Venedigs Filmfestival im Spiegel der Gegenwart: Der Lido als WeltbĂŒhne

von | 04.09.2025

Mit den 82. Internationalen Filmfestspielen in Venedig wurde kĂŒrzlich das Ă€lteste Filmfestival der Welt erneut eröffnet. Die glamouröse Veranstaltung am Lido ist mehr als nur ein Fest der Premieren: Sie ist ein Prisma, in dem sich Pomp, Macht und Kunst in immer neuen Brechungen spiegeln.

Schwarze Komödie, historisches Drama oder doch lieber Monsterfilm? Den Besucher*innen der Filmfestspiele in Venedig wird ein buntes MenĂŒ an Filmen serviert. (Foto: Marc Trappendreher)

Als die sogenannte „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica di Venezia“ 1932 gegrĂŒndet wurde, sollte damit der Film endgĂŒltig in den Rang der KĂŒnste erhoben werden. Und auch wenn damals noch niemand von „Nation Branding“ sprach, diente die festliche Großveranstaltung gleichzeitig der Selbstdarstellung Italiens. Dass das Festival schon in seiner zweiten Ausgabe die „Coppa Mussolini“ als Preis verlieh, verweist ĂŒberdies auf den Schatten seiner politischen Instrumentalisierung. Die rationalistischen GebĂ€ude am Lido, noch immer Schauplatz der VorfĂŒhrungen, sind steinerne Zeugen dieser Vergangenheit.

Das Casino am Lido, das sich nur wenige Schritte von der Adria entfernt gegen den Himmel erhebt, ist ein bedeutendes Beispiel des Modernismus in der Zwischenkriegszeit. Errichtet 1938 im Stil des italienischen Rationalismus, wirkt es auf den ersten Blick fast wie ein Regierungspalast: eine streng gegliederte, helle Fassade, kubische Formen und breite Fensterachsen, die zugleich Schwere und Klarheit ausstrahlen. Doch ungeachtet dieser Vergangenheit war die Mostra stets auch ein Raum der Offenheit. Sie brachte italienische Werke mit internationalen Strömungen in Dialog, war BĂŒhne fĂŒr Entdeckungen und Kontroversen. Gerade in ihrer Doppelfunktion – zwischen nationalem Schaufenster und kĂŒnstlerischem Labor – liegt ihre besondere historische Tiefe.

Zwischen Faszination und Abgrenzung

Über Jahrzehnte schwankte das Filmfestival von Venedig zwischen einer distanzierten Haltung zu Hollywood und dessen Bewunderung: Zum einen galt das Kino als kĂŒnstlerische Ausdrucksform, die sich von der standardisierten Serienproduktion der Filmindustrie deutlich unterschied, zum anderen blieb eine unĂŒbersehbare Faszination fĂŒr Hollywood bestehen. Bis in seine jĂŒngste Vergangenheit hinein hat die Mostra diesen mitunter als Widerspruch wahrgenommenen Umstand produktiv gewendet: Sie öffnete sich den Streaming-Giganten wie Netflix und wurde so zum zentralen Scharnier zwischen der europĂ€ischen Filmkunst und der amerikanischen Vermarktungslogik. Nicht zufĂ€llig folgen die Oscars dem Takt, den Venedig vorgibt. Gleichzeitig behauptet sich das Festival als kosmopolitisches Forum. Die diesjĂ€hrige Auswahl der Filme im Hauptwettbewerb bestĂ€tigt diese programmatische Haltung. Sie wirkt wie ein Panorama der Gegenwart, in dem geopolitische Verwerfungen, existenzielle Fragen und intime Geschichten ineinanderfließen.

Im Zentrum stehen dabei Filme, die das VerhĂ€ltnis von individueller Erfahrung und politischer RealitĂ€t mit unterschiedlicher Tonlage verhandeln. Olivier Assayas bietet mit „The Wizard of the Kremlin“ ein Politdrama, das den Aufstieg Wladimir Putins durch die Augen eines fiktiven Beraters nachzeichnet. Macht, Manipulation und LoyalitĂ€t bilden die Koordinaten eines Films, der unweigerlich an die brennenden Fragen der geopolitischen AktualitĂ€t rĂŒhrt.

Einen deutlich leichteren, wenngleich nicht weniger melancholischen Ton schlĂ€gt Noah Baumbach mit „Jay Kelly“ an. George Clooney gibt einen alternden Hollywoodstar, der sein Leben neu zu ordnen versucht – ein Unterfangen, das an Komik ebenso reich ist wie an Wehmut. Hinter den ironischen Dialogen verbirgt sich eine gutwillig angedachte Meditation ĂŒber IdentitĂ€t, VergĂ€nglichkeit und das Bild des angegrauten Filmstars, der sich selbst in der Erinnerung zu verlieren droht.

„Bugonia“ ist eine skurrile Science-Fiction-Schwarzkomödie von Yorgos Lanthimos, in der zwei verschwörungsbesessene MĂ€nner, gespielt von Jesse Plemons und Aidan Delbis, eine mĂ€chtige Pharmachefin (Emma Stone) entfĂŒhren, weil sie ĂŒberzeugt sind, sie sei eine außerirdische Bedrohung fĂŒr die Menschheit. Die Geschichte, ein Remake der sĂŒdkoreanischen Kultkomödie „Save the Green Planet!“ (2003), nutzt die surreale EntfĂŒhrung als satirischen Spiegel fĂŒr aktuelle globale Herausforderungen – von Klimawandel ĂŒber technologische Macht bis hin zu politischer Paranoia.

Jim Jarmusch kehrt nach sechs Jahren mit einem leisen, doch tiefgrĂŒndigen Triptychon zurĂŒck. „Father Mother Sister Brother“ entfaltet seine melancholisch-komische Magie in drei Episoden, die in New Jersey, Dublin und Paris spielen – jedes Kapitel eine zarte Studie ĂŒber entfremdete Eltern-Kind-Beziehungen und das Ringen mit unausgesprochenen GefĂŒhlen. Neben Adam Driver, Tom Waits und Cate Blanchett ist auch Vicky Krieps in einem aufgeladenen Wiedersehen mit der distanzierten Film-Mutter Charlotte Rampling zu sehen.

Frankenstein feiert sein Comeback

Guillermo del Toro wiederum greift auf die Urmythen des Kinos zurĂŒck. Seine Version von Frankenstein rĂŒckt weniger das Monsterhafte als das Tragische in den Mittelpunkt. Oscar Isaac verkörpert den getriebenen Schöpfer, Jacob Elordi die Kreatur, deren Missverstehen zu einer Allegorie auf Hybris und das menschliche BedĂŒrfnis nach Zugehörigkeit wird.

Mit „Orphan“ (Árva) liefert LĂĄszlĂł Nemes eine eindringliche, bildstarke Allegorie auf Ungarns Nachkriegsgeschichte – und auf den ĂŒbermĂ€chtigen „Vater“, der in Gestalt Stalins bis in die intimsten FamilienverhĂ€ltnisse hineinreicht. Das Drama, getragen von einem atmosphĂ€risch dichten 35-mm-Bildgewand, erzĂ€hlt die Geschichte vom zwölfjĂ€hrigen Andor, der in einem Waisenhaus nach dem gescheiterten Volksaufstand von 1956 lebt. Der Junge muss seine IdentitĂ€t neu definieren, als ein brutaler Fremder behauptet, sein leiblicher Vater zu sein.

Park Chan-wook schafft mit „No Other Choice“ eine rabenschwarze Satire, die als scheinbar skurrile Komödie beginnt und sich zu einem beunruhigenden PortrĂ€t gesellschaftlicher VerhĂ€rtung entwickelt. Der Protagonist, You Man-su (Lee Byung-hun), verliert nach 25 Jahren seinen Job in einer Papierfabrik – und bastelt einen absurden Plan: Er schaltet potenzielle Konkurrent*innen auf brutale, aber bizarr komische Weise aus, ein verstörender Ausdruck seiner Effizienz und kreativen Kompetenzen. Park nutzt traumartig ĂŒberzeichnete Szenen und ungemein klarsichtigen schwarzen Humor, um in grotesken Sequenzen die Auswirkungen von Automatisierung und Arbeitslosigkeit auf IndividualitĂ€t und Familie zu zeigen. Gemeinsam bilden diese Werke, auch der historischen Stoffe ungeachtet, eine brisante Landkarte der Gegenwart: von den MachtkĂ€mpfen Moskaus ĂŒber die Wiederentdeckung des Prometheus-Mythos bis zu den VersagensĂ€ngsten in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Was macht die besondere Aura dieses Festivals aus? Es ist die FĂ€higkeit, gleichzeitig Spiegel und BĂŒhne zu sein: Spiegel einer Welt, die von Krisen, Ungleichheiten und Hoffnungen durchzogen ist; BĂŒhne fĂŒr Filme, die Fragen stellen, Debatten provozieren und Emotionen freisetzen – Film als ein Medium der Erinnerung, ein Raum der Empathie und eine Sprache, die trotz nationaler Grenzen verstanden wird. Zwischen den Marmorbauten des Lido, auf dem roten Teppich und in den abgedunkelten SĂ€len trifft sich die Welt – nicht um Antworten zu finden, sondern um das gemeinsame Fragen zu feiern. So behauptet Venedig seine Rolle als Herzschlag des internationalen Kinos: glamourös, traditionsbewusst und zukunftsoffen. Ein Festival, das die Vergangenheit nicht verdrĂ€ngt, sondern als Hintergrund nutzt, um die Gegenwart umso schĂ€rfer zu beleuchten.

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