aus.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht in den Gängen der Forschungszentren an der Uni Luxemburg. VerkĂĽndet hatte sie Vizerektorin Lucienne Blessing in einer E-Mail an die ProfessorInnen. Angehängt war eine neue Gehaltstabelle, die erläuternde Nachricht fiel knapp aus: Diese Tabelle sei kĂĽnftig fĂĽr alle Projekte anzuwenden, so die Vizerektorin. Die Ă„nderungen beträfen in erster Linie die Gehaltskosten fĂĽr „Collaborateurs scientifiques“ und fĂĽr „Assistant-Chercheurs“. FĂĽr diese Kategorien gebe es kĂĽnftig nur je eine Gehaltsklasse, die nicht mehr abhängig von Alter und Berufserfahrung sei. FĂĽr bestehendes Personal solle man sich bitte ausschlieĂźlich an die alten Tabellen halten.

Geheime Gehaltstufen

Erst nach genauerem Studium der Zahlen wurde klar: In den beiden genannten Kategorien werden kĂĽnftig deutlich niedrigere Löhne ausbezahlt als bisher. Kein Wunder also, dass diese Nachricht, die ohne VorankĂĽndigung in den Mailboxen der Projektleiter gelandet war, fĂĽr Aufregung sorgte. „Die meisten hier sind empört“, sagt ein Uni-Mitarbeiter, der lieber nicht genannt werden will, gegenĂĽber der woxx. Das gelte auch fĂĽr jene, die nicht direkt betroffen sind und unbefristete Verträge haben. Die MaĂźnahme trägt zur allgemeinen Verunsicherung bei. „An der Uni weiĂź niemand, was der andere verdient“, sagt er, vor allem bei den älteren Verträgen sei bei den Einstufungen „so manches durcheinander gelaufen“. „Es gibt unzählige Sonderregelungen, die nirgendwo schriftlich festgehalten sind“, so der Mitarbeiter. Lange Zeit sei darĂĽber kaum geredet worden. „Erst seitdem die Personaldelegation gegrĂĽndet wurde, besteht das Interesse, sich intern auszutauschen.“

Die Personaldelegation gibt es an der Uni erst seit Anfang 2009. Von den nun eingefĂĽhrten Gehalts-Ă„nderungen ahnte auch sie nichts. Zwei Tage bevor die besagte E-Mail verschickt wurde, informierte man die Präsidentin der Delegation. Nach einer Woche Wartzeit und erst auf mehrere Anfragen hin habe man die betreffenden Unterlagen schlieĂźlich erhalten, heiĂźt es in einem Brief, den die Delegation Mitte Februar an den Rektor schickte. Darin wird unter anderem auf den Artikel L.414-4 im Code du travail verwiesen. Demnach ist der Arbeitgeber dazu verpflichtet, die Personaldelegation ĂĽber eventuelle Ă„nderungen in den Arbeitsverträgen zu informieren. Die Entscheidung sei somit „entachĂ© de nullitĂ©“, so die Delegation und fordert die sofortige RĂĽcknahme der MaĂźnahme sowie eine grundlegende Debatte ĂĽber die Gehälterstruktur an der Uni. Die Verhandlung ĂĽber einen Kollektivvertrag sei der per Gesetz fĂĽr solche Fälle vorgesehene Rahmen, so der Hinweis.

„Keinem Mitarbeiter an der Universität wird das Gehalt gekĂĽrzt“, beschwichtigte die Universitätsleitung via Pressemitteilung, nachdem der zitierte Brief an die Ă–ffentlichkeit gelangt war. Die Hochschulleitung wolle „möglichen Missverständnissen vorbeugen“. Dieselbe Mitteilung wurde an alle Uni-Mitarbeiter verschickt, denen darin erstmals eine BegrĂĽndung fĂĽr die MaĂźnahme geliefert wurde. Ziel sei es, „die Gehälter an die national und international in diesen Positionen ĂĽblichen Höchsttarife anzupassen“.

KĂĽrzungen von bis zu 25 Prozent

Eine BegrĂĽndung, die sich nicht in jedem Fall halten lässt. Denn die KĂĽrzungen fallen deutlich höher aus, als es die Uni-Leitung verlauten lieĂź. In einem Interview auf RTL-Radio sprach der Rektor etwa von einer Differenz von zehn bis zwölf Prozent des Bruttolohns. Nach einem Vergleich der alten und neuen Tabellen, mĂĽssen diese Zahlen jedoch nach oben korrigiert werden. Tatsache ist auch, dass diese Gehaltsstufen zumindest im nationalen Vergleich längst nicht unbedingt aus dem Rahmen fallen. Zwei Beispiele: Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Universitätsdiplom, der keinen Doktortitel inne hat, verdient derzeit monatlich rund 5.200 Euro brutto. Er wird im Vergleich zur alten Tabelle bis zu 1.000 Euro brutto weniger verdienen und landet dann bei monatlich ca. 4.200 Euro brutto. FĂĽr einen höher qualifizierten „Collaborateur scientifique“ mit Doktortitel werden kĂĽnftig monatlich rund 5.200 Euro veranschlagt. Das bedeutet im Vergleich zu den jetzigen Projekt-Budgets, je nach Alter und Berufserfahrung des Angestellten, eine monatliche KĂĽrzung von 800 bis 1.800 Euro.

Die neue Regelung gelte nur fĂĽr Verträge, die nach dem 1. April 2011 „mit neuen Mitarbeitern“ abgeschlossen werden und auch nicht fĂĽr Vertragsverlängerungen, so die Erklärung der Uni-Leitung. Diese Richtigstellung verkennt allerdings einen Teil des Uni-Alltags. Der nämlich sieht fĂĽr viele Projektmitarbeiter mit befristetem Arbeitsvertrag so aus: Nach einer fĂĽnfjährigen Mitarbeit in einem Projekt in aufeinander folgenden „Contrats Ă  durĂ©e dĂ©terminĂ©e“ (CDD), muss der Betroffene eine Zwangspause von einem Jahr einlegen, da ihn die Uni sonst laut Arbeitsrecht fest anstellen mĂĽsste. Erst dann kann das nächste Projekt folgen, mit einem weiteren CDD – und den nun beschlossenen GehaltseinbuĂźen.

Nicht allein die Tatsache, dass die MaĂźnahme ohne Diskussion umgesetzt wurde, sorgt an der Uni fĂĽr Unmut. Man habe erst umständlich recherchieren mĂĽssen, um dann herauszufinden, dass die neuen Gehälter „dans des conditions obscures“ vom Conseil de Gouvernance bereits am 13. September 2008 beschlossen wurden, schreibt die Personaldelegation in ihrem Brief. In der Tat wird der besagte Beschluss im Bericht des Conseil, den das Personal ĂĽber das Intranet der Uni bekam, mit keinem Wort erwähnt. Lediglich in einem internen Bericht, der nur einem kleinen Kreis zugänglich ist, wird die Diskussion ĂĽber die Ă„nderungen in Bezug auf die so genannten Post-Doc-Gehälter beschrieben.

Dort kann man auch erfahren, dass die Uni-Leitung die Maßnahme bereits zum 15. September 2008 umsetzen wollte. Und dass man im Hinblick auf bereits existierende Verträge einen Spezialisten in Sachen Arbeitsrecht befragen werde. Letzteres hatte der Regierungskommissar dem Conseil in besagter Sitzung angeraten und auch darauf hingewiesen, dass solche Gehaltsänderungen der Zustimmung des Ministers bedürfen.

Keine lebenswichtige MaĂźnahme

„Ich habe damals dem Kommissar mitgeteilt, dass ich mit der KĂĽrzung laufender Verträge nicht einverstanden bin“, sagte vergangene Woche der Hochschulminister François Biltgen gegenĂĽber RTL-Radio. Seine Aussagen und auch die des Rektors können die verworrene Geschichte rund um die Gehaltsänderungen nicht restlos aufklären. Als Mitte September 2008 an der Uni GerĂĽchte ĂĽber KĂĽrzungen aufkamen, kam das öffentliche Dementi des Ministers. Die Anfrage der Uni zur Genehmigung der neuen Gehälter wurde dann erst zwei Jahre nach dem Beschluss des Conseil an den Minister gesandt. Wieso so lange warten, wenn man es doch vorher so eilig hatte? Rektor Rolf Tarrach sagte dazu im RTL-Interview: Er habe es „verschwitzt“, den entsprechenden Brief an den Minister zu schicken, die Sache sei fĂĽr ihn „auch nicht lebenswichtig“ gewesen. Dass er es die ganze Zeit ĂĽber auch nicht fĂĽr nötig hielt, die Personaldelegation mit einzubeziehen, fĂĽhrt er auf einen kritischen Brief zurĂĽck, den er Anfang 2010 erhielt. Seitdem findet an der Uni kein Sozialdialog mehr statt. Er sei „sehr, sehr enttäuscht“, so die Erklärung des Rektors, und es läge auch in der Verantwortung der Delegation, den Dialog wieder aufzunehmen.

Auch diese Aussage trägt sicher nicht dazu bei, ein fruchtbares Klima für die Wideraufnahme des Dialogs herzustellen. Dabei war besagter Brief, anders als von Rolf Tarrach behauptet, gar nicht von der Personaldelegation der Uni, sondern von einigen OGBL-Mitgliedern unterzeichnet. Wie es nun weiter geht, ist offen. Zumindest kündigte auch François Biltgen vergangene Woche an, das Ministerium werde der Sache nachgehen und überprüfen, ob die Prozeduren des Sozialdialogs eingehalten wurden.

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