Backcover: „Ein Teil von mir selbst erscheint im Foto“

von | 21.08.2026

Ob Demos, die olympischen Spiele oder Fußball: Für die Backcover der woxx hat die Fotografin Tessy Troes ihr Archiv durchwühlt. Im Gespräch erzählt sie über ihre Leidenschaft für Sport, Kultur und Dokumentarfilme.

Eine Frau steht hinter einer Gruppe von Menschen und hält eine Filmkamera in der Hand. Vor ihr sitzen drei Frauen um einen Tisch, es sind Schauspielerinnen, die gerade eine Szene proben.

Tessy Troes auf dem Filmset für den Film „The Dansant“. Die Filmemacherin arbeitet gerade an zwei neuen Projekten. (Copyright: Theophile Thierry)

woxx: Tessy, Sie waren jahrelang als Journalistin, unter anderem für Sport, aktiv: Würden Sie sich immer noch als solche beschreiben?

Tessy Troes: Eher nicht. In den vergangenen Jahren habe ich angefangen, zusehends in den Bereichen Fotografie, Podcast und der Produktion von Filmen zu arbeiten. Meine journalistische Erfahrung hilft mir aber weiterhin. Die meisten Leute im Filmsektor kommen eher von Filmschulen. Da merke ich schon einen Unterschied in der Herangehensweise, vor allem bei Dokumentarfilmen. Für die recherchiere ich beispielsweise viel und mache viele Vorgespräche. Mich interessiert deshalb auch vor allem der dokumentarische Aspekt in solchen Projekten.

Wie kam für Sie der Wechsel weg vom Journalismus?

Der wichtigste Moment war für mich mein Dokumentarfilm „Um Ball“, in dem ich versuche, 50 Jahre Frauenfußball in Luxemburg abzubilden. Damals habe ich noch teils bei „Radio 100,7“ gearbeitet, doch nach der Doku habe ich gemerkt, dass ich schon lange mit dem Gedanken gespielt hatte, selbstständig zu arbeiten und habe dies dann auch getan. Ich finde es einfach spannender, die Projekte selbst aussuchen zu dürfen. Klar habe ich auch lange gezögert, denn ich arbeite auch gerne mit anderen und das ist auf einem Dreh nochmal anders als in einer Redaktion. Nun kann ich mir mein Team für jedes Projekt selbst aussuchen, und das gefällt mir gut.

Machen Sie lieber Fotos oder Filme?

Das ist schwierig! Ich würde sagen, ich mache lieber Fotos. Mittlerweile fotografiere ich schon seit 20 Jahren, seit ich eine Teenagerin war.

„Beim Drehen wird andauernd verhandelt, weil man Erwartungen klar machen und erfüllen muss.“

Was gefällt Ihnen an der Disziplin besonders?

Das dokumentarische daran, und dass man in den kleinsten Momenten eine schnelle Entscheidung treffen muss – zu dem, was man sieht aber auch zu der Person, die man gerade ist. Vor allem bei Demos – in Katalonien oder in Lützerath beispielsweise – habe ich mich oft gefragt: Wer bin ich gerade in diesem Ort? Wie lese ich die Situation? Man porträtiert Geschehnisse so, wie man sie empfindet. Deshalb gehört für mich immer die Überlegung hinzu, wie man als Fotografin zu etwas steht. Weil unweigerlich die eigene Meinung mit einfließt. Als Fotografin erscheint ein Teil von mir selbst im Foto. In Lützerath war ich zum Beispiel nur einige Tage lang dort, gegen Ende der Proteste, als vielen schon klar war, dass der Ort so nicht weiter bestehen würde. Dies erkennt man in meinen Fotos.

Und wie ist es bei einem Dreh?

Nun, beim Fotografieren kann man bloß das Bild an sich kontrollieren. Im Dokumentarfilm ist es anders: Man arbeitet in einem Team mit mindestens zwei oder drei Personen zusammen, deshalb kommt die Szene ganz anders zustande. Beim Drehen wird andauernd verhandelt, weil man seine Erwartungen an die Interviewpartner verständlich machen und erfüllen muss. Deshalb mag ich es, dabei so nah am Geschehen dran zu sein, wie nur möglich.

Die Fotografie ermöglicht also eine direktere Beobachtung?

Ja. Ich bin ein großer Fan davon, zu versuchen, eine Geschichte in einem Bild zu erzählen. Vor allem Pressefotografen müssen ja in einem einzigen Bild eine konkrete Aussage machen. Ein Foto kann alles aussagen, was du in dem Moment erzählen möchtest. Das ist mit ein Grund, warum mich unsere Sportkultur als Thema so sehr interessiert. Man kann zuallererst die typischen Fotos abhaken – wer an dem Tag gewonnen hat, zum Beispiel. Hier spielt Ästhetik eine große Rolle, weil die Leute Sport mitverfolgen, um den Besten der Besten zuzuschauen. Dann kann man aber auch den interessanteren Fragen nachgehen: Die Sportwelt folgt einem kapitalistischen System, sie wird immer kommerzieller. Zum Beispiel werden Zuschauertickets absurd teuer verkauft, doch die Kommerzialisierung geht noch darüber hinaus. Was macht das mit uns als Gesellschaft?

„Die Sportwelt folgt einem kapitalistischen System, in dem Zuschauertickets immer teurer werden. Was macht das mit uns als Gesellschaft?“

Sie haben selbst zehn Jahre lang Fußball in Ell gespielt. Wie hat sich denn Ihre Beziehung zum Sport verändert, nachdem Sie Sportjournalistin wurden?

Das war ein natürlicher Übergang. Ich habe lange Fußball gespielt, doch erst bei einem Clubwechsel angefangen, den Sport anders wahrzunehmen. Damals habe ich gemerkt, wie stark die Sportart in einem kleinen Dorf mit dem Alltagsleben zusammenhängt: Auf einmal wird man Teil der Gemeinschaft. Ich habe gesehen, wie im Verein Politik gemacht wird, wie viel die Leute den Fußball verfolgen und sich aktiv im Verein mitbeteiligen. Die Resultate waren dabei nie so wichtig … Warum verbringt man einen großen Teil seiner Freizeit so? Diese Aspekte haben mich dann zunehmend interessiert.

2023 lief ihr erster Dokumentarfilm „Um Ball – 50 Joer Fraefussball zu Lëtzebuerg“ in den Kinos. Welche Reaktionen bekamen sie auf Ihren Film?

Es gab richtig positive Rückmeldungen! Auf der Premiere des Films hat sich außerdem ein sehr schöner Moment ergeben: Die dritte Generation von hiesigen Fußballspielerinnen – die von heute – konnte die erste Generation treffen, es wurden Selfies gemacht, das fand ich toll. Bei der ersten Generation handelt es sich um Frauen, die schon in den 1970er-Jahren gespielt haben, obwohl man ihnen damals das Spielen verbot. Denen war das egal. Wenn man heute nachfragt, wann Frauen in Luxemburg anfingen, Fußball zu spielen, hört man aber immer noch Antworten wie „in den 1990er-Jahren“ oder „um die 2000er-Jahre“. Doch Frauenfußball fiel nicht vom Himmel und war auf einmal da. Da stecken jahrzehntelange Kämpfe dahinter. Dieser Falschwahrnehmung setzt sich mein Film entgegen, in dem er die Geschichten einiger dieser Spielerinnen beleuchtet.

„Frauenfußball fiel nicht vom Himmel und war auf einmal da. Da stecken jahrzehntelange Kämpfe dahinter.“

Wie reagierte denn die luxemburgische Fußballfederation?

Von der FLF und dem Sportministerium habe ich nie eine Rückmeldung bekommen. Dabei ist es natürlich eine politische Entscheidung, dem Frauenfußball weniger Sichtbarkeit zu geben – etwa, dass nicht alle Spiele im Fernsehen laufen – als dem Männerfußball. Ich habe dem Sportministerium mein Archiv angeboten: die ganze Recherche und Sammlung von Dokumenten, Fotos und Videos. Die sollte nicht in privater Hand verbleiben. Sie wissen also, dass es diese Recherche gibt. Das Sportministerium war auch auf der Premiere. Sie haben sich dort für die fehlende Rückmeldung entschuldigt. Das Archiv haben sie aber nicht übernommen. Von der Federation habe ich nichts zurückgehört. Wahrscheinlich weil sie die Frauendivision schlicht nie interessiert hat – und es das immer noch nicht tut.

In einem vorherigen Interview mit der woxx, hatten Sie die Frage, ob der Sportjournalismus hierzulande gegen Sexismus ankämpfe, mit „nein“ beantwortet. Wie steht es heute um die Berichterstattung?

Beim Fußball handelt es sich um eine Institution, in der eine Person nur dann Konsequenzen ziehen muss, wenn sie sich nicht länger halten kann. Dann wird eine Person, ein Trainer, ein Spieler, von der Presse visiert, aber nicht die strukturellen Ungleichheiten an sich. Die Institution ist von innen verrottet. Da hängen auch das Sportministerium, die Federationen und viele Clubs mit drin, es ändert sich nichts entscheidendes. Die Medien halten jedoch immer noch hauptsächlich an diesem einen Rhythmus fest, und berichten samstags, sonntags und montags über die letzten Ergebnisse im Sport, mehr nicht.

Nach mehreren Jahren in Serbien, Schottland und Katalonien, lässt sich Tessy Troes ab Ende 2020 wieder in Luxemburg nieder und schreibt und fotografiert für die hiesige Presse, unter anderem auch für die woxx. Seit drei Jahren arbeitet die Journalistin und Fotografin, die auch im Künstler*innenkollektiv „Richtung22“ aktiv ist, als selbständige Filmemacherin. Ihr erster Dokumentarfilm „Um Ball – 50 Joer Fraefussball zu Lëtzebuerg“ erschien im Oktober 2022. Aktuell entwirft Troes eine Kinderserie für den Radiosender „100,7“ und arbeitet an zwei neuen Filmprojekten, darunter einem über den Radsport. Mehr Informationen auf Instagram unter @ttphottos.

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